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Die Iden und die Tiden

 

von James Howard Kunstler, 11.03.2019

 

 

So wie man von Präsidenten erwartet, dass sie präsidial agieren, so erwartet man von den Vorsitzenden der Federal Reserve, dass sie wie ein Orakel sprechen – wie ein halb übernatürliches Wesen, das ab und an aus einer Höhle mit mathematischen Geheimnissen kriecht, um voller Zuversicht kryptische Dinge über die Mysterien der Wirtschaft zu äußern. Und so hat man also Jerome Powell zur CBS-Sendung 60 Minutes herangekarrt, wie einen alten Holzindianer auf einem Antikmarkt, so schön geschnitzt und farbig verziert, dass man fast geglaubt hätte, er würde etwas sagen.

 

Vielleicht war es eine Halluzination, aber ich hörte ihn sagen, dass „die Wirtschaft in einer guten Verfassung sei“, und dass „die Aussichten günstig sind“. Hab's begriffen. Rangier den Laster an die Laderampe und füll ihn mit Tesla-Aktien! Ich hörte ihn auch sagen: „Die Inflation ist verhalten.“ Das muss wohl der Witz in der Sendung gewesen sein, denn im Supermarkt gibt es kaum ein Ding, dass heute weniger als fünf Dollar kostet. Aber im Ernst, wann war das letzte Mal, dass du vor einem Aldi einen Holzindianer gesehen hast? Da braucht es schon siebzehn Mathematiker mit Doktortitel der Federal Reserve, um sich so eine Zeile auszudenken: Die Inflation ist verhalten.

 

Am besten war Mr. Powells Erklärung für die Rekordzahl an Autobesitzern, die mit ihren monatlichen Raten in Rückstand sind: „...nicht jeder hat an dem weit verbreiteten Wohlstand teil, den wir haben.“ Trööt, trööt, trööt. Da dröhnen die Autohupen. Was er sagen wollte: Hedgefondsmanager, Aktienspekulanten und höheres Management kommen ganz gut zurecht, während das Ausquetschen des restlichen Landes weitergeht, und ihr miserablen, krankhaft fettleibigen, tätowierten Hirngeschädigten, die ihr das im Mittleren Westen in euren Buden anschaut, hättet es euch zweimal überlegen sollen, bevor ihr aus der Berufsschule aussteigt und im Kühllager von Sysco (Anm.d.Ü.: einem der weltweit größten Lieferanten für Lebensmittel) Gabelstapler fahrt (wo ihr wahrscheinlich eh nur die Hälfte der ofenfertigen Chicken-Nuggets klaut).

 

Sein Gesprächspartner Scott Pelley fragte das Orakel nach „jener halben Million Menschen, die es aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen“. Hat er sich diese Zahl aus der Unterhose gezogen? Die Gesamtzahl der Nicht-Beschäftigten liegt eher bei 95 Millionen, und wenn man die Rentner, die Schüler und die Behinderten herausrechnet, dann liegt diese Zahl eher bei 7,5 Millionen. Es gab irgendein Geschwätz über die „Opioid-Epidemie“, das Fazit lautete: Lern doch programmieren, junger Mann. Ich persönlich war genauso beeindruckt wie vor zehn Jahren, als das Orakel Ben Bernanke voller Überzeugung dem Kongress erklärte, dass die Turbulenzen im Hypotheken-Land „unter Kontrolle“ seien.

 

David Leonhardt von der New York Times hatte in seiner Kolumne am Montag einen echten Brüller über den Zustand der Wirtschaft:

 

Die Amerikaner sparen mehr und geben weniger aus, zum Teil weil die Reichen derzeit so viel vom Einkommen der Wirtschaft abschöpfen – und die Reichen geben einen genauso großen Anteil ihres Einkommens aus wie die Armen und die Mittelschicht.“

 

Vorschlag an Mr. Leonhardt: Lerne programmieren.

 

 

Hier ist, was in diesem Monster, das wir als „die Wirtschaft“ bezeichnen, tatsächlich vor sich geht: Die Globalisierung geht zurück, da ein Jahrzehnt aus Intrigen der Zentralbanken an ihre Grenzen der Täuschung stößt und die großen Handelsnationen wenig mehr als vergleichbare Nachteile haben. Europa löst sich in einem politischen Chaos auf. Japan kannibalisiert sich in Vorbereitung auf seine Rückkehr zu einem Tokugawa-Shogunat (Anm.d.Ü.: feudale Militärherrschaft von 1603 bis 1867). China stöhnt unter Fabriken, die zu viel produzieren; Amerika stöhnt unter so viel von diesem Zeug, dass es sich in eine Nation aus privaten Flohmärkten verwandelt. Vor dem Hintergrund all dessen haben wir die problematischen Ströme von Erdöltankern, die durch die gefährlichen Nadelöhre wie die Straße von Malakka und die Meerenge von Hormuz fahren, mit einem sich anbahnenden Angebotshorizont, da die US-Schieferölproduktion aufgrund unbezahlbarer Schulden zu ersticken droht.

 

Es war schon mal leichter, eine wirtschaftliche Stabilität vorzugaukeln, während jetzt die ganzen Perversitäten im Finanz- und Bankenwesen im gegenwärtigen Fiasko der Regierungen zu Tage treten. Aber nun hat die Ebbe eingesetzt und ein weiteres Ersatz-Orakel, Warren Buffet, hat über solche Situationen einmal gesagt: „Bald werden wir sehen, wer keine Badehose anhat“. In der amerikanischen Lagune werden wir bald das grässliche Schauspiel eines gestrandeten Wales erleben, sein Name ist Präsident Trump, der hilflos in den Schlammpfützen herumzappeln und unausgereifte Klagelieder aus seinem Blasloch blasen wird. Ironischerweise wird er zappeln und keuchen, während gleichzeitig seine Gegenspieler in einer roten Algenflut aus Anklagen gefangen sein werden, darunter vielleicht sogar der Captain Ahab des Widerstands: Robert Mueller.

 

Wir haben die Iden des März.

 

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