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Die globalen Gas-Kriege: Jetzt wird’s lustig!

 

Von Dmitri Orlov, 28.09.2021

 

 

Der Spotpreis für Erdgas in Europa hat soeben die psychologisch wichtige Marke von 1000 Dollar pro tausend Kubikmeter, also einen Dollar pro Kubikmeter, überschritten. Dies hat bereits zu erheblichen Auswirkungen in ganz Europa geführt. Im Vereinigten Königreich können die Düngemittelfabriken bei diesen Preisen nicht arbeiten und haben ihre Anlagen geschlossen. Dies wird zu gegebener Zeit zu einer Inflation der Lebensmittelpreise führen, aber die unmittelbare Auswirkung ist, dass den Verbrauchern verpacktes Fleisch und Bier vorenthalten wird, weil es an Trockeneis mangelt, das ein Nebenprodukt der Düngemittelproduktion ist. Auf der anderen Seite der Europäischen Union sind die Strompreise in den baltischen Staaten inzwischen zehnmal so hoch wie auf der anderen Seite der Grenze in Russland. Natürlich können sie gerne billigen und reichlich Strom aus Russland kaufen, aber der muss über Weißrussland und Litauen kommen, und die Litauer haben die Beziehungen zu Weißrussland strategisch ruiniert, indem sie die flüchtige Tichanowskaja, die Kotelettkönigin, beherbergten, die eine Art weißrussischer Juan Guaidó ist.

Auf der anderen Seite von Weißrussland liegt die Ukraine, wo die Dinge noch lustiger sind. Im Frühjahr 2019 lehnte die Ukraine Russlands gnädiges Angebot ab, ihr Gas für 240 bis 260 Dollar pro Tausend Kubik (ein Viertel des aktuellen Spotpreises) zu verkaufen, und entschied sich stattdessen, es auf dem Spotmarkt zu kaufen. Das Ergebnis ist, dass die Ukraine 13 Mrd. Kubikmeter Gas in den Speichern benötigt, um die Heizperiode zu überstehen, aber weniger als 5 Mrd. hat. Aber sie kann doch jederzeit auf dem Spotmarkt kaufen, was sie braucht, oder? Falsch! Die Ukraine ist pleite und hat für diesen Zweck keine Mittel eingeplant. Zum Glück kann sie immer noch billigen Strom aus Russland kaufen – zumindest so lange, bis ukrainische Nationalisten beschließen, die Übertragungsleitungen nach Russland in die Luft zu jagen, wie sie es vor einiger Zeit mit den Leitungen zur russischen Krim getan haben, was dort zu Energieengpässen führte und die Russen zwang, eine Energiebrücke vom Festland dorthin zu bauen, was fast ein Jahr dauerte.

Aber im Gegensatz zur Ukraine, die pleite ist, müssen die Länder in der EU nicht einfrieren, denn sie können das benötigte Gas in Form von Flüssiggas einfach auf dem Spotmarkt kaufen, oder? Falsch! Der LNG-Markt ist ein globaler Markt, und Europas ostasiatische Konkurrenten – China, Südkorea und Japan – können das verfügbare Angebot immer überbieten. Diese drei Länder haben seit Jahrzehnten strukturelle Defizite gegenüber den Vereinigten Staaten und haben einen unheilvollen Hort von US-Staatsschulden angehäuft. Da die USA nun kurz vor dem Staatsbankrott stehen und/oder eine Dollar-Hyperinflation auslösen, indem sie zulassen, dass ihre Staatsverschuldung die Schwelle von 30 Billionen Dollar überschreitet, sind sie bestrebt, so viel wie möglich von diesem Hort loszuwerden und ihn gegen benötigte Rohstoffe wie Erdgas einzutauschen. Es ist ihnen ziemlich egal, wie viel das Gas kosten wird, denn der Preis der US-Schulden wird letztendlich bei Null liegen, und etwas ist immer besser als nichts. Die Chancen stehen also gut, dass die EU in diesem Winter aus Solidarität mit der Ukraine im Dunkeln frösteln wird.

In den Vereinigten Staaten, die dank ihrer Fracking-Industrie immerhin ein stolzer Exporteur von Erdgas sind, sieht es dagegen viel besser aus. Wieder falsch! Die Industrial Energy Consumers of America (IECA), eine Lobbygruppe der Chemie- und Lebensmittelindustrie, hat soeben vom US-Energieministerium gefordert, den LNG-Export zu begrenzen. Andernfalls, so heißt es, würden die sehr hohen Erdgaspreise zahlreiche US-Unternehmen wettbewerbsunfähig machen und zur Schließung zwingen. Die Preise sind im letzten Jahr bereits um 41 % gestiegen. Doch das reicht nicht aus, um die Produktion anzukurbeln: Die Erdgasproduktion in den USA geht zusammen mit der Zahl der Bohrinseln zurück, und die gespeicherten Gasmengen liegen derzeit 7,4 % unter dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Der Versuch, die LNG-Exporte zu begrenzen, wird ein lautes Geschrei der Lobbyisten der Energiewirtschaft hervorrufen, die auf dem Capitol Hill viel Einfluss haben, und zu langwierigen politischen Kämpfen in einem ohnehin schon stark gespaltenen und unliebsamen US-Kongress führen.

In der Zwischenzeit gibt es in der EU etwas, das sofort getan werden kann, um diese Krise abzuwenden: Die gerade fertiggestellte NordStream2 wird eingeschaltet, indem die europäischen bürokratischen Verzögerungsprotokolle, die den Zertifizierungsprozess in die Länge ziehen, beiseite gelegt und die wirklich idiotische Beschränkung, dass sie nur mit 50 % Kapazität genutzt werden darf, aufgehoben wird. Die russische Gazprom wäre durchaus bereit, ein langfristiges Lieferabkommen zu einem vernünftigen Preis zu unterzeichnen, so wie sie es erst vor wenigen Tagen mit Ungarn getan hat. Doch ein solcher Sinneswandel scheint im Moment unwahrscheinlich. Einerseits sind die Fundamentalisten der freien Marktwirtschaft immer noch von dem blinden Glauben beseelt, dass der freie Markt ihr Volk irgendwie vor dem Erfrieren bewahren wird; andererseits scheinen Umweltschützer zu glauben, dass das Einfrieren eine tugendhafte Handlung wäre, die den Planeten vor der Überhitzung bewahren würde. Im nächsten Frühjahr könnte die Schneeschmelze eine politische Landschaft offenbaren, die mit den erfrorenen Leichen von Umweltschützern und Eiferern des freien Marktes übersät ist. Wir alle sollten ihnen natürlich viel Glück wünschen, ob sie es nun verdienen oder nicht.