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Es gibt kein Normal

 

Von James Howard Kunstler, 19.08.2019

 

 

Das Rad der Zeit dreht sich weiter vorwärts, ohne auf seinen Weg zurückzukehren, aber weil es ein Rad ist, und wir uns in ihm drehen, gaukelt uns eine hartnäckige Illusion vor, dass die Landschaft erkennbar dieselbe ist und dass unser Handeln im Rahmen des regelmäßigen Wandels der Jahreszeiten hübsch normal erscheint. Es gibt kein Normal.

 

Für uns gibt es in diesem Moment in der Geschichte eine besonders harte Wendung (so würden Strauss und Howe sagen), wenn unsere Reise die Ausfahrt aus dem Hochenergiezeitalter nimmt und in die nächste Realität eines langen Notfalls führt.

 

(Anm.d.Ü.: Kunstler bezieht sich mit Strauss und Howe auf deren Generationstheorie „The Fourth Turning“. Die Autoren beschreiben darin, dass jede „Saison“ etwa 20 bis 22 Jahre dauert, vom „Hoch“ nach einer Krise über das „Erwachen“ und die „Auflösung“ bis zur „Krise“.

Die menschliche Schwarmintelligenz spürt, dass etwas anders ist, aber im selben Moment können wir uns nicht vorstellen, alle unsere exquisit abgestimmten Arrangements zu ändern – besonders die denkende Klasse, die für all das verantwortlich ist, selbst verzaubert von pixeligen Fantasien. Die Dissonanz darüber macht Amerika verrückt.

 

Das Rad traf 2008 ein tiefes Schlagloch, als es auf die Abfahrt abbog, und wackelt seitdem stark. 2008 war eine Warnung, dass es nicht ausreicht, das immer gleiche Programm abzuspulen, um ein Ziel zu erreichen, weder national noch für Einzelpersonen, die immer verzweifelter versuchen, ihr Leben zusammenzuhalten. Das kulturelle Gedächtnis der selbstbewussten Jahre, in denen wir zu wissen schienen, was wir taten und wohin wir gingen, verfolgt uns und verspottet uns.

 

Das alles spüren die jungen Erwachsenen am deutlichsten. Der Schmerz veranlasst sie, diese Erinnerung zu dekonstruieren. "Nein, so ist es nicht passiert", sagen sie. All die Geschichten über die Gründung dieser Gesellschaft – von den Großen Männern mit ihren gepuderten Haaren, die die nationale Charta schrieben, und die bemerkenswerte Erfahrung der letzten 200 Jahre – sie sind falsch! Es gab nichts Wunderbares daran. Das Ganze war ein Schwindel!

 

Sie spüren, wie sich das Rad sehr schmerzhaft weiterdreht, da sie wissen, dass sie in den kommenden Jahren viel mehr Drehungen sehen werden, und die Richtung des Rades für sie nach unten gerichtet ist. Das Fazit lautet: weniger von allem, nicht mehr. Das ist ein neues Ethos hier in Amerika und es ist kaum beruhigend: Weniger Einkommen, weniger Komfort, mehr buchstäbliche Härten, weniger Trost für die allgemeine Schwierigkeit, am Leben zu sein. Kein Wunder, dass sie wütend sind.

 

Es ist so einfach. Wir sind vor fünfhundert Jahren in der Neuen Welt gelandet. Es war voll von guten Dingen, die die Menschen kaum zu nutzen begonnen hatten, präsentiert wie ein Bankett. Es gab viel guten Neuland für den Anbau von Lebensmitteln, das beste Holz der Welt, saubere Flüsse und große Seen, Erze voller Eisen, Gold und Silber und tief in der Tiefe eine Bonanza aus Kohle und Öl, um das Rad durch sehr randvolle Zeiten zu treiben. Das vergangene Jahrhundert war besonders aufgeladen, die Öljahre.

 

Stellt euch vor, ihr hättet diese blendende, fantastische Neuheit der Moderne von Anfang an durchlebt! Zurückzuschauen auf die Geschichten und Bilder um Teddy Roosevelt und seine Zeit, und das Selbstvertrauen dieser Zeit erstaunt euch einfach, eine aufstrebende Parade aus Wundern: Strom, Telefon, Eisenbahnen, U-Bahnen, Wolkenkratzer! Und in ein paar Jahren Filme, Autos, Flugzeuge, Radio. Selbst die kleineren Wunder des Alltags waren erstaunlich: Haushaltsinstallation für alle, fließendes Warmwasser, kommunale Wasser- und Kanalisationssysteme, Kältetechnik, Traktoren! Es ist schwer vorstellbar, wie sehr diese Entwicklungen die menschliche Erfahrung des täglichen Lebens verändert haben.

 

Selbst die Traumata der Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben dieses Gefühl des erstaunlichen Fortschritts nicht zunichte gemacht, zumindest nicht in Nordamerika, das von den mächtigen Trümmer der Kriege verschont blieb. Das Vertrauen der amerikanischen Gesellschaft nach dem Krieg erreichte ein Niveau an blanker, lächerlicher Hybris – eine Fahrt durch die USA in deinem Chevrolet! – bis John Kennedy erschossen wurde, und danach wich die wahnsinnige Mondlandungseuphorie stetig einer zersetzenden Skepsis, Angst, Bitterkeit und Feindschaft. Meine Generation, die bis ins Erwachsenenalter blühte, dachte naiv, sie könnte das alles mit dem Earth Day, Tofu und mit Computern in Ordnung bringen und das große Rad in ein noch herrlicheres kybernetisches Nirwana rollen lassen.

 

Fakeout – ausgeträumt. Da rollt das Rad nicht hin. Wir haben uns aus der Zukunft alles geliehen, was wir konnten, um so zu tun als ob das System noch funktionieren würde, und jetzt steht die Zukunft vor der Tür, als ob ein Inkasso-Mann kommt, um dir sowohl das Auto als auch das Haus wegzunehmen. Der Zustand des Finanzwesens ist eine ausgezeichnete Analogie zu unserer kollektiven Psyche. Seine Funktionsweise hängt vom einfachen Glauben ab, dass seine Funktionsweise funktioniert. Es ist also leicht vorstellbar, was passiert, wenn dieser Glaube schwindet.

 

Wir sind am Rande vieler Dinge, die auseinander fallen: Nachschublinien, Einnahmequellen, internationale Vereinbarungen, politische Thesen, Versprechen, dies und jenes zu tun. Wir haben keine Ahnung, wie wir es auf dem Weg nach unten zusammenhalten können. Wir wollen nicht einmal darüber nachdenken. Das Beste, was wir im Moment tun können, ist so zu tun als würde die Kehrseite nicht existieren. Und unterdessen kämpfen wir sowohl für soziale Gerechtigkeit als auch dafür, Amerika wieder groß zu machen, zwei scheinbar edle Ideen, beides vergebliche Anstrengungen. Das Rad dreht sich immer weiter und der Saisonwechsel steht kurz bevor. Was wirst du tun?

 

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