https://lockdownsceptics.org/we-cannot-afford-to-censor-dissenting-voices-during-a-pandemic-prof-martin-kulldorff/

 

Wir können es uns nicht leisten, während einer Pandemie abweichende Stimmen zu zensieren

Interview mit Martin Kulldorff, Professor für Medizin an der Harvard Medical School

 

von Oliver May, 31.03.2021

 

                                    Professor Martin Kulldorf

 

Jetzt, wo wir uns in Sechser-Gruppen im Freien treffen dürfen, warnt Matt Hancock davor, etwas Dummes zu tun, etwa sich gegenseitig zu umarmen oder die Zwei-Meter-Regel zu verletzen. "Do it safely", twitterte er. "Vermasselt es jetzt nicht".

Aber in Wirklichkeit sind die Leute, die es nicht "vermasseln" sollten, Boris Johnson, Sir Patrick Vallance, Chris Whitty und, ja, Matt Hancock. Das ist die Ansicht von Martin Kulldorff, Professor für Medizin an der Harvard Medical School, Biostatistiker und Epidemiologe am Brigham and Women's Hospital, Massachusetts, und Mitautor der Great Barrington Declaration.

Professor Kulldorff hat der britischen Regierung und ihren wissenschaftlichen Beratern genau gesagt, auf wen sie hören sollten und warum, wenn sie Leben retten wollen – und dazu gehört nicht, die gesamte Bevölkerung zu impfen, einschließlich der Kinder. Er sagte dies am 15. März auf Twitter:

 

"Zu denken, dass jeder geimpft werden muss, ist genauso wissenschaftlich fehlerhaft wie zu denken, dass niemand geimpft werden sollte. Covid-Impfstoffe sind wichtig für ältere Menschen mit hohem Risiko und deren Pflegepersonal. Diejenigen mit vorheriger natürlicher Infektion brauchen sie nicht. Kinder auch nicht."

 

Und Twitter hat seinem Tweet eine Gesundheitswarnung angehängt: "Dieser Tweet ist irreführend. Erfahren Sie, warum Gesundheitsbehörden einen Impfstoff für die meisten Menschen empfehlen."

 

Denn natürlich weiß ein 22-jähriger Absolvent eines Studiums des Weißseins, der in Twitters Hauptquartier im Silicon Valley sitzt, viel mehr über Infektionskrankheiten als ein Harvard-Professor für Medizin.

 

In einem Exklusiv-Interview mit Lockdown Sceptics sagte Kulldorf:

 

Diese Warnung war ziemlich dumm. Wenn sie unwissenschaftliche Behauptungen aufstellen, beziehen sich die Medien oft auf "Gesundheitsbeamte" oder "Gesundheitsexperten", ohne diese Experten zu nennen. Ich fordere Twitter heraus, Impfstoff-Epidemiologen zu nennen, die der Meinung sind, dass jeder den Covid-Impfstoff bekommen muss, auch Kinder und solche mit Immunität durch eine vorherige Infektion.

Ebenso seltsam ist, dass sie sogar mit meinem Tweet übereinstimmen, wenn sie "die meisten Menschen" statt "alle Menschen" sagen. Im Moment sind Kinder eindeutig nicht Teil der "meisten Menschen", da ein Covid-Impfstoff für sie noch nicht zugelassen ist und wir nichts über die Wirksamkeit oder mögliche Nebenwirkungen bei Kindern wissen. Da die meisten Kinder asymptomatisch oder nur leicht symptomatisch sind, wird es schwierig sein zu zeigen, dass der Impfstoff die Symptome, Krankenhausaufenthalte oder die Sterblichkeit bei Kindern reduzieren kann, was eine große Stichprobengröße in Ländern erfordert, in denen die Krankheit noch stark verbreitet ist.

Ich habe ein zwei Jahrzehnte lang mit Impfstoffen gearbeitet, aber Twitter hält wissenschaftliche Diskussionen über diese Dinge offensichtlich für gefährlich. Vielleicht sind soziale Medien für die Machthaber gefährlich. Ich hoffe, dass soziale Medien gefährlich für die Lockdowns sind, die der öffentlichen Gesundheit in diesem letzten Jahr so viel Schaden zugefügt haben. Der enorme kollaterale Schaden für die öffentliche Gesundheit, der von
Collateral Global ( https://collateralglobal.org/ ) dokumentiert wird, ist etwas, mit dem wir noch viele Jahre lang leben und sterben werden. Es ist wirklich eine öffentliche Gesundheitstragödie von epischen Ausmaßen.“

 

Der katastrophale Einfluss der Lockdowns auf die öffentliche Gesundheit wurde durch Schlagzeilen und Werbekampagnen verschlimmert, die Millionen in Todesangst versetzt haben, was dazu führt, dass sie für Nicht-Covid-Krankheiten wahrscheinlich weniger ärztliche Hilfe suchen.

 

Die Medien haben sehr zurückhaltend über zuverlässige wissenschaftliche und gesundheitspolitische Informationen über die Pandemie berichtet. Stattdessen haben sie ungeprüfte Informationen wie die Modellvorhersagen des Imperial College verbreitet, sie haben ungerechtfertigte Ängste verbreitet, die das Vertrauen der Menschen in die öffentliche Gesundheit untergraben, und sie haben naive und ineffiziente Gegenmaßnahmen wie Abriegelungen, Masken und Kontaktverfolgung gefördert.

Obwohl ich mir wünschte, dass weder SAGE noch irgendjemand sonst gegen altbewährte Prinzipien der öffentlichen Gesundheit argumentieren würden, sollten die Medien solche Informationen nicht zensieren. Während einer Pandemie ist es wichtiger denn je, dass die Medien frei berichten können. Hierfür gibt es zwei wesentliche Gründe: (i) Obwohl SARS-CoV-2 den bereits existierenden Coronaviren ähnelt, ist es ein neues Virus, über das wir ständig mehr lernen, und deshalb braucht es Zeit, um zu wissenschaftlichen Schlussfolgerungen zu gelangen. Mit Zensur dauert es länger, und das können wir uns während einer Pandemie nicht leisten. (ii) Um das Vertrauen in die öffentliche Gesundheit zu erhalten, ist es wichtig, dass alle Gedanken und Ideen über die Pandemie geäußert, diskutiert und entweder bestätigt oder widerlegt werden können.“

 

Kulldorff hält die Reaktion der britischen Regierung und ihrer wissenschaftlichen Berater auf die Pandemie – England befindet sich bereits im dritten Lockdown – für "unverständlich". Chris Whitty und Patrick Vallance lagen zunächst richtig, dann machten sie eine katastrophale Kehrtwende:

 

Ich hoffe, dass die britische Regierung schnell umsteuert, um weiteren unnötigen Schaden sowohl durch COVID-19 als auch durch die Lockdowns zu vermeiden. Warum die britische Regierung und SAGE die öffentliche Gesundheit nicht umfassender betrachten, ist für mich unverständlich. Chris und Patrick haben es Anfang März 2020 richtig gemacht, als sie für einen gezielten Schutz von hochgefährdeten älteren Menschen plädierten, ohne eine zerstörerische Sperre für Kinder und junge Erwachsene. Chris, Patrick, nehmt den Rat von euch selbst von vor etwas mehr als einem Jahr an. Ihr könnt das mit dem umfangreichen Wissen von Epidemiologieprofessoren wie Sunetra Gupta und Carl Heneghan an der Universität Oxford, Ellen Townsend an der Universität Nottingham, Francoix Balloux am University College London und Paul McKeigue an der Universität Edinburgh ergänzen.

 

Es sollte nun jedem klar sein, dass Lockdowns, Masken und Kontakterfassung versagt haben, um ältere Hochrisikopersonen zu schützen, da sie COVID-19 nicht unterdrücken und eindämmen konnten, mit viel zu vielen Todesfällen als Folge. Lockdowns sind nur eine verschleppte Let-it-rip-Strategie. Das war den meisten Infektionsepidemiologen schon vor einem Jahr klar. Der fatale logische Fehler der Lockdowners war, dass wir abriegeln müssen, weil COVID-19 gefährlich ist. Das Gegenteil ist der Fall. Da es sich um eine sehr gefährliche Krankheit unter alten Menschen handelt, hätte man sie durch gezielten Schutz richtig schützen müssen.

 

Anstatt weiterhin die Ratschläge derer zu befolgen, die damals falsch lagen, sollte Boris auf die hören, die richtig lagen. In Großbritannien hat man mit Professorin Sunetra Gupta die weltweit herausragende Epidemiologin für Infektionskrankheiten. Sie kann dabei helfen, eine gezielte Schutzstrategie für ältere Hochrisikopersonen durch Impfungen und andere Mittel umzusetzen und gleichzeitig die Lockdowns aufzuheben. Wenn der Premierminister den Trost der Gesellschaft mit anderen Politikern braucht, sollte er sich mit Gouverneur Ron DeSantis in Florida in Verbindung.“

 

Das Leben in Florida ist, wie wir wissen, nun fast wieder normal. Keine Maskenpflicht, keine Einschränkungen der Freiheit und keine digitalen Impfpässe. Aber das wird sich hier in Großbritannien fortsetzen. Unter anderem besteht das Bildungsministerium darauf, dass in den Klassenräumen der weiterführenden Schulen weiterhin Masken getragen werden müssen, wenn die Kinder nach den Osterferien in die Schule zurückkehren. Wie Jay Bhattacharya in einem Interview für Lockdown Sceptics betonte, ist der Beweis, dass Masken den Träger vor Infektionen schützen, schwach und statistisch unbedeutend – und Prof. Kulldorff stimmt dem zu:

 

In Schweden müssen Kinder in den Schulen keine Masken tragen und Schulkinder müssen sich auch nicht testen lassen. Die Schulen verlangten jedoch, dass Kinder mit z. B. Fieber oder Husten zu Hause bleiben, unabhängig davon, ob es durch Covid oder einen anderen Erreger verursacht wurde oder nicht. Wenn die Schulleiter das tun, können sie die Kinder Kinder sein lassen und ein normales Leben führen. Unbegründete Angst in der Öffentlichkeit zu induzieren, widerspricht einem der Grundprinzipien der öffentlichen Gesundheit. Es hat erhebliche negative Folgen für die öffentliche Gesundheit, sowohl für die körperliche als auch für die geistige Gesundheit. Kinder sollten zum Beispiel keine Angst davor haben, andere anzustecken, mit anderen Kindern zu spielen, zur Schule zu gehen, Sport zu treiben, Freunde oder ihre Großeltern zu umarmen, nach draußen zu gehen, eine Person ohne Maske zu sehen. Das muss aufhören. Punkt.“

 

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Der Autor ist Journalist einer nationalen Zeitungsgruppe. Oliver May ist ein Pseudonym.