https://kunstler.com/clusterfuck-nation/rumors-of-war/

 

Kriegs-Gerüchte

 

von James Howard Kunstler, 27.05.2019

 

 

Der Wettlauf in den wirtschaftlichen Zusammenbruch ist ein internationaler Wettbewerb, der Bedrohungen und Spannungen hervorruft, die ein Kriegsgespenst hervorrufen. Das implodierende Zentrum dieses Zusammenbruchs ist die industrielle Technokratie, die auf fossilen Brennstoffen beruht. Alle Nationen werden das nach unterschiedlichen Zeitplänen durchlaufen. Es spielt sich langsam, schmerzhaft und trügerisch ab – daher mein Begriff dafür: die langwierige Notlage.

Folgt man den geistig heruntergekommenen Medien, die nicht einmal fähig sind, die Wahnvorstellungen des Tages zu analysieren, könnte man zum Beispiel annehmen, dass die USA und China einen symbolischen Kampf um eine Schwergewichts-Weltmeistermeisterschaft führen. Vielmehr flippen beide wegen eines voraussichtlichen wirtschaftlichen Abschwungs aus, der es unmöglich machen wird, ihre derzeitigen Bevölkerungen auch nur annähernd auf dem Niveau jenes Komforts zu halten, den sie in letzter Zeit erreicht haben.

Für China bedeutet das in sehr kurzer Zeit. Bis zum Jahrtausendwechsel lebten die meisten Chinesen so, als ob das zwölfte Jahrhundert nie zu Ende gegangen wäre. Seit nur zwei Jahrzehnten fährt eine neue und ziemlich große chinesische Mittelschicht mit ihren Autos auf Autobahnen, isst Cheeseburger, trägt Designer Blue Jeans, schießt Selfies am Eiffelturm und träumt sogar von Mondfahrten. Sie hatten noch kaum Zeit, sich dekadent zu verhalten.

Das zu erreichen, war eine große Leistung. China verdichtete seine Version der industriellen Revolution in wenige Jahrzehnte und holte zu einem müden, abgestumpften Westen auf, der zweihundert Jahre brauchte, um "Modernität" zu erreichen, und jetzt scheinen sie uns zu übertreffen – was der Grund für so viel Spannung und Angst in unseren Beziehungen ist. Die eigentliche Nachricht ist: Wir alle befinden uns bereits am Höhepunkt dieses Films. Niemand wird niemanden übertreffen.

 

Der Grund dafür ist der Rückgang der bezahlbaren Energie, um die unglaublich komplexen Systeme zu betreiben, an die wir uns so gewöhnt haben. China hatte nie sehr viel Erdöl. Sie importieren heute über 10 Millionen Barrel pro Tag, und das meiste davon kommt aus der Ferne und muss einige sehr gefährliche Seewege wie die Straßen von Hormuz und Malakka passieren. Sie betreiben die Dinge hauptsächlich mit Kohle, und sie sind weit über den Gipfel hinaus – und lasst uns nicht die ökologischen Auswirkungen dessen diskutieren, was sie immer noch verbrennen. Selbst einige intelligente Beobachter im Westen denken, dass die Chinesen gigantische Fortschritte bei den alternativen Energien gemacht haben und bald frei von alten Beschränkungen sein werden, aber das ist ein Hirngespinst. Sie haben die gleichen Enttäuschungen über Wind und Sonne erlebt wie wir. Alternative Energien führen weder monetär noch physisch zu etwas. Außerdem braucht man unbedingt fossile Brennstoffe, um dies zu ermöglichen, selbst als Wissenschaftsprojekt.

Die USA leiden selbstgefällig und dumm unter dem Eindruck, dass das "Schieferölwunder" unseren Energiesorgen ein Ende gesetzt habe. Das kommt von einer dummen Verknüpfung des Wunschdenkens zwischen einer gehetzten Bevölkerung, einer unehrlichen Regierung und den bereits erwähnten hirngeschädigten Nachrichtenmedien. Wir wollen mit aller Kraft glauben, dass wir die Autobahnen, WalMart, das Agrar-Business, DisneyWorld, das US-Militär und die Vororte so weiterführen können wie sie sind, für immer und ewig. Daher verbreiten wir unsere beruhigenden Fantasien über "Energieunabhängigkeit" und "Saudi-Amerika". In der Zwischenzeit verdienen die Fracking-Gesellschaften nicht einen Cent, wenn sie das Zeug aus dem Boden holen. Im Moment halten die ultra-niedrig verzinsten Kredite, die auf dem Rücken all dieses Wunschdenkens reiten, den Betrug in Gang und Amerikas Illusionen aufrecht.

Die Enttäuschung über diese Denkfehler wird gigantisch sein. Tatsächlich ist es das bereits, wenn man bedenkt, wie viele Menschen im erwerbsfähigen Alter ohne Arbeit oder Lebenssinn sind und sich im Hinterland mit Opiaten das Leben nehmen. Die Hipster von Brooklyn und Silicon Valley sind noch nicht an diesem Punkt angekommen, denn ein großer Teil von Amerikas sinkender Kapitalproduktivität fließt immer noch auf ihre Bankkonten – was ein sonniges Leben mit Karamelschaum-Macchiatos, Abendessen mit Produkten frisch vom Bauernhof und Operationen zur sexuellen Neuausrichtung ermöglicht.

Die USA und China sind eigentlich eher wie zwei Passagiere eines sinkenden Schiffes, die um einen einzigen Rettungsring streiten – der durch einen mächtigen Strom der Geschichte ständig außerhalb der Reichweite beider verzweifelter Parteien driftet. Diese Strömung ist diejenige, die den Nationen buchstäblich sagt, sich um ihr eigenes Geschäft zu kümmern, sich darauf vorzubereiten, ihre eigenen Wege zu gehen, sich irgendwie selbst zu versorgen, endlich die Grenzen des Wachstums zu konfrontieren, alle ihre Handlungen zu vereinfachen und zu verkleinern.

Leider werden die USA und China – und alle anderen – anscheinend schreiend und um sich tretend zu diesen umwälzenden Erkenntnissen geschleppt. (So geht es auch bei den Qualen um den Brexit.) In der Zwischenzeit könnten wir uns entscheiden, es mit einem Kampf um eine imaginäre Weltmeisterschaft auszufechten, nur weil wir noch die Mittel haben, es zu versuchen. Ein solcher Wettbewerb würde sicherlich die Reise in unser verhängnisvolles Schicksal beschleunigen, aber nicht auf gute Art.

 

Kommentare: 0