http://www.unz.com/article/the-simulation-of-democracy/

 

Die Simulation der Demokratie

 

von C.J.Hopkins, 23.05.2018

 

 

Einer der kompliziertesten und frustrierendsten Aspekte, ein globales, kapitalistisches Imperium am Laufen zu halten, ist die Aufrechterhaltung der Fiktion, dass es so ein Imperium gar nicht gibt. Praktisch jede Handlung, die man unternimmt, muss sorgfältig in einen anderen Zusammenhang gebracht oder sonstwie für den öffentlichen Bedarf hingedreht werden. Jedes Mal, wenn man zur Erweiterung seiner Interessen irgendein Land bombardieren oder besetzen will, muss man einen kompletten Werbefeldzug starten. Man kann nicht einmal einen sadistischen Folterfreak zur Chefin seiner eigenen umstürzlerischen Agentur ernennen oder ein paar Tausend unbewaffnete Menschen in einem de facto Ghetto abknallen, ohne ein riesiges Märchen über „die Verteidigung der Demokratie“ und „die demokratischen Werte“ abzuziehen.

 

Eine nackte Tyrannei ist da um so viel einfacher, ganz zu schweigen von emotional befriedigender. Wenn man wie ein gottgleicher Diktator ein Imperium beherrscht, dann muss man sich nie entschuldigen. Man kann foltern und töten wen man will und jedes Land erobern und plündern das man will, ohne dass man sich jemandem erklären muss. Außerdem kann man sein gigantisches Bild an die Wände von Gebäuden hängen lassen, Leute dazu bringen, dir die Treue zu schwören und das ganze andere coole Diktator-Zeug.

 

Diesen Luxus haben globale Kapitalisten nicht. Die Simulation einer Demokratie herzustellen, die die meisten westlichen Konsumenten dringend brauchen, damit sie so tun können als glaubten sie, dass sie nichts anderes als reibungslos funktionierende Rädchen in der Maschinerie eines mörderischen globalen Imperiums sind, das von einer Klasse obszön wohlhabender und mächtiger internationaler Eliten geführt wird, denen deren Leben gar nichts bedeutet, obwohl es extrem teuer und zeitaufwändig ist. Diese Simulation ist wichtig für die Aufrechterhaltung ihres Machtmonopols. Indem man die meisten Westler dazu gebracht hat zu glauben, dass sie „frei“ seien und nicht nur bessere Bauern mit Gadgets, haben die globalen, kapitalistischen Herrscherklassen keine andere Wahl als diese Fiktion aufrechtzuerhalten. Ohne diese Fiktion würde ihr Reich an allen Nähten zerplatzen.

 

Das ist der Handel, den die modernen Kapitalisten im 18. Jahrhundert mit dem Teufel gemacht haben. Um den feudalen Aristokratien die Macht zu entreißen, die diese im Westen das gesamte Mittelalter hindurch besaßen, musste die herrschende soziale Klasse (die Bourgeoisie) den ungewaschenen Massen das Konzept von „Demokratie“ verkaufen. Denn man brauchte sie, um ihre Fabriken damit zu füllen und in manchen Fällen auch, um revolutionäre Kriege zu führen oder um die Monarchen zu stürzen und sie öffentlich zu guillotinieren. Das ganze Kauderwelsch über Steuern, Zölle und die unhandliche Struktur des Feudalsystems war den Bauern nicht so einfach zu vermitteln. „Freiheit“ und „Gleichheit“ kamen da schon besser an. Und so wurde „Demokratie“ zu ihrem Schlachtruf und letztlich zum offiziellen Narrativ des Kapitalismus. Seither haben sich die globalen, kapitalistischen Herrscherklassen auf die „Demokratie“ verlassen, oder genauer gesagt, auf die Simulation der Demokratie.

 

Der Zweck dieser Demokratiesimulation besteht nicht darin, eine Scheindemokratie zu erzeugen und diese als echte Demokratie auszugeben. Ihr Zweck besteht darin, die Idee von Demokratie zu erzeugen, denn das ist die einzige Form, in der Demokratie existiert. Es tut dies, indem es einen magischen Zauberspruch ausgibt (den ich hernach zu entzaubern versuche), der uns dazu verleitet, den kapitalistischen Markt, den wir Westler bewohnen, nicht als Markt, sondern als Gesellschaft wahrzunehmen. Als eine im wesentlichen demokratische Gesellschaft. Nicht eine vollständig demokratische Gesellschaft, aber eine Gesellschaft, die sich auf eine „Demokratie“ hinbewegt … was sie tut, aber gleichzeitig auch wieder nicht.

 

Offensichtlich ist das Leben im globalen Kapitalismus demokratischer als unter einer feudalen Tyrannei, ganz zu schweigen davon, dass es komfortabler und unterhaltsamer ist. Kapitalismus ist weder „böse“ noch „schlecht“. Er ist eine Maschine. Seine fundamentale Funktion besteht darin, jegliche und alle despotischen Werte zu eliminieren und durch einen einzigen Wert zu ersetzen, d.h., durch den Tauschwert, der vom Markt bestimmt wird. Diese despotische Decodiermaschine für Werte hat uns aus der Tyrannei der Könige und Priester befreit, indem sie uns der Tyrannei der Kapitalisten und dem bedeutungslosen Wert des sogenannten freien Marktes unterworfen hat, in dem alles nur eine weitere Ware ist … Zahnpasta, Handys, das Gesundheitswesen, Nahrung, Bildung, Kosmetika usw. Trotzdem würde nur ein Idiot behaupten, dass der Kapitalismus nicht dem Despotismus vorzuziehen sei, oder dass er nicht unser Maß an Freiheit erhöht hat. Also ja, wir entwickeln uns hin zur Demokratie, wenn man den modernen Kapitalismus mit dem mittelalterlichen Feudalismus vergleicht.

 

Das Problem ist nur, dass der Kapitalismus niemals zu einer echten Demokratie führen wird (d.h., eine Regierung durch und für das Volk). Das wird niemals geschehen. In Wahrheit hat der Kapitalismus bereits die Grenzen der Freiheit erreicht, die er uns sicher anbieten kann. Diese Freiheit gewährt uns die Möglichkeit, eine ständig wachsende Auswahl zu treffen … wovon keine wirklich viel mit Demokratie zu tun hat. Zum Beispiel steht es den westlichen Verbrauchern frei, für jeden Konzern zu arbeiten den sie wollen, und jedes Produkt zu kaufen das sie wollen und so viele Schulden aufzunehmen wie der Markt es erlaubt, um ein Haus zu kaufen wo immer sie wollen und jeden Gott anzubeten den sie wollen (solange sich ihr Verhalten den Werten des Kapitalismus anpasst und nicht ihrer Religion). Und Männer können sich selbst in Frauen verwandeln, und weiße Menschen können sich als Afroamerikaner ausgeben, oder als Indianer, oder was immer sie wollen. Und jeder kann sich auf Facebook und Twitter über den Präsidenten oder die Königin von England lustig machen oder sie beleidigen. Keine dieser Freiheiten war unter einer feudalen Tyrannei auch nur denkbar, geschweige denn möglich.

 

Aber das war es dann auch schon mit unserer „Freiheit“. Die globalen, kapitalistischen Herrscherklassen werden uns niemals erlauben, dass wir uns selbst regieren, nicht in irgendeiner bedeutsamen Art und Weise. In Wahrheit haben sie seit Mitte der 1970er im gesamten Westen den Rahmen einer sozialen Demokratie abgebaut und ansonsten alles rücksichtslos privatisiert. In Europa haben sie das etwas langsamer getan, dort ist die soziale Demokratie fester verwurzelt, aber macht euch nichts vor, die amerikanische „Gesellschaft“ ist das Modell für unsere dystopische Zukunft. Die herrschenden Klassen und ihre schuldenversklavten Diener, die von hypermilitarisierten Polizeitruppen vor den verzweifelten Massen beschützt werden, in ihren gesäuberten Enklaven medizinisch betreut werden und auf Amazon Prime Westworld glotzen, während ihre Aktienanteile an privaten Gefängnissen steigen und die Kräfte der Demokratie deren Freiheit verteidigen, indem sie Männer, Frauen und Kinder in irgendwelchen fernen Ländern abschlachten, die sie nicht einmal auf einer Landkarte finden und wo sie sowieso nie Urlaub machen würden … an diesem Punkt ist Amerika bereits, und auf den steuert der Rest des Westens auch zu.

 

Aus diesem Grund ist es absolut wichtig, die Simulation der Demokratie und die Fiktion beizubehalten, dass wir immer noch in einer Welt leben, in der große geopolitische Ereignisse von souveränen Ländern und deren Führern bestimmt werden. Und nicht von globalen Konzernen und einer Klasse supranationaler Eliten, deren vorrangige Loyalität dem globalen Kapitalismus gehört und nicht einer bestimmten Nation. Und noch viel weniger den tatsächlichen Menschen die dort leben. Die globalen, kapitalistischen Herrscherklassen müssen die Massen im Westen zu der Überzeugung bringen, sie würden in den Vereinigten Staaten von Amerika leben, im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Frankreich und so weiter – und nicht in einem globalen Markt. Denn wenn alles ein globaler Marktplatz ist, mit einer globalen Arbeiterschaft (die die globalen Konzerne ungestraft ausbeuten können), und wenn es ein globales Finanzsystem ist (in welchem die Volkswirtschaften angeblicher Rivalen wie China und die USA, oder die EU und Russland nahezu vollständig miteinander verwoben sind), dann gibt es keine Vereinigten Staaten von Amerika, kein Vereinigtes Königreich, keine Frankreich, kein Deutschland... oder nicht so wie wir konditioniert sind es wahrzunehmen. Dann gibt es nur das globale, kapitalistische Imperium, aufgeteilt in „nationale“ Marktterritorien, jedes führt leicht unterschiedliche administrative Funktionen innerhalb des Imperiums aus … und jene Territorien, die ihre Souveränität noch nicht aufgegeben haben und vom Imperium absorbiert worden sind. Ich denke, ihr wisst, welche Gebiete das sind.

 

Aber zurück zur Simulation der Demokratie (deren Zweck es ist, uns davon abzuhalten, die Welt so wahrzunehmen wie ich es oben geschildert habe). Das funktioniert so, dass wir alle darauf konditioniert werden zu glauben, dass wir in diesen unvollkommenen Demokratien leben, die sich unerbittlich in Richtung „echter“ Demokratien entwickeln, es aber einfach noch nicht geschafft haben, dorthin zu gelangen. „Echt“ ist hier das Schlüsselwort, denn es gibt so etwas wie eine echte Demokratie gar nicht. Hat es noch nie gegeben, außer in relativ kleinen und homogenen Volksgruppen. So wie Baudrillards Disneyland wird uns die „westliche Demokratie“ als „unvollkommen“ oder „unfertig“ präsentiert (mit anderen Worten als eine Kopie der „echten Demokratie“), um uns davon zu überzeugen, dass so etwas wie eine „echte Demokratie“ existiert, die wir – eines Tages – erreichen werden.

 

So funktioniert Simulation. Die Kopie existiert nicht dazu, um uns zu dem Glauben zu verleiten, sie sei das „echte“ Ding. Sie existiert, um uns davon zu überzeugen, dass es ein „echtes“ Ding gibt. Im Wesentlichen beschwört sie das „echte“ Ding herauf, indem sie vorgibt, eine Kopie davon zu sein. So wie die Bilder von Gott in einer Kirche „Gott“ heraufbeschwören, dessen Kopien sie sind (wenn auch nur in den Köpfen der Gläubigen), so ruft unsere unvollkommene Nachbildung der Demokratie das Konzept der „echten Demokratie“ hervor (die jenseits der Ebene von Stämmen und Gruppen nicht existiert und niemals existiert hat ).

 

Das ist natürlich zeremonielle Zauberei... aber so ist das in Wahrheit auch mit allem anderen. Nimm einen 20 Dollar-Schein oder einen 20 Euro-Schein, oder deinen Führerschein. Sie sind vollkommen wertlos, außer als Symbole, aber sie sind als Symbole nicht weniger mächtig. Oder sieh dir irgendein angeblich solides Objekt unter einem Elektronenmikroskop an. Versuch es mit einem Löffel. So wie es der glatzköpfige Junge in The Matrix ausgedrückt hat, wirst du „erkennen, dass da kein Löffel ist“... oder dass da eigentlich nur der Löffel ist, den wir erschaffen haben weil wir daran glauben, dass da ein Löffel ist.

 

Schau, ich will nicht zu gespenstisch werden. Was uns dieses Kind beizubringen versuchte (so wie verschiedene Andere im Lauf der Geschichte) ist, dass wir Realität kollektiv durch Symbole erzeugen... oder dass wir zulassen, dass Realität für uns erzeugt wird. Unsere kollektive Realität ist ebenso unsere Religion, indem wir unser Leben leben und unsere Kinder gemäß ihren Regeln und Werten aufziehen, unabhängig von irgendwelchen anderen Ritualen, an denen wir am Wochenende teilnehmen oder auch nicht. Westliche Verbraucher, egal ob nominell Christen, Juden, Moslems, Atheisten oder irgendeines anderen Glaubens, leben ihr Leben und erziehen ihre Kinder gemäß den Werten und Regeln des Kapitalismus. Der Kapitalismus ist unsere Religion. Und wie jede Religion hat er eine Kosmologie.

 

In der Kosmologie des globalen Kapitalismus ist die „Demokratie“ der kapitalistische Himmel. Wir hören, wie uns das unser ganzes Leben lang gepredigt wird, wir sind umgeben von ihren Götzenbildern, aber wir sehen sie nicht bis wir tot sind. Der Versuch, ihre Himmelspforte zu stürmen oder das Königreich der Demokratie auf der Erde zu erschaffen, das ist Ketzerei und wird mit dem Tod bestraft. Und ihre Existenz zu leugnen ist Blasphemie und wird mit Exkommunikation und der Verbannung in die Stadt der Dissidenten bestraft, wo sich die verlorenen Seelen in den Tiefen des Internets einander zurufen und ihre verdammten Stimmen von den Gläubigen nicht gehört werden... aber hey, nimm einen Abtrünnigen wie mich nicht beim Wort. Nur zu, versuch es, und schau was passiert.

 

 

 

Kommentare: 1
  • #1

    Propapanda (Freitag, 25 Mai 2018 18:17)

    „Es gibt viele Formen der Demokratie“

    Ich nenne die uns heute bekannte, gelehrte Form der „Demokratie“ immer gerne modernen Feudalismus. Kapitalismus unterscheidet sich nicht sonderlich viel vom Feudalismus. Beides sind, wie die Demokratie, Gesellschaftskonstrukte. Heutige „Demokraten“ sprechen immer gerne von einer kapitalistisch geprägten Demokratie, dabei können innerhalb einer Gesellschaft nicht zwei Gesellschaftskonstrukte koexistieren. Bitte nicht Kapitalismus mit (freier) Marktwirtschaft verwechseln!

    Wie frei die Marktwirtschaft heutzutage ist, kann man vielleicht an den endlosen Wirtschaftssanktionen und den daraus resultierenden Abhängigkeiten(Sekundärsanktionen) ablesen.

    Kapitalismus als Begriff, wurde im Zuge der Industrialisierung notwendig, die Industrialisierung sorgte dafür, das Bauern auf den Feldern überflüssig wurden und in die Städte abwanderten, um dort als auferstandene Arbeiter in neu geschaffenen Fabriken zu arbeiten.

    1800 68% L, 18% I, 13% D <- Sklaverei
    1900 41% L, 28% I, 31% D <- Roaring Twenties
    1950 14% L, 33% I, 50% D <- vom Tellerwäscher zum Millionär
    2012 02% L, 18% I, 80% D <- nur noch Tellerwäsche
    Legende: L=Landwirtschaft I=Industrie D=Dienstleistungssektor
    (http://piketty.pse.ens.fr/files/capital21c/en/pdf/T2.4.pdf)

    Wie der Tabelle zu entnehmen ist, befinden wir uns derzeit in einem Stadium, das ähnlich dem der Zeit der Industrialisierung ist, nur dass heute nicht mehr nur die Bauern überflüssig sind sondern eben auch die Arbeiter. Die zunehmende industrielle Automatisierung(neckisch Digitalisierung genannt) sorgt in vielen Fabriken für immer weniger und prekäre Arbeitsplätze.

    Kapitalismus, soweit kann man gehen, ist nur ein anderes Wort für Feudalismus und ist somit unendlich weit weg von einer Demokratie.

    “Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk.“ - Abraham Lincoln

    Kapital ist nicht, wie landläufig gelehrt, Geld. Kapital ist Besitz, die breiteste "Ressource": Land. Wie der Besitzer/ Kapitalist/ Feudalherr sein Land anmalt(Minen, Landwirtschaft, Industrie usw.), dass ist ihm überlassen. Bei genauerer Betrachtung, kämpft in unseren Parlamenten der Kapitalismus gegen die Demokratie, wobei der Kapitalismus am gewinnen ist, was in sofern interessant ist, dass die Demokratie mehr Menschen(Humanressource) vereint als der Kapitalismus(Eliten – früher auch „die Klicke“ genannt.). In sozial stärker geprägten Ländern verhält es sich an der Stelle entgegengesetzt, die Demokratie wirkt stärker auf den Kapitalismus, der Kapitalismus, und seine Strukturen, ist dennoch vorhanden nur wird der Ertrag auf viele und nicht auf wenige verteilt(Verteilungsprinzip) und sorgt so für sozialere Gerechtigkeit.

    Wie ist es möglich, dass die Soldaten des Kapitalismus, seit Kriegsende 1945 mehr als 100 Konflikte auslösen konnten ohne dabei eine "offensichtliche" Annexion herbeizuführen(Ausnahmen bestätigen die Regel)? Weil es nicht notwendig ist! Das Steuersystem: Diktatur, Demokratie, was auch immer, kann beibehalten werden, nur auf den Besitzurkunden der Kapitalgüter(meist Land) des „regime-changed“ Landes steht plötzlich ein anderer Name. Die „echten“ Kapitalisten haben längst verstanden, dass das Volk in einem, jeweiligen, Parallelsystem lebt und auf dieses geschult wird.

    ...ups... und schon wieder zu weit ausgeholt...