https://www.strategic-culture.org/news/2019/04/08/the-looking-glass-splinters.html

 

Die Scherben des Spiegels

 

von Alastair Crooke, 08.04.2019

 

 

Wohin man auch schaut, es ist offensichtlich, dass die Eliten des Nachkriegs-Establishments in der Defensive sind. Aber sie klammern sich an eine vorgespielte Hochnäsigkeit aus (ungerechtfertigtem) Optimismus. Ob in Großbritannien, wo eine Premierministerin bereit zu sein scheint, die Zukunft ihrer eigenen Partei auf dem Altar der Aufrechterhaltung des gemütlichen Zusammenspiels zwischen dem Großkapital und den selbstgefälligen Ambitionen Brüssels zu opfern, um ein globaler Wirtschaftsakteur im Wettbewerb mit den USA oder China zu sein. Oder ob es Trumps Bereitschaft ist, Amerikas Finanzsystem einem Steuer- und Schuldenwagnis auszusetzen, damit sich die Zahnräder des Militarisch-Industriellen Komplexes weiter gemütlich drehen können – zu einer Zeit, in der die Überschreitung der Ausgaben der US-Regierung bereits droht, das Vertrauen in den Dollar zu ruinieren.

 

Oder ob es Europa ist, wo die abrupte Kehrtwende der EZB ein großes konzeptionelles Scheitern markiert....(d.h. die Zerstörung und Übertragung von Vermögen von den Sparern in der Eurozone zur Rettung von Schuldnern und von der Öffentlichkeit an die Banken, Regierungen und Großunternehmen, zur Rettung ihrer Bilanzen). Dies hat wesentlich dazu beigetragen, die Eurozone in einen Wirtschaftszombie zu verwandeln und eine große und feindliche Wählerschaft zu radikalisieren.

 

Oder ob es sich um die offensichtliche Verwirrung der EU über Chinas tektonische "Landung" in Rom im vergangenen Monat handelt, das die Verschiebung der Welthandels-"Platten" ankündigt. Vielleicht verstehen es die Staats- und Regierungschefs der EU – dass die EU sich bereits auf der Rutsche befindet, auf dem Weg zu "neuen Gewässern", auf dem Weg zur Trennung vom einstigen "Elternhaus" der transatlantischen Beziehung, zu einem neuen Leben, in dem ein chinesischer Partner auftritt. Aber wenn dem so ist, so zeigen sie kein strategisches Denken.

 

Oder ob es sich um die Überraschung des außenpolitischen Establishments in Washington über China und Russlands selbstbewusstes "Sand ins Getriebe" in das Regimewechsel-“Spiel“ in Venezuela handelt; oder um das Beharren des NATO-Mitglieds der Türkei zu einem Kauf der russischen S400, trotz der Drohungen Washingtons. Oder (unvorstellbar), dass das winzige Jordanien und der Libanon zu den USA tatsächlich "nein" sagen (zu Kushners Plan, König Abdullah sein Sorgerecht über Jerusalems al-Quds (Moschee) zu entziehen, oder im Falle des Libanon, indem es sich weigert, einen Sanktionskrieg gegen seine Mitbürger zu verhängen).

 

Die einstudierte "Front" bleibt bestehen, aber die Risse zeigen sich. Was bedeutsam und so interessant ist, dass der Widerstand jetzt in die Reihen des "Establishment" selbst eindringt. (Das Establishment war nie homogen, aber die innere Revolte in seinen Reihen war immer leicht abzutöten, und die Wunde heilte schnell wieder zu). Aber dieses Mal nicht – zumindest nicht so einfach.

 

Alles in allem sind die Nachkriegseliten erschüttert: Die Reaktion auf das Ergebnis der Mueller-Untersuchung (wegen dem Establishment-Ausreißer Trump) und der Wutausbruch von EU Michel Barnier, dass es Störenfriede gibt (insbesondere Nigel Farage), die eigentlich "die EU von innen heraus zerstören wollen; und andere von außen" – das sind nur zwei Symptome einer psychischen Fraktur in einer einst versiegelten, kartesischen, mentalen Glocke. An vielen Fronten werden Kernkonzepte in Frage gestellt.

 

Es herrscht ein uralter europäischer Krieg zweier "Visionen" – Konservative im alten Stil (mit einem kleinen "k"), die großen, utopischen Projekten instinktiv misstrauen und die die Autonomie und ursprüngliche Institutionen schätzen – und sie rebellieren gegen die gegenwärtige Umarmung des Millenarismus. (Anm.d.Ü.: Der Millenarismus bezeichnet außerhalb der Religion das utopische Streben, einen politisch-gesellschaftlichen Bruch in der Geschichte und einen paradiesischen Zustand herbeizuführen.)

 

Dies ist am heftigsten mit dem Brexit hochgekocht; mit Macrons Jupiter-ähnlicher Arroganz; mit der Verachtung und dem Nichtkonformismus aus Italien und mit der unverhohlenen Verachtung für die EU-Werte, die aus Warschau, Budapest und anderen Visegrad-Hauptstädten kommt. Ist es wirklich möglich, dass die EU ihre unbeugsame Haltung beibehält, wenn die Herausforderungen zunehmen?

 

Doch trotz dieses Katalogs, trotz all der Beweise, die uns umgeben, dass wir am Rande eines dieser substantiellen Wendepunkte stehen, schlendern wir einfach weiter und machen weiter wie gewohnt – in der Gewissheit, dass wir uns schon durchwursteln werden, irgendwie "okay".

 

Aber werden wir das? Warum dieser furchtlose Optimismus? Wir könnten vor einer globalen Rezession stehen. Doch weder die Fed noch die EZB verfügen über die Waffen, um damit umzugehen (wie sie freiwillig zugeben), jenseits der Rückkehr zu noch mehr Gelddrucken, Zinsunterdrückung und Anleihenkäufen. Was wird dann das Ergebnis sein? Die Zentralbanken werden drucken (zusammen bereits 1 Billion Dollar in diesem ersten Quartal). In den vergangenen Runden der monetären Inflation haben billige chinesische Importe die westliche Inflation unterdrückt. Wir konnten das Bargeld "drucken", ohne scheinbar negative Auswirkungen. Und noch dazu hat uns China seinen Wachstumsimpuls im Grunde "ausgeliehen".

 

Aber die negativen Auswirkungen war immer da, nur nicht so sichtbar. Das "Gelddrucken" stellte einen riesigen Reichtums-Transfer von einem Teil der Öffentlichkeit auf einen anderen dar. Kann das Netz unseres Gemeinwesens wirklich größere Ungleichheiten aufnehmen, ohne auseinander zu reißen, ohne zu explodieren? Blinken die Gelbwesten nicht mit einem roten Warnsignal? Anscheinend nicht. Die Märkte steigen weiter an. Stimmt schon, aber die Folgen für die unvermeidliche (jetzt vollständige) Reaktion der Währungshüter auf die Stagnation werden jedoch diesmal sein, dass die 60% näher an den wirtschaftlichen "Abgrund" rutschen werden (während die 40% hoch fliegen) – und die Jugendlichen werden zu den neuen Langzeitarbeitslosen.

 

Noch grundsätzlicher: Und diese Frage wird selten gestellt: Können die USA wirklich wieder groß gemacht werden (MAGA), sein Militär völlig erneuert und seine zivile Infrastruktur saniert werden, wenn man von einer Position aus beginnt, in der heute (dieses Jahr bis heute) sein Defizit von Bundeseinnahmen zu Ausgaben 30% beträgt; wo seine Schulden jetzt so hoch sind, dass die USA nur überleben können, wenn sie die Zinssätze wieder auf ein (zombiförmiges) Niveau gen Null drücken?

 

Ich wiederhole, ist es wirklich machbar, Fertigungsjobs von ihrem Low-Cost-Offshoring in Asien in ein hochpreisiges Amerika zurück zu zwingen? Außer durch den Zusammenbruch des Dollarkurses, um diese hochpreisige Basisplattform wieder global wettbewerbsfähig zu machen, vor dem Hintergrund eines Amerikas, das durch seine festgefahrene inflationäre Geldpolitik schrittweise "teurer" wird? Ist MAGA realistisch? Oder wird die Zurückeroberung von Arbeitsplätzen in den USA aus der Billiglohn-Welt enden, indem sie jene Rezession auslöst, die die Zentralbanken so sehr fürchten?

 

Und da die Eliten der Nachkriegszeit in den USA und Europa immer verzweifelter werden, um die Illusion aufrechtzuerhalten, sie seien die Vorhut der globalen Zivilisation: Wie werden sie mit dem Wiederaufleben eines eigenständigen "Zivilisationsstaates" umgehen, nämlich China? Wie wird die EU auf ein Pentagon reagieren, das von China, China, China besessen ist, wenn dieses Land seine BRI (Anm.d.Ü.: Belt and Road Initiative) direkt nach Europa ausbaut? Wird sich die EU -- wie die USA – für Protektionismus entscheiden und Fusionen und Mega-Unternehmen fördern, um mit großen US-amerikanischen und chinesischen Unternehmen zu konkurrieren? Ist Europa überhaupt in der Lage, die USA aufzuhalten, da diese ihre militärische Eindämmung Chinas aufbauen, und erwarten, dass Europa mitspielt?

 

In Europa droht der Widerstand gegen ein etabliertes französisches Elitensystem, das den Wenigen zugute kommt und die Vielen vernachlässigt, den politischen Zusammenhalt Frankreichs zu zerstören. In Großbritannien droht der Brexit das britische politische Parteiensystem zu zerstören. Die Meinungsverschiedenheiten über die Beziehungen des Vereinigten Königreichs zur EU waren noch nie so tief, ausgeprägt und verfestigt wie heute. Die Unterschiede zwischen der urbanen, kosmopolitischen Elite Londons und dem Rest des Landes waren noch nie so ausgeprägt. Die Frage, ob und inwieweit Großbritannien einem Europa angehören soll, das gemäß dem Spiegel "ein Reich.... eine Zentralmacht (ist), die die Kontrolle über viele verschiedene Völker ausübt... und ein Deutsches Reich im wirtschaftlichen Bereich" – das ist zu einem fundamentalen Zwiespalt geworden.

 

Der Brexit wird größer als "Brexit". Alte Parteizugehörigkeiten funktionieren nicht mehr und werden über Bord geworfen. Die beiden großen Parteien sind gespalten. Ehemalige loyale Aktivisten nennen ihre Parteiführung Verräter – oder schlimmeres. Die Parteizugehörigkeit ist nicht mehr die Klasse oder die historische Familienzugehörigkeit: Sie ist jetzt "Leave" oder "Remain".

 

Tektonische Verschiebungen wie diese sind selten. Aber wenn sie eintreten, schaffen sie die Möglichkeit einer tiefgreifenden Veränderung und Neuausrichtung. Viele Briten haben Loyalitäten und Vorlieben, mit denen sie einst gelebt haben. Es entstehen neue Parteien und neue Konkurrenten. Bestehende Parteien zerbrechen – oder versuchen, sich neu zu erfinden – da die Verachtung für die Parteien und ihre Führer epidemische Ausmaße annimmt. Alles, was solide schien, löst sich in Luft auf, mit tiefgreifenden Folgen für die politische Zukunft und sogar für das Regierungssystem – da das britische Parlament „wild geworden ist“, da das Parlament das Weisungsrecht der Regierung an sich gerissen hat.

 

Normalerweise zurückhaltende Parteimitglieder in Großbritannien sagen nach dem, was letzte Woche im Parlament passiert ist, dass nur eine "politische Revolution" die legitime Regierungsführung in Großbritannien wiederherstellen kann. Unglaublich. Nehmen wir dies als Beispiel:

 

"Wir sind gespannt auf die täglichen, ja stündlichen politischen Machenschaften der Premierministerin, des Parlaments und des Establishments. Wir haben die Neufassung eines verfassungsmäßigen Präzedenzfalls erlebt, eine eklatante Missachtung von Verpflichtungen zu einem Manifest, die Verbiegung von Regeln und das Lügen im industriellen Ausmaß.

 

All dies, um das Vereinigte Königreich als Gefangenen des EU-Systems und als Milchkuh für die deutsche und Brüsseler Bürokratie zu erhalten. In der neuen Inquisition ist keine Ketzerei erlaubt. Erstaunlich ist der scheinbar anhaltende Glaube unserer höheren Klassen, dass die "gewöhnlichen Menschen" nicht zusehen und nicht verstehen, was vor sich geht."

 

Stammt das vielleicht von einem Radikalen? Nein, es ist ein Zitat des ehemaligen Generaldirektors der britischen Handelskammer mit 30 Jahren Erfahrung in der britischen und der EU-Regierung. Personifiziertes Establishment. Wenn der Widerstand innerhalb der Elite beginnt, deutet dies historisch gesehen darauf hin, dass wir mit einem langen Konflikt rechnen müssen.

 

Es mag befriedigend sein zu denken, dass dies eine insulare britische Reaktion auf Brexit ist, von wenig größerer Bedeutung. Aber das wäre falsch. Wir stehen an der Schwelle zu einem Wendepunkt. Ist es in den USA nicht ähnlich, wo die "Bedauernswerten" (die neuen "Konföderierten") gegen die nördlichen städtischen Liberalen antreten, ähnlich wie im Amerikanischen Bürgerkrieg?

 

Ist der Machtpoker innerhalb der EU nicht irgendwie eine Wiederholung der Kämpfe von (meist protestantischen) Nationalstaaten, die genau gegen diese Vorstellung eines europäischen Imperiums waren, das seine starre "Lex Europa" verschiedenen Völkern aufzwingt, durch eine zentralisierte und unnahbare Autorität?

 

Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, wo die Wirtschaft der USA und Europas instabil ist. Warum ist das inhärente Risiko bei all dem so schwer wahrzunehmen oder anzuerkennen?

(Anm.d.Ü.: Weil die Schafe von den Massenmedien ruhiggestellt werden.)

 

Kommentare: 2
  • #2

    lex (Donnerstag, 11 April 2019 01:17)

    @Marx .. Ja die haben ja auch genau die Funktione der Kirchen von früher übernommen. Statt einmal in der Woche in die Kriche zu gehen guckt man heute Nachrichten. Und wenn man aufnüpfig ist wird man heute von den MSM Verschwörungstheoretiker genannt und damals von den Kirchen Ketzer. Die Exkommunikation gibt es auch, man bekommt keine Plattform mehr in den Medien .. und Hexenverbrennung .. das das ist heute wohl das Diffamieren als Rechtpolpulist, Dikatator, Homophober, .... usw .. Also man kann es genau so sagen. Die Medien sind das neue "Opium fürs Volk"

  • #1

    Marx (Mittwoch, 10 April 2019 11:15)

    Leitmedien sind das Opium des Volkes