https://www.zerohedge.com/markets/germany-plans-hand-more-power-regulator-botched-wirecard-disaster

 

Deutschland will dem Regulierer, der das Wirecard-Desaster vermasselt hat, mehr Macht verleihen

 

von Tyler Durden, 29.06.2020 Zerohedge

 

 

Während sich Valdis Dombrovskis bei der ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) über das gigantische Versagen des in Bonn ansässigen Finanzregulierers BaFin beschwert, kämpft die deutsche Regierung darum, ihr Gesicht zu wahren. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz sind über die Untersuchung in Brüssel besorgt, und ein Team versierter Prozessanwälte führt eine große Sammelklage gegen die deutsche Regierung an, wegen mangelndem Anlegerschutz, was zu einem peinlich großen Gerichtsvergleich führen könnte, der die Finanzen der deutschen Regierung weiter untergraben könnte. Die deutsche Regierung ist noch damit beschäftigt, ihren Bruch mit den „Sparsamen Vier“ zu rechtfertigen. (Anm.d.Ü.: die „Frugal Four“ sind Österreich, Dänemark, Niederlande und Schweden)

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Wie sieht also der Plan Berlins aus, nach dem größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte die Aufsicht über öffentliche Unternehmen zu verbessern? Nun, es sieht so aus, als ob der Plan darin besteht, der BaFin mehr Macht zu übertragen, jener Aufsichtsbehörde, die zu einem großen Teil dafür verantwortlich ist, die Sache überhaupt vermasselt zu haben. Als die FT (Financial Times) die Behauptungen von Whistleblowern veröffentlichte, die Buchhaltungsbetrug im Asien-Geschäft des Unternehmens behaupteten, reagierte die BaFin mit einem Verbot von Leerverkäufen von Wirecard-Aktien und leitete Ermittlungen gegen einen der FT-Reporter ein, der gegen Wirecard ermittelte.

Anstatt zu einem ernsthaften Überdenken des regulatorischen Rahmens aufzurufen, versucht Berlin, die Schuld für diese Versäumnisse vollständig auf einen Industriekonzern abzuwälzen, der mit der deutschen Regierung einen Vertrag abgeschlossen hatte, der im Wesentlichen den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die die größten deutschen Unternehmen prüfen, erlaubt, sich selbst zu regulieren.


Die Regierung wird ihren Vertrag mit der Prüfstelle für Rechnungslegung, der Financial Reporting Enforcement Panel (FREP), bereits am Montag kündigen, so die in der Angelegenheit informierten Beamten. Die Befugnis, Untersuchungen über die Finanzberichterstattung von Unternehmen einzuleiten, werde dann der BaFin, der deutschen Finanzaufsichtsbehörde, übertragen, sagten die Beamten.

[…]

 

Die FREP, ein privatwirtschaftliches Gremium mit quasi-offizieller Macht, überwacht im Auftrag der Regierung die Finanzberichterstattung börsennotierter Unternehmen. "Was die Wirecard-Affäre gezeigt hat, ist, dass ... die Selbstregulierung der Wirtschaftsprüfer nicht richtig funktioniert", sagte Jörg Kukies, Deutschlands stellvertretender Finanzminister gegenüber der Financial Times. "Daher werden wir uns unweigerlich fragen müssen, ob die Gremien, die die Branche derzeit regulieren, dies in ihrer jetzigen Form auch weiterhin tun sollten.

 

Das wirft die Frage auf: Wenn Deutschland so besorgt um den Ruf seiner Finanzdienstleistungsindustrie ist (was es nach einem Zusammenbruch vergleichbar mit mit Enron sicherlich sein sollte), warum denkt es dann einfach, dass die Übergabe von noch mehr Macht an die BaFin das Problem lösen wird? Nicht nur, dass die Spitzenbeamten der Aufsichtsbehörde immer noch die Kontrolle haben, sie reagierten auf den Skandal mit den üblichen Entschuldigungen und Plattitüden, aber sie sagten wenig über die tatsächliche Reform, abgesehen von der Übernahme von mehr Macht, um Unternehmen aggressiv zu untersuchen, nachdem sie auf potenzielles Fehlverhalten aufmerksam gemacht wurden.

 

Die Wirecard-Affäre erwies sich als äußerst peinlich für die deutsche Regierung, die befürchtet, dass sie dem Ruf der Finanzdienstleistungsbranche des Landes schaden könnte. Über ihren Sprecher bezeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fall am Freitag als "alarmierend", während Finanzminister Olaf Scholz ihn als "einen Skandal, der in der Finanzwelt nahezu beispiellos ist" bezeichnete.

"Wir sollten die Wirecard-Geschichte als ein Signal sehen, diese Probleme, die schon lange bestehen, anzugehen und radikale Lösungen zu finden", sagte Kukies. "Nur dann können wir die Auswirkungen dieser Affäre eindämmen. Herr Kukies, ein ehemaliger Bankier von Goldman Sachs, der 2018 ins Finanzministerium eintrat, sagte, dass die BaFin "derzeit nur sehr begrenzte Befugnisse" habe, um Wirtschaftsprüfungsunternehmen in Deutschland zu beaufsichtigen. "Wir müssen darüber nachdenken, wie das Regulierungssystem geändert werden sollte", fügte er hinzu.

 

Stattdessen hat Scholz die BaFin verteidigt und behauptet, ihre Entscheidung, Leerverkäufe von Wirecard-Aktien zu verbieten, sei gerechtfertigt, und trotz einer "vernichtenden Kritik" an seinem eigenen Handeln (per Bloomberg) bleibt BaFin-Präsident Felix Hufeld an der Spitze und hat nicht vor, zurückzutreten. Er hat die Versäumnisse weitgehend den Wirtschaftsprüfern angelastet, obwohl die BaFin sehr realistisch gehandelt hat, um de facto als Schoßhund für Markus Braun und das Wirecard-Management zu fungieren.

 
Deutschlands galaktischer Hirnplan zur Reform der Buchhaltungsaufsicht nach dem Wirecard-Fiasko: Geben Sie der BaFin mehr Macht. https://t.co/wMrGV63v6G
- Robert Smith (@BondHack) 28. Juni 2020

Wie ein Twitter-Witz witzelte, könnte die deutsche Regierung genauso gut "Audits komplett absagen, Leerverkäufe komplett verbieten und negative Meinungen über deutsche Unternehmen illegal machen. Die BaFin kann die Anwendung der Regeln ohne Aufsicht überwachen. Machen Sie Braun zum Chef der Bafin. Problem gelöst".
😂
- Robert Smith (@BondHack) 28. Juni 2020

Der berühmte Leerverkäufer Muddy Waters scherzte, dass die Entscheidung gleichbedeutend damit sei, OJ Simpson die Leitung des Familiengerichts zu übertragen.

Das macht Sinn. Während Deutschland mit solch vernünftigen Reformen beschäftigt ist, warum ernennt man OJ Simpson nicht zum Leiter des Familiengerichtssystems?
- MuddyWatersResearch (@muddywatersre) 28. Juni 2020

Für diejenigen, die den Skandal nicht verfolgt haben, ist Folgendes passiert: Durch ein komplexes Hütchenspiel, an dem die Muttergesellschaft von Wirecard in Deutschland und ihre regionalen Tochtergesellschaften beteiligt waren, gelang es dem Unternehmen, die fehlenden ~2 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro, technisch gesehen) drei Jahre lang vor seinem Wirtschaftsprüfer Ernst & Young zu verstecken, wie wir vor einigen Tagen erklärt haben. Es ist natürlich nicht so, dass EY sehr genau hingesehen hätte; in der Tat hat es sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Gelder zu überprüfen, die laut Wirecard auf einem Sonderkonto in Singapur versteckt waren.

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Jetzt ist Wirecard-CEO Markus Braun auf Kaution frei, und dem DAX 30 fehlt ein Unternehmen. Vor allem aber hat der Skandal gezeigt, dass der Zahlungsverkehr nur ein weiterer Bereich des europäischen Finanzsystems ist, der schlecht reguliert ist und leicht ausgenutzt werden kann, nicht unähnlich den AML-Kontrollen (Anm.d.Ü.: Kontrollen gegen Geldwäsche).

 

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