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Weimar 2020

 

von Gilad Atzmon, 08.06.2020

 

 

Habt ihr die merkwürdige Tatsache bemerkt, dass sich die Wall Street trotz des Lockdown, der Wirtschaftskrise, zig Millionen Arbeitsloser und zahlreicher bankrotter Unternehmen in Feierlaune befindet? Jim Cramer von CNBC untersuchte diese Anomalie vor einigen Tagen, sein Urteil: "Wir haben es hier mit einer V-förmigen Erholung des Aktienmarktes zu tun, und das hat fast gar nichts mit einer V-förmigen Erholung der Wirtschaft zu tun. Was hier geschieht, ist einer der größten Vermögenstransfers der Geschichte".

 

 

Wie kann sich der Markt erholen, wenn die Wirtschaft das nicht getan hat? Cramers Antwort ist so einfach. "Weil der Markt nicht die Wirtschaft repräsentiert; er repräsentiert die Zukunft des Großkapitals".

 

Cramer weist darauf hin, dass, während die kleinen Unternehmen wie die Fliegen umfallen, die großen Unternehmen – natürlich mit größerem Wohlstand – die Krise praktisch unbeschadet überstehen.

 

Cramer geht davon aus, dass der Transfer einen "schrecklichen Effekt" auf die USA haben wird. Wir erleben bereits einen Tsunami von Konkursen. Die wirtschaftlichen Folgen sind unvermeidlich. Bundesdaten zeigen, dass die Nation mit einer Arbeitslosenquote von 13,3 Prozent konfrontiert ist. Das Vermögen der US-Milliardäre stieg zwischen dem 18. März und dem 4. Juni um 565 Milliarden Dollar, während im gleichen Zeitraum von 11 Wochen 42,6 Millionen Amerikaner Arbeitslosenanträge stellten. Die Ergebnisse sind verheerend, wenn auch kaum eine Nachricht wert: Während das amerikanische Volk immer ärmer wird, werden die Reichen immer reicher.

 

Man sollte meinen, dass die amerikanische Linke und die progressiven politischen Institutionen als erste wegen dieser Entwicklungen alarmiert sein würden. Wir neigen dazu zu glauben, dass die Mäßigung der Reichen und ihrer Gier, die Sorge um die arbeitenden Menschen und der Kampf für Chancengleichheit und Gerechtigkeit im Allgemeinen die Hauptanliegen der Linken sind.

 

Die amerikanische Realität legt jedoch das Gegenteil nahe. Anstatt uns in einem erbitterten Kampf gegen die Wall Street und ihren Raubüberfall am helllichten Tag auf das, was vom amerikanischen Reichtum übrig geblieben ist, zu vereinen, investiert die amerikanische Linke ihre letzten Tropfen politischer Energie in einen "Rassenkrieg". Anstatt sich zu den ideologischen Grundwerten der Linken zu bekennen, nämlich: Klassenkampf, der uns zu einer wütenden Faust des Widerstandes gegen diesen Diebstahl und die Diskriminierung vereint, und ohne Rücksicht auf unsere Rasse, unser Geschlecht oder unsere sexuelle Orientierung, bringt uns die amerikanische Linke dazu, uns gegenseitig zu bekämpfen.

 

Das Schweigen der Linken zu den aktuellen "Vermögenstransfers" an der Wall Street ist kein Zufall. Die amerikanische Linke und die progressiven Institutionen werden finanziell von der Wall Street und von globalen Finanziers unterstützt. Diese Finanzierung bedeutet, dass die amerikanische Linke in der Praxis als eine kontrollierte Opposition agiert. Sie behält ihre Relevanz, indem sie soziale und rassische Spannungen aufrechterhält, die die Aufmerksamkeit von der Wall Street und ihren Verbrechen ablenken. Die so genannte "Linke" zögert auch, auf die Wall Street und ihren gegenwärtigen Diebstahl hinzuweisen, da eine solche Kritik, so legitim sie auch sein mag, von den jüdischen Institutionen, die sich selbst zur Polizei der öffentlichen Debatte im Westen ernannt haben, sofort als "antisemitisch" getadelt werden würde.

 

Es gibt reichlich Geschichte zu dieser spalterischen Politik der Linken und der Art und Weise, wie es oft damit endet, die Arbeiterklasse zu verraten. Der Zusammenbruch der deutschen Linken in den frühen 1930er Jahren ist wahrscheinlich die interessanteste Fallstudie dazu.

 

Vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 1929 war die faschistische Bewegung in Deutschland ein relativ marginales Phänomen, das aus verschiedenen konkurrierenden Fraktionen bestand. Bei den Wahlen von 1928 erhielt die Nazi-Partei 2,8 Prozent (810.000 Stimmen) der abgegebenen Stimmen. Doch dann führte der Zusammenbruch von 1929 zu einem raschen und starken Anstieg der Arbeitslosigkeit; von 1,2 Millionen im Juni 1929 auf 6 Millionen im Januar 1932. Inmitten der Krise ging die Produktion von 1929 bis Ende 1931 um 41,4 Prozent zurück, was zu einer sprunghaften Zunahme der Armut führte. Wie Millionen Amerikaner im Moment verbrachten Anfang der 1930er Jahre Millionen Deutsche viele Tage und Nächte in Lebensmittelschlangen.

 

Man sollte annehmen, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus von den deutschen Kommunisten und Marxisten politisch gefeiert worden wäre, da die Deutschen sowohl die Hoffnung auf die "bürgerliche Demokratie" als auch auf den Kapitalismus verloren hatten. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) hat, wie die Nazi-Partei, nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihre Macht exponentiell ausgebaut. Doch die deutsche Linke verpasste ihre goldene Chance. Trotz der Armut und der Sparmaßnahmen war es Hitler, der schließlich die Herzen und Seelen der deutschen Arbeiterklasse gewann. Bis zu den Wahlen im September 1930 hatte Hitler 18,3 Prozent und dann im Juli 1932 37,4 Prozent gewonnen. In nur vier Jahren erhöhten die Nazis ihre Unterstützung um 13 Millionen Stimmen.

 

Es ist viel über das Versagen der deutschen Linken, sowohl der Marxisten als auch der Kommunisten, geschrieben worden, Hitler und den Faschismus zu bekämpfen. Einige Marxisten sind ehrlich genug zuzugeben, dass es eigentlich die KPD war, ihre autoritäre und spalterische Politik, die den Weg für Hitler und den Nazismus geebnet hat.

 

Wie Stalin war auch die deutsche KPD schnell zur Hand, den Begriff "faschistisch" für alle politischen Gegner zu verwenden. In einem Akt der allmählichen Selbstmarginalisierung reduzierte sich die deutsche Linke in irrationalen politischen Lärm, der schließlich den Bezug zur Realität verlor. Die KPD war so weit davon entfernt, den politischen Umschwung in Deutschland zu verstehen, dass die KPD am 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hitler zum Kanzler Deutschlands ernannt wurde, törichterweise erklärte: "Nach Hitler werden wir die Macht übernehmen!"

 

Wie die amerikanische radikale Linke heute kämpfte die KPD von 1929 bis 1933 in Straßenschlachten gegen die Nazis. Diese Kämpfe kosteten Hunderten von Nazis und KPD-Mitgliedern das Leben. Aber 1933 zahlte keine politische Gruppe einen so hohen Blutpreis wie die KPD. Fast ein Drittel der KPD-Mitglieder landete im Gefängnis.

 

Es ist bemerkenswert, dass einer der beunruhigendsten Aspekte linker Politik die eigentümliche Tatsache ist, dass Agitatoren, die behaupten, von der "Dialektik" inspiriert zu sein, blind für ihre eigene ideologische Vergangenheit erscheinen. Infolgedessen sind sie von der Gegenwart losgelöst und völlig von einem Konzept der "Zukunft" entfernt.

 

Ich sage schon seit einiger Zeit, dass Trump oft die richtigen Entscheidungen trifft, wenn auch immer aus den falschen Gründen. Zum Beispiel erklärte er im Namen des 1. Verfassungszusatzes dem Autoritarismus der sozialen Medien den "Krieg". Obwohl dies eindeutig das richtige Ergebnis ist, ist Trump nicht durch irgendeine echte Sorge um "Redefreiheit" oder "Menschenrechte" motiviert. Er ist einfach verärgert, dass seine Tweets einer "Faktenprüfung" unterzogen werden. Die Linke neigt seltsamerweise dazu, falsche Entscheidungen zu treffen, wenn auch meist aus guten Gründen. Der Kampf gegen Rassismus ist zweifellos ein wichtiges Ziel; die Bekämpfung der amerikanischen Polizeibrutalität oder der Rassendiskriminierung ist ein großer und entscheidender Kampf, aber das Schüren eines Rassenkonflikts ist der schlechteste Weg zur Beseitigung von Rassismus und Diskriminierung. Eine solche Taktik wird die Kluft, die die amerikanische Arbeiterklasse bereits spaltet, nur noch vertiefen. Ich frage mich, ob diese Kluft genau das ist, was die amerikanische Linke zu erreichen versucht: Wird sie möglicherweise dafür bezahlt?

 

Heute, da sich die amerikanischen Progressiven und Linken auf einen langen unerbittlichen Kampf vorbereiten, habe ich einen kleinen Rat anzubieten. Die Geschichte lehrt uns, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn die Bedingungen für eine marxistische Revolution perfekt sind. Wenn ihr auf einen Rassenkonflikt und eine weitere Zersplitterung der amerikanischen Gesellschaft drängt, so bedenkt, dass ihr am Ende vielleicht auf eine echte Trump-Figur (im Gegensatz zu Donald) stoßen werdet, die vielleicht in der Lage ist, Amerika zu vereinen und es wirklich großartig zu machen, aber ihr werdet euren Platz darin nicht finden.

 

Kommentare: 6
  • #6

    Dude (Donnerstag, 11 Juni 2020 18:27)

    "Die Geschichte lehrt uns, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn die Bedingungen für eine marxistische Revolution perfekt sind."

    Ha, oh, Wunder!
    Latürnich! Marxismus IST Faschismus!

    Ps. Hab mir diesen Cramer gegeben. Das ist ja grauenhafter. Der Typ ist noch schlimmer als Alex Jones! Da hat CNBCs Personalabteilung vermutlich gezielt so ein Arschloch gesucht, weil sie sahen, wie viele Clicks der Trottel Jones generiert. :-)

  • #5

    Ge.Schütz (Dienstag, 09 Juni 2020 19:56)

    Es geht nicht um den Sozialismus oder den Kapitalismus.
    Es geht um die, welche die Gesellschaft beherrschen.

    Entweder es gilt: Gemeinnutz geht vor Eigennutz
    ODER Eigennutz hat Vorfahrt !!

    Entweder Volksherrschaft oder Herrschaft einer Elite.
    Entweder die Banken dienen der Wirtschaft und die Wirtschaft dient dem Volke
    ODER
    Das Volk wird durch die Wirtschaft ausgebeutet, indem die Banken die Strippen ziehen. Dann wird der Gewinn durch Wucher größer als der von Menschenhand erzielte Gewinn.

  • #4

    Freiherr von Reich (Dienstag, 09 Juni 2020 16:36)

    Ich habe mit verschiedenen Landwirten gesprochen. Die sind durchweg nicht bereit für den Ernstfall vor zu sorgen, weil ihnen dann ja doch alles mit Gewalt genommen werden würde. Mein eigenes Vorhaben eine Rinderherde mit über 60 Tieren zu übernehmen, habe ich vor wegen des mir zu hohen Diebstahlrisikos aufgegeben.
    Seit ich durch meine Beschäftigung mit dem Thema Fleischdiät gelernt habe, dass für den Mensch eine reine Fleisch/Fett-Diät nicht nur möglich, sondern sogar optimal ist, bin ich mir übrigens sehr sicher, dass bei einer Nahrungskrise Kannibalismus hier in Deutschland ziemlich schnell sehr normal wird. Googeln mit “ukraine hungersnot kannibalismus” führt zu Berichten vom praktischen Beispiel einer Hungersnot.
    Symptome die darauf hinweisen, dass sich Kannibalismus in Deutschland bei einer Hungersnot schnell ausbreiten könnte, sind übrigens auch die Legalisierung der Abtreibung, die man durchaus auch als eine Art Raubmord betrachten kann, weil da ein unschuldiger Mensch, der sich nicht wehren kann kaltblütig getötet wird, um einem anderen einen materiellen oder psychologischen Vorteil zu verschaffen. Auch die Organspendediskussion geht in diese gruselige Richtung: Der Aufruf zu und Legalisierung von Organspenden heißt letztlich “Es ist gut Körperteile zur Erhaltung oder Verbesserung des Lebens anderer ab zu geben – oder auch von anderen zu nehmen”. Was spricht dann noch dagegen bei einer Hungersnot gleich komplette Mitmenschen zum Zwecke der Verlängerung des Lebens und zur Erhaltung der Gesundheit zu töten und zu verspeisen? Die deutsche “Willkommenskultur” lässt mich seit der Beschäftigung mit diesem Thema sehr an das Märchen von Hänsel- und Gretel denken. Wir erinnern uns. Die alte Hexe hat die wegen einer Hungernot im Wald herumirrenden Kinder mit Zuckerzeug und anderen Kohlenhydraten angelockt, weil sie sie verspeisen wollte. Aber zumindest im Märchen ist dann die Hexe im Backofen gelandet und die Kinder sind mit den Schätzen der Hexe nach Hause zurück gekehrt.
    Wir sind eine sehr barbarische Gesellschaft, die nur durch die Verfügbarkeit großer Mengen billiger fossiler Energie und der damit reichlichen Versorgung mit Lebensmitteln, Spielzeugen und Unterhaltung vorübergehend friedlich und scheinbar “gut” ist.

  • #3

    Propapanda (Dienstag, 09 Juni 2020 13:57)

    Wo - in diesem Nullsummenartikel - bleibt eigentlich die Rolle der sPD?

  • #2

    Humml (Dienstag, 09 Juni 2020 11:00)

    1.
    Zunächst einmal wäre da zu klären, was das in den U.S.A. überhaupt ist, die "Linke".
    Wir haben ja schon so Aberwitziges gelesen, wonach die Demokratische Partei "links" sei oder zumindest einen linken Flügel habe oder gar CNN, die NYT u.ä.
    Wir haben schon Probleme die hiesige Partei "Die Linke" als durchweg "links" anzusehen. Freilich gibt es in dieser Partei sicher auch Linke, aber "Linksliberal" oder "Linkslibertär" ist eben nicht o.w. links, ebensowenig, wie "Stalinistisch" o.w. kommunistisch ist und "Antideutsch" ist genauso links, wie "Nationalsozialistisch" sozialistisch ist.
    Und daß ein Staat, der die Verantwortung für das Volk dem "Markt" überläßt, "demokratisch" sei, scheint so eine Art flächendeckend Grundüberzeugung zu sein.)

    2.
    Der Vergleich mit "Weimar" ist äußerst billig zu haben, im Grunde genauso billig, wie diejenigen, die auf die Bedeutung des klassischen Nationalstaates gerade für so etwas wie "Demokratie" abheben, durchweg mit "Nationalist" oder gar "Nazi" zu etikettieren - ganz abgesehen davon, daß die Deutungshoheit von Geschichte bei denjenigen liegt, die bestehende Verhältnisse gut heißen, die bereits seit den 70iger Jahren laufende, nach 1990 sich beschleunigende Transformationsprozesse wie ein "Naturgesetz" vergöttern.

    3.
    Die Spaltung der sog. Arbeiterbewegung begann lange vor den 30iger Jahren.
    Sie wurde 1914 mit der Bewilligung sog Kriegsanleihen durch die SPD manifest. Damals spielte man die "nationalistische Karte" - sehr erfolgreich.
    Heute ist es die "globalistische", und man ist interessanterweise genau so erfolgreich.

  • #1

    Klaus-Peter Kostag (Dienstag, 09 Juni 2020 08:30)

    Dass die deutschen Arbeiter plötzlich Hitlers Partei wählten, liegt weniger an den deutschen Kommunisten, denn den deutschen Sozialdemokraten. Aber mir bleibt eine Frage: Wie haben die etwa 10 Millionen deutschen Juden eigentlich gewählt? Denn die im Riegner-Bericht von 1942 irrtümlich erhobenen nur dreieinhalb bis vier Millionen Juden in Deutschland und besetzten Gebieten ist grundfalsch. Das bestätigt bereits eine einfache Addition zweier weitbekannter, bis ins letzte Detail bewiesener Zahlen, nämlich 6 Millionen hauptsächlich in KZ's vernichteter jüdischer Leben und 4,5 Millionen gottseidank entschädigter jüdische Antragsteller für in Nazideutschland erlittenes Unrecht (bestätigt so vom wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages anhand von Dokumenten des Finanzamtes). Konnten also die vielleicht etwa drei Millionen jüdischer Wahlberechtigten den Umfall der deutschen Sozialdemokratie-Arbeiterklasse nicht wettmachen, indem sie eben nicht für Hitler stimmten?