https://ahtribune.com/world/north-africa-south-west-asia/syria-crisis/3705-deceptive-documentary-for-sama.html

 

Ein schöner, aber betrügerischer Dokumentarfilm:

„Für Sama“

 

von Rick Sterling, 09.12.2019

 

(Anm.d.Ü.: Filmstart in Deutschland: 5. März 2020

http://www.filmstarts.de/kritiken/271480.html )

 

Der Dokumentarfilm „Für Sama“ hat in Nordamerika und Europa eine Reihe von Preisen gewonnen. Die Produzenten und Hauptcharaktere, die Syrerin Waad Kateab und ihr Mann Dr. Hamza Kateab haben zusammen mit dem englischen Filmemacher Edward Watts überschwängliches Lob eingeheimst. Und es werden vermutlich weitere Preise hinzukommen.

 

(Anm.d.Ü.: „Für Sama“ hat bereits über 50 Preise bekommen, darunter den Prix L'Oeil d'Or für den besten Dokumentarfilm bei den Filmfestspielen von Cannes, den Grand Jury Award für den besten Dokumentarfilm beim 2019 SXWS Film Festival. Er ist auch für den Oscar nominiert, die Preisverleihung findet am 9. Februar 2020 statt.)

 

Leider ist der Film „Für Sama“ hinter einer Geschichte, die das Leben schreibt, nur Propaganda: verzerrend, irreführend und politisch parteiisch.

 

Grundlegende Fakten zu Aleppo werden versteckt

 

Für Sama“ ist eine Doku in Spielfilmlänge mit einer bewegenden persönlichen Geschichte. Eine Story über eine junge Liebe wird mit der Geburt eines Kindes – Sama – kombiniert, mitten im Krieg. Das macht es fesselnd und persönlich. Aber der Film verzerrt grundlegend die Realität in Ost-Aleppo zwischen 2012 und 2016. Das persönliche Narrativ mag vielleicht stimmen, aber der Kontext und die Umgebung sind verzerrt und unsichtbar. Der Zuschauer wird keine Vorstellung von der Realität erhalten:

 

Die meisten Einwohner von Ost-Aleppo wollten nicht, dass die Militanten ihre Nachbarschaft übernehmen. Das Kurzvideo „Nine Days from my Window“ zeigt die Übernahme des Viertels:

 

Viele Zivilisten sind aus der Ostseite Aleppos geflüchtet, nachdem die „Rebellen“ übernommen hatten. Jene die geblieben sind, waren zumeist Militante (und ihre Familien), zusammen mit denen, die nicht wussten wohin und jenen, die dachten, sie könnten das aussitzen.

 

Die Militanten, die Ost-Aleppo übernommen hatten, wurden zunehmend unpopulär. Der amerikanische Journalist James Foley schrieb: „Aleppo, eine Stadt mit etwa 3 Millionen Einwohnern, war einst das Finanzzentrum von Syrien. Während sich die Lage verschlechtert, verlieren viele Zivilisten die Geduld mit der zunehmend gewalttätigen und undurchsichtigen Opposition – eine Opposition, die durch interne Kämpfe und einen Mangel am Strukturen behindert wird und tief mit ausländischen Kämpfern und terroristischen Gruppen infiltriert ist.“

 

Foleys ehrliche Berichterstattung mag zu seinem Tod beigetragen haben.

 

Die Oppositionsgruppe, die Ost-Aleppo dominiert hat, war die syrische Version von AlQaeda, Jabhat al Nusra. „Für Sama“ ignoriert deren Dominanz, Extremismus und sektiererische Politik. Es gibt nur einen einzigen flüchtigen Bezug und keine Videoaufnahmen darüber, wer genau Ost-Aleppo beherrscht hat.

 

Ja, die Militanten (auch als „Rebellen“ bekannt) waren unglaublich gewalttätig und gemein. Ein paar Beispiele: Postbedienstete wurden vom Dach eines Gebäudes geworfen; sie haben eine Lkw-Bombe ins Al Kindi Hospital gefahren; sie haben syrische Soldaten abgeschlachtet als die das Krankenhaus verteidigen wollten; und sie haben sich selbst gefilmt, als sie einen Jungen enthauptet haben.

                 (Postbedienstete von einem Gebäude geworfen)

 

      (Selbstmordfahrzeug explodiert beim Al Kindi Hospital, Aleppo)

 

                       (Nusra-Milizen töten syrische Soldaten,

                 die das Al Kindi Hospital verteidigen wollten)

 

85% der Zivilisten lebten im von der Regierung kontrollierten Westteil der Stadt. Tausende wurden durch Scharfschützen der Rebellen, durch Mörser und Hell Cannon Raketen aus dem Osten Aleppos getötet. Dieses kurze Video beschreibt die Situation in West-Aleppo, die in der Doku „Für Sama“ völlig ignoriert wird.

https://www.bbc.com/news/av/world-middle-east-27869839/syria-crisis-the-victims-inside-west-aleppo

 

Das Krankenhaus Al Quds wurde NICHT zerstört

 

In der Doku „Für Sama“ wird das „Al Quds Hospital“ gezeigt. Hier hat Hamza gearbeitet und hier wurde Sama geboren. Laut dem Film wurde das Krankenhaus im Februar 2016 zerstört. Zu jener Zeit gab es einen enormen Öffentlichkeitsrummel um das Krankenhaus und Anschuldigungen, die Russen hätten das Hospital absichtlich bombardiert. Doctors Without Borders (Medecins sans Frontieres/MSF) twitterte: „Wir sind wütend über die Zerstörung des Al Quds Hospitals in #Aleppo“. Diese Behauptungen werden in der Doku wiederholt. Es gab zu jener Zeit Fragen und Zweifel über die Authentizität der Schilderung. Es stellte sich heraus, dass das „Al Quds Hospital“ vor dem Konflikt gar nicht existierte und nur ein oder zwei Etagen in einem Wohngebäude waren. Es stellte sich heraus, dass Doctors Without Borders kein Personal vor Ort hatte und einfach die ihnen erzählte Schilderung akzeptiert hat. Nachdem Ost-Aleppo befreit war, besuchte ein bekannter Arzt aus West-Aleppo, Dr. Nabil Antaki, den Ort und fand die Wahrheit heraus. Er war lange Jahre Arzt und hatte noch nie vom Al Quds Hospital gehört. Er berichtete:

 

Ich besuchte am Sonntag, den 12. Februar 2017 das Viertel Ansari-Sukari, um die Krankenhäuser Zarzour und Al Quds zu besuchen. Mein Führer war ein junger Mann, der dort lebte und die Gegend sehr gut kennt.

Meine erste Station war das Krankenhaus von Zarzour (wird im MSF-Bericht erwähnt) und ich erfuhr, dass es ausgebrannt war. Mein Führer erzählte mir, dass die Rebellen es am Tag vor der Evakuierung angezündet haben (Informationen, die von einer hohen Position bestätigt wurden, die beim syrischen Roten Halbmond verantwortlich ist). Auf dem Gehweg fand ich Hunderte von verbrannten neuen Blutbeuteln (zur Sammlung von Blutspenden). Ein Mann, den ich dort traf, lud mich ein, sein Gebäude direkt neben dem Krankenhaus zu besuchen. Sein Gebäude wurde ebenfalls verbrannt und auf den Böden fand ich Hunderte von Infusionsbeuteln.

Dann zogen wir weiter zur Ain Jalout Schule. Tatsächlich gibt es 3 zusammenhängende Schulen. Zwei sind völlig zerstört, eine ist teilweise zerstört. Hinter den Schulen befindet sich eine Moschee namens Abbas-Moschee mit ihrem Minarett. Mein Reiseleiter antwortete mir auf meine Überraschung, dass Schulen durch Luftangriffe zerstört wurden, und sagte mir, dass die Moschee ein Hauptquartier der Rebellen war und eine Schule ein Munitionsdepot und die andere ein Lebensmitteldepot. Ich bemerkte die Flagge von Al Nusra, die auf die Außenwand der Schule gemalt war, und Dutzende von Gebäuden in der Umgebung waren teilweise zerstört.

Dann gingen wir ins Al Quds Hospital. Offensichtlich ist es das am besten erhaltene Gebäude der Straße. Offensichtlich wurde es nicht direkt von Bomben getroffen und wurde wahrscheinlich von einigen Fragmente von Bomben getroffen, die auf ein anderes Gebäude gefallen sind. Ich fragte meinen Reiseleiter, ob eine Instandsetzung oder Reparatur durchgeführt wurde. Er sagte nein.

Mein Gefühl ist folgendes: Die Ain Jalout Schule war das Ziel der Angriffs, die umliegenden zerstörten Gebäude waren Kollateralschäden und das Al Quds Krankenhaus wurde nicht direkt von Angriffen getroffen."

 

 (Die bombardierte Ain Jalout Schule, ein Munitionsdepot und Lager für Nusra)

 

Somit haben wir einen Augenzeugenbericht, plus Fotografien, die zeigen, dass es nicht stimmt, dass das „Al Quds Hospital“ zerstört wurde. Das bedeutet, dass Behauptungen in dem Film über eine getöteten Doktor, angeblich mit einer Kamera in Nahaufnahme gefilmt, ebenfalls nicht wahr sind.

 

(Das „Al Quds Hospital“, Erdgeschoss eines Wohngebäudes an der Straßenecke)

 

Die bewaffnete Opposition und ihre westlichen Unterstützer haben Ereignisse gefälscht, um von Anfang an die syrische Regierung zu verteufeln. Ein Beispiel dafür wurde bekannt: Der Schwindel um die Entführung von Richard Engels, wobei die Militanten das Kidnapping und die „Rettung“ von Engels und seinem Team inszeniert haben.

https://theintercept.com/2015/04/16/nbcs-conduct-richard-engel-kidnapping-serious-brian-williams-scandal/

 

Bezahlt und gefördert vom Westen

 

Waad hatte eine teure Videokamera und endlos Speicherplatten. Sie hatte sogar eine Drohne, um Videos aus der Luft zu machen. Wie Hillary Clinton in ihrem Buch „Hard Choices“ bestätigte, stellten die USA „Satelliten-verlinkte Computer, Telefone, Kameras und Ausbildung für mehr als Tausend Aktivisten, Studenten und unabhängige Journalisten zur Verfügung.“ Waad behauptet, sie sei eine Bürgerjournalistin, aber sie wurde von Regierungen bezahlt und ausgerüstet, die schon lange den Sturz der syrischen Regierung wollten. Schon 2005 warnte Christiane Amanpour Bashar al Assad, dass „aus den USA die Rhetorik für einen Regimewechsel auf Sie zukommt. Sie halten aktiv nach einem neuen syrischen Führer Ausschau … Man redet davon, Sie diplomatisch zu isolieren und womöglich von einem Staatsstreich oder einem Niedergang Ihres Regimes.“

 

Seit 2011 haben der Westen, die Türkei, Israel und die Golfmonarchien viele Milliarden Dollar ausgegeben um die syrische Regierung zu stürzen. Alleine das CIA-Budget für Syrien lag bei nahezu einer Milliarde pro Jahr. Die „Soft Power“-Komponenten beinhalten Videoausrüstung und Ausbildung für Menschen wie Waad, um den bewaffneten Aufstand zu unterstützen, die syrische Regierung zu dämonisieren und die Öffentlichkeit für eine Fortsetzung des Krieges zu gewinnen.

 

Wir haben alle gelitten... Der Unterschied ist, dass einige den Krieg wollten.“

 

Der Arzt aus West-Aleppo, Dr. Antaki, streitet nicht ab, dass es in Ost-Aleppo Leiden gab. Aber er weist auf die Diskrepanz in der Berichterstattung der Medien hin, wo die ganze Aufmerksamkeit den „Rebellen“ gilt. Er weist auch darauf hin, dass alle gelitten haben, aber dass nicht alle verantwortlich waren. Einige, vor allem die Unterstützer der „Revolution“, haben den Konflikt angefangen und weiterbetrieben. Er sagte:

 

"Es gab in West Aleppo viele Geschichten wie 'Für Sama'. Leider hatte niemand die Idee, sie zu dokumentieren, weil wir damit beschäftigt waren, uns vor den Raketen zu schützen,Trinkwasser zu finden, Brot und lebenswichtige Produkte zu beschaffen, die wegen der Blockade von Aleppo durch die bewaffneten Gruppen nicht verfügbar waren. Sie schalteten Strom, Heizung usw. ab. Ja, Menschen, die in den östlichen Vierteln waren, litten unter dem Krieg ebenso wie diejenigen, die in den westlichen Vierteln lebten. Wir alle haben gelitten. Der Unterschied ist, dass einige Menschen den Krieg wollten, ihn initiierten oder unterstützten und sie haben gelitten. Die anderen unterstützten es nicht und haben auch gelitten."

 

Die Nachwirkungen

 

Waad Al Kateab und ihr Ehemann Hamza leben jetzt in UK. Er arbeitet bei einer Finanztransaktionsfirma und kümmert sich um das „Al Quds Hospital“ in Idlib. Wie im Film angedeutet wird, war Waad nie stolz darauf, Syrerin zu sein und wollte in den Westen auswandern. Weit weg im Ausland behauptet sie, sie sei stolz auf die „Revolution“, die zu so einer Zerstörung und zu menschlichem Leid geführt hat.

 

Mittlerweile kehren die Menschen nach Aleppo zurück und bauen die Stadt wieder auf. Es gibt sogar ein paar Touristen. Auch wenn es in Aleppo noch ein paar Heckenschützen gibt, so ist der Al Qaeda-Extremismus hauptsächlich auf die Provinz Idlib begrenzt.

 

Idlib retten?

 

Der Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons" aus dem Jahr 2019 basiert auf einem Filmemacher, der mit Militanten in Idlib lebte. Einiges von dem, was in "For Sama" verborgen ist, wird in diesem Dokumentarfilm aufgedeckt. Er zeigt das Leben in der von Nusra dominierten Provinz Idlib. Die Frauen sind auf das Haus beschränkt und müssen verschleiert sein. Jungen im Alter von zehn Jahren werden zur Scharia-Schule und zur Militärausbildung geschickt, um sich auf den Beitritt zu Nusra vorzubereiten. Sie glauben an die Taliban, verherrlichen 9/11 und vertreiben oder bestrafen jeden Menschen, der sich nicht ihrer fundamentalistischen Religion anschließt. Die Jugend wird mit extremistischer Ideologie und dem Glauben an Gewalt indoktriniert. Dies ist das Regime, das diejenigen schützen, die "Idlib retten" wollen.

 

Seit Jahrzehnten unterstützt der Westen fanatische extremistische Organisationen, um unabhängige säkulare sozialistische Staaten zu stürzen oder zu untergraben. Die meisten Menschen im Westen sind sich dessen nicht bewusst, obwohl es in "Devil's Game: How the United States Helped Unleash Fundamentalist Islam" und dem neuen Buch "The Management of Savagery": Wie Amerikas Nationaler Sicherheitsstaat den Aufstieg von Al Qaeda, ISIS und Donald Trump beflügelte" (Anm.d.Ü.: von Max Blumenthal) gut dokumentiert ist.

 

 

Die Zukunft

 

Im Westen ist das nicht bekannt, aber die Mehrheit der Syrer unterstützt ihre Regierung, bewundert ihren Präsidenten und hat das Gefühl, dass die syrische Armee sie beschützt. Selbst diejenigen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, ziehen sie dem Chaos oder dem Salafi-Fundamentalismus vor. Waad und Hamza Al Kateab repräsentieren eine winzige Minderheit der Syrer. Ihre Stimmen und die Perspektive von Edward Watts, dem Filmemacher, der noch nie in Syrien war, werden durch "Für Sama" weit verbreitet und projiziert, während andere Stimmen ignoriert werden.

 

Als Waad und Hamza Aleppo mit den Nusra-Militanten verließen, feierte die große Mehrheit von Aleppo. Oberflächlich betrachtet geht es bei "Für Sama" um Romantik und eine Geburt. Unterhalb dieser Ebene ist es sehr politisch, wie Interviews mit den Produzenten bestätigen.

 

Ich vermute, es wird gerade deshalb so sehr beworben, weil es ein verzerrtes Bild vermittelt. Um den schmutzigen Krieg gegen Syrien fortzusetzen, braucht es das öffentliche Missverständnis.

 

 

*

Anm.d.Ü.: Noch einmal zur Klarstellung der Verbindung des Regisseurs al Kateab zu den "moderaten" Kopfabschneidern:

Kommentare: 1
  • #1

    Klaus-Peter Kostag (Donnerstag, 06 Februar 2020 18:25)

    Der Buddhismus erklärt sinngemäß: "HASSE nicht das Böse. Du verschwendest nur Deine Energie. Setze Dich also gelassen hin und führe Dein eigenes Leben erfolgreich. Werde selbst immer stärker, so kannst Du ruhig zusehen, wie das Böse sich selbst zerstört."

    Habe ich in der Mongolei gelernt. Kann es sein, dass die Herren Xi und Putin an anderer Stelle dem selben weitgereisten Mönch lauschen konnten wie ich?