http://thesaker.is/erdogans-long-coming-reality-check/

 

Erdogans überfälliger Realitäts-Check

 

von Ghassan Kadi, 14.02.2020 für den Saker Blog

 

 

Es ist schwer zu sagen, ob Erdogan die Wahlmöglichkeiten ausgehen, die Freunde, oder die Zeit, oder alles davon. Und seine Haltung zu verschiedenen Angelegenheiten und die Widersprüche, in die er sich verstrickt, machen seine Lage zunehmend unhaltbarer.

 

Für jene Leser, die davon noch nichts gehört haben: Erdogan jongliert damit, ein türkisch-muslimischer Reformer zu sein, der unter den Fotos des säkularen, anti-muslimischen Gründers der Nation, Mustafa Kemal (Atatürk), aufmarschiert; ein ehrgeiziges Mitglied zur Aufnahme in die EU und gleichzeitig ehrgeiziger Anführer für den globalen Sunnismus; ein Verbündeter Israels und gleichzeitig der Hamas; ein Islamist, der mit dem wahabitischen Islamismus über Kreuz liegt; ein nationalistischer Türke, der die kurdischen Bestrebungen nicht nur in Syrien und im Irak einhegen will, sondern auch im eigenen Land; ein sunnitischer Anführer, der das Sultanat und das Kalifat und die fundamentalistische sunnitische Version eines anti-schiitischen Islam wiederherstellen will, der aber auch ein Freund des schiitischen Irans ist; ein NATO-Mitglied mit einer speziellen Beziehung zu Amerika, und ein spezieller Freund und Verbündeter Russlands.

 

Es ist witzig, trotz all der Widersprüche und Interessenkonflikte hat er es bisher geschafft, das alles nicht nur unter einen Hut zu bringen, sondern auch unter alle Turbane und Feze. Aber es ist klar, dass er damit nicht ewig durchkommen wird und er früher oder später in einer finsteren Ecke landen wird. Ich würde gerne glauben, dass er sich bereits in einer befindet.

 

Erdogan glaubt jedoch, dass er einen Gottesauftrag hat. Nach seinem Wahlsieg im November 2015 schrieb ich einem Artikel mit dem Titel „Erdogan, das trojanische Terrorpferd“:

 

Mit diesem Sieg fühlt sich Erdogan unbesiegbar. Für einen Islamisten, und Erdogan ist einer, bekommt das Gefühl der Unbesiegbarkeit eine ganz neue Bedeutung.“

https://thesaker.is/erdogan-the-trojan-horse-of-terror/

 

Hier die vereinfachte Übersetzung eines Koranverses: „Mit Gott auf deiner Seite kann dich niemand besiegen (Koran, 3:160)

 

Erdogan glaubt, er sei unbesiegbar, weil er glaubt, dass er auf einer Mission ist und Gott auf seiner Seite steht. Sollte er jemals Zweifel an dieser göttlichen Rolle gehabt haben, an die er glaubt, dann hat die Wahl vom November alle Zweifel beseitigt.“

 

Ironischerweise kann Erdogan die Widersprüche anderer verstehen. Während sich Amerika beispielsweise eine Dreck um die syrischen Kurden schert und nur einige verletzliche Führer benutzt, um einen Keil zwischen die syrische Regierung und die syrisch-kurdische Bevölkerung zu treiben, so hat Erdogan sowohl gegenüber Obama als auch Trump ausdrücklich klar gemacht, dass Amerika nicht gleichzeitig ein Verbündeter der Türkei und der Kurden sein kann.

 

Ja, genau dieser Erdogan rechtfertigt für sich die Ausrüstung der Terroristen in Idlib mit neuesten Waffen, um nicht nur Einheiten der Syrischen Armee anzugreifen, sondern auch die russische Luftwaffenbasis in Khmeimin. Die Russen haben bisher unzählige Drohnenangriffe auf den Stützpunkt abgewehrt, und wenn die Türkei diese Waffen auch nicht direkt geliefert hat, so hat sie deren Transport doch ermöglicht.

 

Vergesst nicht, dass das Gebiet Idlib von Tahrir al-Sham kontrolliert wird (ehemals bekannt als al-Nusra) und zwischen von der syrischen Armee kontrolliertem Gebiet und der türkischen Grenze liegt. Dort gibt es eine offen Fernstraße in die Türkei, auf der sich alle Waffen und Kämpfer von der Türkei nach Syrien bewegen.

 

Und obwohl Erdogan mit Russland ein Abkommen unterzeichnet hat, um die terroristische Präsenz in Idlib zu beenden, so will er laut dem erfahrenen palästinensischen Journalisten Abdul Bari Atwan nicht verstehen, warum Russland von ihm und seinen Eskapaden genug hat und warum sich Putin weigert, sich mit ihm zu treffen. In seinem Artikel in der Webseite Raialyoum (https://www.raialyoum.com/index.php/category/english/) argumentiert Atwan, dass sich die Russen dem Aufruf Erdogans zu einem erneuten Treffen für Rückzugsverhandlungen verweigern und dass sich die Türkei an die vereinbarten Abkommen von Sotschi halten muss; die wurden von Erdogan mehrfach gebrochen.

 

Atwan fügt hinzu:

 

Erstens: Das türkische Spiel und ihr Vertrauen in die syrische Opposition und insbesondere die Free Syrian Army ist gescheitert, denn diese Kräfte haben ihre Stellungen aufgegeben und die Syrische Armee ist ohne Widerstand in die Städte Khan Sheikhoun und Maara Al-Numan einmarschiert, und ohne ein einziges Opfer.

 

Zweitens: Die 12 türkischen Beobachtungsposten, die in der Provinz Idlib errichtet wurden, sind zu einer Belastung geworden, da sieben von ihnen von der Syrischen Armee belagert werden und Hundert türkische Soldaten darin eingeschlossen sind und von der Syrischen Armee leicht zerstört werden könnten, sollte die Türkei eine Großoffensive gegen Syrien starten.

 

Drittens: Die russische Unterstützung für die Syrische Armee hat ein ungekanntes Ausmaß erreicht, nachdem die Russen gestern (d.h., am 10. Februar 2020) zwei von Tahrir al-Sham abgefeuerte Drohnen abgeschossen hat.

 

Dazu kommt laut Atwan: „Erdogan hat eine goldene Gelegenheit verpasst, als er die (jüngste) iranische Initiative des iranischen Außenministers Zarif ablehnte, eine politische Lösung für das Dilemma in Syrien zu finden. Das war vielleicht die letzte Gelegenheit, eine diplomatische Lösung zu erreichen, bevor es zu einer direkten und offenen Konfrontation mit Syrien kommt.“

 

In einem Artikel der Financial Times mit der Überschrift „Schwierige Zeiten für Erdogan und Putin“ ist der Autor kurz davor zu sagen, dass die Beziehung zwischen Erdogan und Putin unüberbrückbar sei. So sagt der Autor:

 

Wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Weg gesucht hat, seinen Zorn über Russland wegen desTodes von acht seiner türkischen Soldaten in Syrien auszudrücken, so hat sein Besuch in der Ukraine dafür die perfekte Gelegenheit geboten.

 

Vor der Ehrengarde vor dem Präsidentenpalast in Kiew rief Erdogan am Montag „Glory to Ukraine“, den nationalistischen Schlachtruf, der fest mit dem anti-russischen Gefühl und dem Kampf des Landes für die Unabhängigkeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbunden ist..

 

Seine sorgfältig gewählten Worte – an eine Armee, die die von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine bekämpft --- waren eine deutliche Antwort an Präsident Wladimir Putin.

 

Kurzum, was Erdogan mehr benötigt als alles andere, ist ein lange fälliger Realitäts-Check, und der scheint jetzt zu kommen.

 

Er mag glauben, dass er ein Präsident auf Lebenszeit ist, der den angeblich eintausend Zimmer umfassenden Palast, den er für sich selbst gebaut hat, verdient hat. Er mag hoffen, das Osmanische Reich wieder aufzubauen und das Kalifat wiederzubeleben. Er mag sich vorstellen, dass er, nachdem es ihm gelungen ist, die türkische Wirtschaft auf ein Niveau zu bringen, das ihm eine Position in der G20 eingebracht hat, zum Führer einer Supermacht geworden ist; aber das ist er nicht. Die Türkei ist bestenfalls eine Regionalmacht, aber sie ist nur dann mächtig, wenn sie mächtigere Freunde und Verbündete hat, die sie unterstützen. Solange die Türkei die Russen und/oder die Amerikaner buchstäblich anflehen muss, hochmoderne Waffen zu kaufen, mit denen sie sich verteidigen kann, ist sie nicht in einer Position, die es ihr erlaubt, auf eigenen Füßen zu stehen; nicht so, wie Erdogan es sich wünscht. Er sollte die Geschichte beherzigen und sich die Geschichte ansehen. Mehmet Al-Fatih hat seine eigenen Waffen gebaut, um die Verteidigungsmauern von Konstantinopel zu durchbrechen. Auch wenn der Ingenieur, der sie baute, aus dem Balkan stammte, so waren es doch Mehmets Geschütze, und sie waren damals die größten der Welt.

Ich plädiere nicht dafür, dass Erdogan sein eigenes Atomwaffenarsenal, seine eigenen Kampfjets und seine eigenen Verteidigungs- und Angriffsraketen bauen sollte. In einer idealen Welt sollte das niemand tun. Aber um seine Liste der Widersprüche zu ergänzen: Wenn Erdogan den Turban des Sultans tragen und sich gegen Russland aufplustern will. Dann kann er nicht gleichzeitig auf Don Quichottes Esel reiten.

Und wenn er glaubt, dass er jetzt eine Kehrtwendung machen und der loyale NATO-Führer sein und Russland abservieren kann, dann wird er sich wieder in der gleichen Sackgasse wiederfinden, in der er mit den Amerikanern in der Kurdenfrage steckte. Und was wird dies für seine Handelsgeschäfte mit Russland und dessen Gaslieferungen bedeuten?

Und wenn Erdogan auch denkt, dass Amerika sich melden würde, um ihn in Idlib zu retten, so muss man bedenken, dass die illegale amerikanische Präsenz in Nordost-Syrien Hunderte von Kilometern von Idlib entfernt und durch die von Russland unterstützte syrische Armee getrennt ist. Warum sollte Amerika, selbst Trumps Amerika, eine Konfrontation mit Russland riskieren, um seine Haut zu retten?

Erdogan hat sich bisher dem Karma entzogen, weil er seine Wetten in alle Richtungen absicherte und seine Feinde und Verbündeten gegeneinander aufwiegelt. Aber wenn man nicht mächtig genug ist, um auf eigenen Füßen zu stehen, wenn es nötig ist, dann kann eine solche Strategie auf Dauer nur dazu führen, dass man keine Freunde, eine lange Liste von Feinden und eine Schar von misstrauischen Zuschauern hat.

Vor allem aber: Was erwarten die Türken von der türkischen Präsenz in Syrien? Die Türkei befindet sich seit einem ganzen Jahrhundert nicht mehr im Krieg. Der Führer, der einst "Null Probleme" mit den Nachbarn versprochen hat, beharrt auf seinem Standpunkt und scheint entschlossen zu sein, einen totalen Krieg mit Syrien zu führen. Der türkische Durchschnittsbürger mag sich fragen, warum und zu welchem Zweck?

Erdogan hat sich hoffentlich endlich in eine Ecke verkeilt, aus der er sich nicht ohne Gesichtsverlust herausschleichen kann. Er wird entweder seine militärische Präsenz in Syrien verstärken und gegen die syrische Armee und Russland kämpfen müssen oder sich zurückziehen. Wenn er die erste Option wählt, wird er keine internationalen Unterstützer finden, und möglicherweise wird die Unterstützung seines eigenen Volkes fraglich werden. Aber wenn der psychopathische Größenwahnsinnige das Gefühl hat, dass er sich zurückziehen muss, wird er nach einem gesichtswahrenden Ausweg suchen, aber die Optionen gehen ihm aus.

Russland war bereit, den bewussten türkischen Abschuss der Su-24 im November 2015 hinter sich zu lassen und vorwärts zu gehen. Aufgrund seiner Versprechen und der später von ihm unterzeichneten Vereinbarungen wurde Erdogan damals eine Rettungsleine gegeben. Aber die Zeit hat gezeigt, dass er nur Zeit gewinnen wollte, und dieses Fenster mit Russland ist jetzt geschlossen.

Es wurden bereits Leichensäcke in die Türkei geschickt, und es gibt unbestätigte Zahlen darüber, wie viele türkische Soldaten bei der Verteidigung der Al-Nusra-Kämpfer getötet wurden. Was hier relevant ist, ist, dass im Falle eines totalen Krieges mit Syrien die Syrer mit Hilfe Russlands und regionaler Verbündeter eine existenzielle Schlacht führen werden. Die Türkei wird jedoch eine andere Art von existenzieller Schlacht führen; eine Schlacht für Erdogan, nicht für die Türkei selbst.

Die Türkei hat keinen Grund für eine militärische Präsenz und einen Kampf in Syrien. Es geht nur um Erdogans Ego und seine Träume.

 

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