Der Fall Jeffrey Epstein – Die Epstein Saga

Erstveröffentlichung auf mintpressnews.com

 

Übersetzt von FritztheCat und Jokerin

 

 

 

https://www.mintpressnews.com/shocking-origins-jeffrey-epstein-blackmail-roy-cohn/260621/

 

Der Fall Jeffrey Epstein: Too Big to Fail – Teil 1

Versteckt vor aller Augen: Die schockierenden Ursprünge des Jeffrey Epstein-Falls

 

Von Whitney Webb, 18.07.2019 (zahlreiche Links im Original!)

 

 

Trotz seines „Amigo“-Deals, als er scheinbar der Justiz entkommen konnte, wurde der Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein Anfang dieses Monats aufgrund eines bundesstaatlichen Haftbefehls wegen Sexhandels mit Minderjährigen verhaftet. Epsteins Verhaftung hat wieder einmal die erhöhte Aufmerksamkeit der Medien auf viele seiner berühmten Freunde gelenkt. Unter ihnen ist der amtierende Präsident.

 

Seither ist oft gefragt worden, wieviel Epsteins berühmte Freunde von seinen Aktivitäten wussten und was genau Epstein im Schilde führte. Letzteres hat wohl die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nachdem berichtet worden war, dass Alex Acosta – der 2008 Epsteins „Amigo“-Deal eingefädelt hatte und der vor kurzem nach Epsteins Verhaftung als Donald Trumps Arbeitsminister zurückgetreten ist – behauptet hatte, der mysteriöse Milliardär habe „für Geheimdienste“ gearbeitet.

https://www.thedailybeast.com/jeffrey-epsteins-sick-story-played-out-for-years-in-plain-sight?ref=scroll

 

 

Andere Ermittlungen haben zunehmend deutlich gemacht, dass Epstein ein Erpressungsprogramm am Laufen hielt, denn er hatte seine Aufenthaltsorte – ob seine New Yorker Wohnung oder sein karibisches Inseldomizil – mit Mikrofonen und Kameras verwanzt, um die schlüpfrigen Interaktionen seiner Gäste mit den minderjährigen Mädchen, die er benutzte, aufzuzeichnen. Anscheinend hat Epstein einen Großteil dieses Erpressungsmaterials in einem Safe auf seiner Privatinsel aufbewahrt.

 

Behauptungen über Epsteins Verbindungen und seine Verwicklung in ein ausgeklügeltes, gut finanziertes sexuelles Erpressungssystem haben überraschenderweise wenige Medien dazu veranlasst, über die Geschichte der Geheimdienste sowohl in den USA als auch im Ausland zu recherchieren, die ähnliche sexuelle Erpressungsprogramme ablaufen ließen, darunter auch viele mit minderjährigen Prostituierten.

 

Allein in den USA betrieb die CIA im ganzen Land zahlreiche sexuelle Erpressungsoperationen und stellte Prostituierte an, um ausländische Diplomaten in dem einzufangen, was die Washington Post einmal die „Liebesfallen“ der CIA nannte. Geht man in der Geschichte der USA weiter zurück, so wird offensichtlich, dass diese Taktiken und ihr Einsatz gegen mächtige politische und einflussreiche Personen bis weit vor die Zeit der CIA und deren Vorläufer OSS (Office of Strategic Services) zurückreichen. Ja, die Pioniere dafür waren niemand anderes als die amerikanische Mafia.

 

Im Laufe dieser Untersuchungen hat MintPress entdeckt, dass eine Handvoll Figuren, die im organisierten Verbrechen Amerikas während und nach der Prohibition Einfluss hatten, direkt in sexuelle Erpressungsoperationen verwickelt waren, die sie für ihre eigenen, oft finsteren Zwecke benutzten.

 

In Teil 1 dieser exklusiven Untersuchung wird MintPress beleuchten, wie ein mit dem „Mob“ [d.h. der US-Mafia, Anm. d. Übers.] vernetzter Geschäftsmann mit tiefen Bindungen zu dem berüchtigten Gangster Meyer Lansky ebenfalls enge Verbindungen zum Federal Bureau of Investigation (FBI) aufbaute und nebenbei jahrzehntelang ein sexuelles Erpressungssystem unterhielt, das später in den 1950er Jahren ein verdeckter Teil des antikommunistischen Kreuzzuges von Joseph McCarthy (R-WI) wurde, von dem in ganz Washington bekannt war, dass er in betrunkenem Zustand minderjährige Teenagerinnen begrapschte.

 

Doch war es einer von McCarthys engsten Mitarbeitern, der später diesen Ring übernahm, mit Minderjährigen handelte und dieses sexuelle Erpressungssystem gleichzeitig mit seinem eigenen politischen Einfluss ausweitete, was ihn in engen Kontakt zu prominenten Persönlichkeiten brachte, darunter der ehemalige Präsident Ronald Reagan und ein Mann, der später Präsident wurde, Donald Trump.

 

In Teil 2 werden wir enthüllen, wie nach dem Tod dieser Person das Erpressungsprogramm unter verschiedenen Nachfolgern in verschiedenen Städten weiterlief. Starke Indizien sprechen dafür, dass Jeffrey Epstein einer dieser Nachfolger ist.

 

Samuel Bronfman und der Mob

 

Die Zeit der Prohibition in den Vereinigten Staaten wird oft als Beispiel dafür verwendet, wie das Verbot von Freizeitdrogen nicht nur deren Beliebtheit steigert, sondern auch einen Anstieg krimineller Aktivitäten auslöst. Und in der Tat war es die Prohibition, die die amerikanische Mafia außerordentlich gestärkt hat, da die Verbrecherkönige jener Zeit durch den heimlichen Handel und Verkauf von Alkohol, in Verbindung mit dem Glücksspiel und anderen Aktivitäten, reich geworden sind.

 

Tatsächlich war es die Zeit des Alkoholschmuggels in den 1920ern und frühen 1930ern, in der diese Geschichte beginnt, denn sie brachte jene Schlüsselfiguren zusammen, deren Nachfolger und Geschäftspartner schließlich eine Reihe von Erpressungs- und Sexhandels-Ringen schufen, die Erscheinungen wie Jeffrey Epstein, den „Lolita-Express“ und „Orgy Island“ [Insel der Orgien] ermöglicht haben.

 

Samuel Bronfman hatte nie im Sinn, ein großer Schnapsproduzent zu werden, aber getreu seinem Familiennamen, der im Jiddischen „Brandweinmann“ bedeutet, begann er schließlich doch, zusätzlich zum Hotelgeschäft seiner Familie Alkohol zu vertreiben. Während Kanadas Prohibitionszeit, die kürzer war und früher begann als beim südlichen Nachbarn, benutzte das Familiengeschäft der Bronfmans Schlupflöcher im Gesetz und fand technisch legale Wege, Alkohol in jenen Hotels und Läden zu verkaufen, die der Familie gehörten. Die Familie verließ sich auf ihre Verbindungen zu Mitgliedern der amerikanischen Mafia, um illegal Alkohol aus den Vereinigten Staaten zu schmuggeln.

 

Kurz nachdem in Kanada die Prohibition endete, begann sie in den USA, und als sich der Fluss des illegalen Alkohols in die andere Richtung drehte, waren die Bronfmans – deren Geschäfte von Sam Bronfman und seinen Brüdern geleitet wurden – relativ spät in den blühenden Alkoholschmuggel eingestiegen.

 

Auf den beiden lukrativsten Märkten – auf hoher See und auf dem Detroit River – waren wir Spätstarter. Was aus dem Grenzhandel in Saskatchewan hereinkam, war vergleichsweise unbedeutend“, sagte Bronfman einmal zu dem kanadischen Journalisten Terence Robertson, der damals eine Biografie über ihn schrieb. Nichtsdestoweniger „war dies die Zeit, in der wir anfingen, wirklich Geld zu machen“, erinnerte sich Bronfman. Robertsons Biografie über Bronfman wurde nie veröffentlicht, da der Autor unter mysteriösen Umständen starb, kurz nachdem er seine Kollegen gewarnt hatte, dass er unappetitliches Material über die Bronfman-Familie entdeckt hatte.

            Samuel Bronfman 1937 mit seinen Söhnen Edgar und Charles

 

Der Schlüssel zu Bronfmans Erfolg während der amerikanischen Prohibition waren die Verbindungen, die seine Familie zum organisierten Verbrechen während der kanadischen Prohibition geknüpft hatte. Verbindungen, die viele prominente Mitglieder des Mobs in den Vereinigten Staaten bewogen, Bronfman zu ihrem bevorzugten Geschäftspartner zu machen. Bronfmans Schnaps wurde in riesigen Mengen von vielen Verbrecherkönigen gekauft, die immer noch als amerikanische Legenden weiterleben, darunter Charles „Lucky“ Luciano, Moe Dalitz, Abner „Longy“ Zwillman und Meyer Lansky.

 

Die meisten von Bronfmans Mafia-Partnern während der Prohibition waren Mitglieder dessen, was später als das Nationale Verbrechersyndikat bekannt wurde, das in den 1950ern von einem Untersuchungsausschuß des Senats, der sogenannten Kefauver Kommission, als Bund beschrieben wurde, der von italo-amerikanischen und jüdisch-amerikanischen Mobs beherrscht wurde. Während jener Untersuchung bezeichneten einige der größten Namen in der amerikanischen Mafia Bronfman als zentrale Figur bei ihren Alkoholschmuggeloperationen. Die Witwe des berüchtigten amerikanischen Mob-Bosses Meyer Lansky erinnerte sich sogar daran, wie Bronfman für ihren Ehemann aufwendige Dinnerpartys veranstaltet hatte.

 

Jahre später schlossen sich Samuel Bronfmans Kinder und Enkelkinder – die familiären Verbindungen zur kriminellen Unterwelt waren intakt geblieben – eng an Leslie Wexner an, angeblich die Quelle des Großteils von Epsteins mysteriösem Reichtum, und andere „Philantropen“ mit Mob-Verbindungen. Und einige von ihnen unterhielten sogar ihre eigenen sexuellen Erpressungssysteme, darunter der kürzlich aufgeflogene, erpresserische Sex-Kult NXIVM. https://www.rollingstone.com/culture/culture-news/seagram-heiress-clare-bronfman-pleads-guilty-in-nxivm-sex-slave-case-825103/

 

Die spätere Generation der Bronfman-Familie, insbesondere Samuel Bronfmans Söhne Edgar und Charles, werden im zweiten Teil dieses Berichts ausführlicher besprochen.

 

Lewis Rosenstiels dunkles Geheimnis

 

Von größter Bedeutung für Bronfmans Alkoholschmuggel während der Prohibition waren zwei Mittelsmänner, von denen einer Lewis „Lew“ Rosenstiel war. Rosenstiel fing vor der Prohibition mit der Arbeit in der Brennerei seines Onkels in Kentucky an. Als das Alkoholverbort in Kraft trat, gründete Rosenstiel die Schenley Products Company, die später eine der größten Spirituosen-Firmen in Nordamerika wurde.

 

Obwohl er ein Highschool-Aussteiger war und zu jener Zeit über keine besonders guten sozialen Beziehungen verfügte, hatte Rosenstiel zufällig die Gelegenheit, Winston Churchill 1922 während eines Urlaubs an der Französischen Riviera kennenzulernen. Gemäß der New York Times gab Churchill ihm den Rat, „er [Rosenstiel] solle sich auf die Rückkehr des Spirituosen-Verkaufs in den USA vorbereiten“. Rosenstiel schaffte es irgendwie, eine Finanzierung durch die elitäre und renommierte Wall Street-Firma Lehman Brothers zu sichern, um seinen Kauf stillgelegter Brennereien zu finanzieren.

 

Offiziell heißt es, Rosenstiel habe seine Firma und seinen Reichtum nach der Prohibition aufgebaut, indem er Churchills Rat gefolgt sei, sich auf die Aufhebung des Prohibitionsgesetzes vorzubereiten. Er war jedoch eindeutig in Alkoholschmuggel-Operationen verwickelt und wurde 1929 sogar wegen Alkoholschmuggels angeklagt, entkam aber einer Verurteilung. Wie Bronfman stand Rosenstiel dem organisierten Verbrechen nahe, vor allem Mitgliedern der zumeist jüdisch-amerikanischen und italo-amerikanischen Mobverbindung, die als National Crime Syndicate bekannt ist.

 

Nachfolgende Ermittlungen der Legislative des Staates New York führten zu der Behauptung, Rosenstiel sei „Teil eines 'Konsortiums' aus Unterweltfiguren, die in Kanada Spirituosen [von Samuel Bronfman] kauften“; dessen andere Mitglieder seien „Meyer Lansky, der bekannte Anführer des organisierten Verbrechens; Joseph Fusco, ein Partner des verstorbenen Chicago-Gangsters Al Capone und Joseph Linseys, eines Manns aus Boston, den Mr. Kelly [der Ermittler des Kongresses] als einen verurteilten Alkoholschmuggler identifiziert hat.“ Rosenstiels Beziehungen zu diesen Männern, insbesondere zu Lansky, dauerten bis lange nach der Prohibition, und Samuel Bronfman hielt seinerseits seine Verbindungen zum Mob aufrecht.

 

Zusätzlich zu seinen Freunden innerhalb des Mobs pflegte Rosenstiel auch enge Verbindungen mit dem FBI, entwickelte eine enge Beziehung zum langjährigen Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, und machte Hoovers rechte Hand und langjährigen Assistenten beim FBI, Louis Nichols, 1957 zum Vize-Präsidenten seines Schenley-Imperiums.

 

Trotz ihres ähnlichen Hintergrunds als Alkoholschmuggel-Barone, die zu „geachteten“ Geschäftsleuten wurden, waren Bronfman und Rosenstiel wesensmäßig völlig verschieden, und ihre Beziehung war – gelinde gesagt – kompliziert. Ein Beispiel für die Unterschiede zwischen den beiden nordamerikanischen Schnaps-Mogulen war die Art und Weise, wie sie ihre Mitarbeiter behandelten. Bronfman galt nicht unbedingt als grausamer Boss; im Gegensatz dazu war Rosenstiel für sein erratisches und „monströses“ Verhalten gegenüber seinen Angestellten sowie für seine ungewöhnliche Praxis bekannt, sein Büro zu verwanzen, um zu hören, was seine Angestellten in seiner Abwesenheit über ihn sagten.

          Rosenstiel war mit dem FBI und dem organisierten Verbrechen verbunden

 

Solche Unterschiede kamen auch in ihrem persönlichen Leben zum Ausdruck. Während Bronfman nur einmal heiratete und seiner Frau treu war, war Rosenstiel fünf Mal verheiratet und für seine relativ versteckten bisexuellen Eskapaden bekannt. Ein Teil seines Lebens, das unter seinen engen Mitarbeitern und Angestellten gut bekannt war.

 

Obwohl es jahrelang nur Hinweise auf diese andere Seite des kontroversen Geschäftsmannes gab, kamen Jahre später Details durch die Scheidungsverhandlung mit Rosenstiels vierter Ehefrau Susan Kaufman zum Vorschein, die diese Behauptungen bestätigte. Kaufman unterstellte, dass Rosenstiel extravagante Partys veranstaltete, bei denen es „prostituierte Jungs“ gab, die ihr Ehemann „zum Vergnügen“ bestimmter Gäste anheuerte, darunter wichtige Staatsbeamte und prominente Personen aus Amerikas krimineller Unterwelt. Kaufman wiederholte die gleichen Behauptungen unter Eid während einer Anhörung vor einem Ausschuss des Bundesstaates New York Anfang der 1970er.

 

Rosenstiel organisierte nicht nur diese Partys, er stellte auch sicher, dass die Orte mit Mikrofonen verwanzt wurden, um die Eskapaden seiner hochrangigen Gäste aufzuzeichnen. Diese Audioaufnahmen wurden, so behauptete Kaufman, zu Erpressungszwecken aufbewahrt. Obwohl Kaufmans Behauptungen schockierend sind, wurde ihre Zeugenaussage als glaubwürdig eingestuft und vom früheren Chef-Anwalt des Verbrechens-Komitees, dem New Yorker Richter Edward McLaughlin, sowie dem Ermittler des Komitees, William Gallinaro, sehr geschätzt, und Teile ihrer Aussage wurden später von zwei verschiedenen Zeugen, die Kaufman nicht kannte, bestätigt.

 

Diese „Erpressungs-Partys“ bieten den Ausblick auf ein System, das später in den 1950ern unter Rosenstiels „Feldkommandant“ (ein Spitzname, den Rosenstiel einer Person verlieh, deren Name bald in diesem Bericht auftauchen wird) viel ausgeklügelter wurde und dramatisch anwuchs. Viele jener Personen, die während der 1970er und 80er mit Rosenstiels „Feldkommandant“ in Verbindung standen, fanden ihre Namen nach der jüngsten Verhaftung Jeffrey Epsteins in der Presse wieder.

 

Der „unberührbare“ Mobster

 

Bronfman und Rosenstiel wurden im nordamerikanischen Schnaps-Business zu Legenden, zum Teil wegen ihres Kampfes um die Oberhoheit in dieser Industrie, der laut New York Times „oft in erbitterte persönliche und konzernbedingte Schlachten ausbrach“. Trotz ihrer Kämpfe in der Firmenwelt verband eines die beiden Geschäftsmänner mehr als alles andere: ihre enge Verbindung zum organisierten Verbrechen Amerikas, vor allem zum bekannten Mobster Meyer Lansky.

 

Lanksy ist einer der berüchtigtsten Gangster in der Geschichte des organisierten Verbrechens in Amerika und bekannt dafür, dass er der einzige berühmte Mobster war, der in den 1920ern aufstieg und es schaffte, als alter Mann zu sterben, ohne jemals im Gefängnis gesessen zu haben.

 

Lanskys langes Leben und sein Geschick, einer Gefängnishaft zu entgehen, waren zum großen Teil das Ergebnis seiner engen Beziehung zu mächtigen Geschäftsmännern wie u. a. Bronfman und Rosenstiel, zum Federal Bureau of Investigation (FBI) und zur US-Geheimdienstgemeinde, sowie seiner Rolle bei der Errichtung mehrerer Erpressungsringe, die ihm halfen, das Gesetz auf Armlängen-Abstand zu halten. In der Tat, als Lansky in den 1970ern endlich wegen eines Verbrechens angeklagt wurde, da war es die Steuerbehörde, die die Anklagen vorbrachte, nicht das FBI, und er wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und freigesprochen.

 

Lansky stand Bronfman und Rosenstiel bemerkenswert nah. Bronfman gab regelmäßig „üppige Dinner-Partys“ zu Lanskys Ehren, sowohl während als auch nach der Prohibition. Lanskys Frau erinnerte sich mit Wohlgefallen an diese Partys, und Lansky revanchierte sich mit Gefälligkeiten bei Bronfman. Das reichte vom eklusiven Schutz für dessen Lieferungen während der Prohibition bis zum Besorgen begehrter Tickets für „Jahrhundert“-Boxkämpfe.

 

Auch Rosenstiel gab regelmäßig Dinner-Partys zu Lanskys Ehren. Susan Kaufman, Rosenstiels Ex-Frau, behauptete, sie habe zahlreiche Fotos von ihrem Ex-Ehemann und Lansky aufgenommen, wie sie zusammen feierten. Fotos, die auch Mary Nichols von The Philadelphia Inquirer gesehen hat. Und Lansky war – so Kaufmans Erinnerung – eine der Personen, die er, Rosenstiel, als einen Teil seines Kinderprostitutions- und Erpressungsrings, der auf hochrangige Beamte abzielte, vor legaler Verfolgung zu schützen suchte, und man hatte ihn, Rosenstiel, sagen hören: Sollte die Regierung „jemals Druck auf Lansky oder einen von uns ausüben, dann werden wir das [eine bestimmte Aufnahme von einer der Partys] als Druckmittel verwenden.“

 

Es war bekannt, dass Lansky Rosenstiel als „Oberbefehlshaber“ bezeichnete, ein Titel, der für ihn später von einer anderen Person benutzt wurde, die tief mit der Mafia und der sexuellen Erpressung verknüpft war und die zuvor in diesem Bericht als Rosenstiels „Feldkommandant“ bezeichnet wurde.

 

Lansky hatte auch enge Beziehungen zur CIA und dem US-Militärgeheimdienst. Lansky arbeitete – zusammen mit seinem Partner Benjamin „Bugsy“ Siegel – während des Zweiten Weltkriegs mit dem Geheimdienst der Navy bei einer Operation namens „Operation Underworld“ zusammen. Eine Operation, deren Existenz die Regierung mehr als 40 Jahre lang abgestritten hat.

 

Douglas Valentine, ein Journalist und bekannter Chronist verdeckter CIA-Aktivitäten, bemerkte in seinem Buch Die CIA als organisiertes Verbrechen: Wie illegale Operationen Amerika und die Welt korrumpiert haben, dass die Zusammenarbeit der Regierung mit der Mafia während des 2. Weltkriegs zu deren Ausweitung nach dem Krieg geführt und die Bühne für ihre zukünftige Kollaboration mit dem US-Geheimdienst bereitet hat.

 

So schreibt Valentine:

 

Hochrangige Regierungsbeamte waren sich ebenfalls bewusst, dass der faustische Pakt, den die Regierung mit der Mafia während des 2. Weltkriegs eingegangen war, es den Gangstern erlaubte, sich ins Mainstream-Amerika einzuschleichen. Als Gegenleistung für die während des Krieges geleisteten Dienste wurden die Mafiabosse für Dutzende von ungelösten Mordfällen vor einer Strafverfolgung bewahrt. [… ]

 

Die Mafia war 1951 [als das Kefauver-Komitee einberufen wurde] ein großes Problem, das dem heutigen Terrorismus entspricht. Aber sie war auch ein geschützter Zweig der CIA, die selbst kriminelle Organisationen auf der ganzen Welt anheuerte und sie in ihrem geheimen Krieg gegen die Sowjets und die Rotchinesen einsetzte. Die Mafia hatte mit Onkel Sam zusammengearbeitet und war aus dem Zweiten Weltkrieg gestärkt hervorgegangen. Sie kontrollierte Städte im ganzen Land.“

 

In der Tat, nicht lange nach ihrer Gründung knüpfte die CIA im Auftrag von CIA- Spionageabwehrchef James J. Angleton Beziehungen zu Lansky. Als Teil ihrer durchwegs fruchtlosen Bemühungen, den kubanischen Führer Fidel Castro zu ermorden, wandte sich die CIA später in den frühen 1960er Jahren an die mit Lansky verbundene Mafia und zeigte damit, dass die CIA ihre Kontakte zu den von Lansky kontrollierten Elementen der Mafia lange nach der ersten Begegnung mit Lansky beibehielt.

 

Die CIA hatte auch enge Verbindungen zu Mitarbeitern Lanskys wie Edward Moss, der für Lansky Öffentlichkeitsarbeit leistete und von dem damaligen Generalinspektor der Agentur, J. S. Earman, als "von Interesse" für die CIA angesehen wurde. Harry "Happy" Meltzer war ein weiterer Lansky-Mitarbeiter, der ein CIA-Aktivposten war. Die CIA forderte Meltzer im Dezember 1960 auf, sich einem Ermordungs-Team anzuschließen.


Neben der CIA war Lansky über Tibor Rosenbaum auch mit einem ausländischen Geheimdienst verbunden. Rosenbaum, ein Waffenhändler und hochrangiger Beamter im israelischen Mossad, wusch über seine Bank, die International Credit Bank of Geneva, einen großen Teil von Lanskys kriminellen Gewinnen und führte sie dem Recycling in legitimen amerikanischen Geschäften zu.

     Lansky vor dem High Court of Israel, wo er 1972 um seine Einbürgerung bat

 

Der Journalist Ed Reid, Autor der Virginia Hill Biografie The Mistress and the Mafia, schrieb, dass Lansky bereits 1939 mächtige Personen mittels sexueller Erpressung hereinlegen wollte. Reid behauptet, Lansky habe Ms. Hill nach Mexiko geschickt, wo seine West Coast Connections einen Drogenring aufgebaut hatten, in den später das OSS, der Vorläufer der CIA, verwickelt war, um zahlreiche „Top-Politiker, Armeeoffiziere, Diplomaten und Polizeibeamte“ zu verführen.

 

Schließlich wurde Lansky zugeschrieben, er habe irgendwann in den 1940ern kompromittierende Fotos von FBI-Direktor J. Edgar Hoover erhalten, die „Hoover in einer Art schwuler Situation“ zeigten, so ein ehemaliger Mitarbeiter Lanskys, der auch sagte, Lansky habe oft behauptet: „Ich habe diesen Hurensohn dingfest gemacht“. Die Fotos zeigten Hoover bei sexueller Aktivität mit seinem langjährigen Freund, dem Stellvertretendem FBI-Direktor Clyde Tolson.

 

Irgendwann gelangten diese Fotos in die Hände von CIA-Spionageabwehrchef James J. Angleton, der die Fotos später mehreren anderen CIA-Beamten zeigte, darunter John Weitz und Gordon Novel. Angleton war bis zu seinem Abschied aus der Agentur 1972 verantwortlich für die Beziehungen der CIA zum FBI und zum israelischen Mossad und er stand, wie bereits erwähnt, auch in Kontakt mit Lansky.

 

Anthony Summers, ein ehemaliger BBC-Journalist und Autor von Official and Confidential: The Secret Life of J. Edgar Hoover, hat dagegengehalten, es sei nicht Lansky, sondern OSS-Direktor William Donovan gewesen, der die Original-Hoover-Fotos erhalten und sie später mit Lansky geteilt habe.

 

Summers behauptete ferner, dass „für [die Gangster Frank] Costello und Lansky die Fähigkeit, Politiker, Polizisten und Richter zu korrumpieren, für Mafia-Operationen von fundamentaler Bedeutung war. Ihr Weg, mit Hoover umzugehen, bezog seine Homosexualität ein, so sagen verschiedene Quellen der Mafia.“ Diese Anekdote zeigt, dass Lansky und die CIA eine heimliche Beziehung unterhielten, die u. a. das Teilen von Erpressungsmaterial (d.h. „Spionage“) beinhaltete.

 

Ebenso ist es möglich, dass Hoover von der Mafia während einer von Rosenstiels „Blackmail-Partys“ eingefangen wurde, wo sich Hoover manchmal in Gesellschaft prominenter Figuren der Mafia befand. Von Hoover wird behauptet, er habe bei einigen Gelegenheiten Frauenkleider getragen, und Meyer Lanskys Ehefrau sagte später, ihr Ehemann besitze Fotos des ehemaligen FBI-Direktors in Frauenkleidern. Darüber hinaus ist bekannt, dass Hoover bereits 1939 ungewöhnliche Bedenken zum Umgang des FBI mit Rosenstiels kriminellen Verbindungen äußerte, in jenem Jahr also, in dem sein enger Bekannter Lansky aktiv die sexuelle Erpressung mächtiger politischer Personen inszenierte.

 

Die Erpressung Hoovers und der Besitz der Mafia solcher Beweise ist als Hauptgrund angeführt worden, warum Hoover jahrzehntelang leugnete, dass landesweite Netzwerke des organisierten Verbrechens ein ernsthaftes Problem seien. Hoover versicherte, das sei ein dezentrales, örtliches Problem und liege somit außerhalb des Zuständigkeitsbereichs des FBI. Als Hoover 1963 endlich die Existenz national organisierter Verbrechernetzwerke eingestand, waren sie so sehr im US-Establishment eingebettet, dass sie unberührbar wurden.

 

Der Kriminal-Berater im Kongress, Ralph Salerno, sagte Summers 1993, Hoovers willentliche Ignoranz des organisierten Verbrechens während der meisten Zeit seiner Karriere als FBI-Direktor habe „es zugelassen, dass das organisierte Verbrechen im wirtschaftlichen und politischen Bereich sehr mächtig geworden ist, so dass es für das Wohl dieses Landes inzwischen eine viel größere Gefahr darstellt, als wenn das Problem früher angegangen worden wäre.“

 

J. Edgar Hoover: Opfer von Erpressung?

 

Die meisten Aufzeichnungen legen den Beginn von Hoovers Beziehung zu Rosenstiel in die 1950er Jahre, jenes Jahrzehnt, in dem Susan Kaufman berichtete, dass Hoover Rosenstiels Erpressungspartys besuchte. Rosenstiels FBI-Akte, die Summers einsehen konnte, besagt, dass das erste Rosenstiel-Treffen 1956 stattfand, obwohl Summers anmerkt, es gebe Belege dafür, dass sie sich schon viel früher kennengelernt hatten. Nach dem Ersuchen um ein Treffen wurde Rosenstiel innerhalb von Stunden ein persönliches Gespräch mit dem Direktor bewilligt. Die FBI-Akte über Rosenstiel verrät auch, dass der Spirituosen-Baron Hoover schwer beeinflusste, um seine eigenen Geschäftsinteressen zu fördern.

 

Während dieser Zeit waren der US-Geheimdienstgemeinde und der Mafia die peinlichen Details über Hoovers Sexleben bereits bekannt, und Hoover war bewusst, dass sie über seine versteckte Sexualität und seine Vorliebe für Frauenkleider Bescheid wussten. Doch Hoover selbst schien genau diese Art sexueller Erpressung zu wählen, die sein Privatleben gefährdet hatte, da er in den 1950er und 1960er Jahren auf vielen von Rosenstiels "Erpressungs-Partys" gesehen wurde, unter anderem in Rosenstiels Privatwohnung und später im Plaza Hotel in Manhattan. Hoovers Vorliebe für das Anziehen von Frauenkleidern wurde auch von zwei Zeugen beschrieben, die nicht mit Susan Kaufman in Verbindung standen.

      Hoover mit Dorothy Lamour am Set von The Greatest Show on Earth, 1951

 

Bald nach ihrem ersten „offiziellen“ Treffen blühte die öffentliche Beziehung zwischen ihnen auf, Hoover schickte Rosenstiel sogar Blumen, wenn dieser krank war. Summers berichtete, 1957 habe man Rosenstiel während eines Treffens mit Hoover sagen hören: „Ihr Wunsch ist mir Befehl.“ Ihre Beziehung blieb während der 1960er und darüber hinaus eng und intim.

 

So wie Rosenstiel war auch Hoover gut bekannt für das Anhäufen von Erpressungsmaterial über Freund wie Feind. Hoovers Büro enthielt „Geheimakten“ über zahlreiche mächtige Personen in Washington und darüber hinaus. Akten, die er benutzte, um Gefälligkeiten zu erlangen und seinen Status als FBI-Direktor zu schützen, solange er wollte.

 

Hoovers eigene Neigung zu Erpressung deutet darauf hin, dass er möglicherweise direkter in Rosenstiels sexuelles Erpressungssystem verwickelt war, da er bereits wusste, dass er kompromittiert war. Seine Beteiligung am System hätte ihm dann als Mittel zur Beschaffung des Erpressungsmaterials gedient, das er für seine eigenen Zwecke haben wollte. Wenn Hoover tatsächlich nur von dem mit Lansky-Rosenstiel verbundenen Mob erpresst worden wäre, ist es unwahrscheinlich, dass er bei diesen Treffen so freundlich zu Rosenstiel, Lansky und den anderen Gangstern gewesen wäre und so regelmäßig daran teilgenommen hätte.


Laut dem Journalisten und Autor Burton Hersh war Hoover auch mit Sherman Kaminsky verbunden, der ein sexuelles Erpressungsprogramm mit jungen männlichen Prostituierten in New York durchführte. Diese Operation flog auf und wurde 1966 in einer Erpressungsermittlung unter der Leitung von Manhattans Staatsanwalt Frank Hogan untersucht, obwohl das FBI eilig die Untersuchung übernahm und Fotos, die Hoover und Kaminsky zusammen zeigten, bald aus der Gerichtsakte verschwanden.

 

Hoovers und Rosenstiels enge Verbindungen sollten sich über die Jahre weiterentwickeln. Ein Beispiel dafür kann man in Rosenstiels Verpflichtung des langjährigen Hoover-Mitarbeiters Louis Nichols als Vizepräsident seines Schenley Spirituosen-Imperiums erkennen sowie in Rosenstiels Spende von mehr als einer Million Dollar an die J. Edgar Hoover Stiftung, die damals ebenfalls von Nichols geleitet wurde.

 

Es gibt auch mehr als eine dokumentierte Gelegenheit, bei der Hoover versucht hat, Erpressung zum Schutz von Rosenstiel und dessen „Feldkommandanten“ einzusetzen. Dieser letztere war kein anderer als der berüchtigte Roy Cohn, die zweite Schlüsselfigur in Rosenstiels sexuellem Erpressungssystem mit Minderjährigen.

 

Die Herstellung eines Monsters

 

Jahrzehnte nach seinem Tod bleibt Roy Cohn eine umstrittene Figur, großenteils wegen seiner engen persönlichen Beziehung zum derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump. Doch neuere wie ältere Berichte über Cohn übersehen oft etwas bei ihrer Charakterisierung des Mannes, der eng mit dem Weißen Haus von Reagan, mit der CIA, dem FBI, der organisierten Kriminalität und übrigens auch vielen jener Persönlichkeiten verbunden war, die später Jeffrey Epstein umgeben sollten.

 

Um die wahre Natur dieses Mannes zu verstehen, ist es unerlässlich, seinen Aufstieg zur Macht in den frühen 1950ern zu untersuchen, als er mit nur 23 Jahren zu einer Schlüsselfigur wurde - zuerst im hochkarätigen Prozess gegen die sowjetischen Spione Ethel und Julius Rosenberg und später als rechte Hand des Senators Joseph McCarthy (R-WI).

 

Cohns Engagement für antikommunistische Aktivitäten in den 1950er Jahren soll ihn zuerst bei J. Edgar Hoover beliebt gemacht haben, den er 1952 kennenlernte. Während dieses Treffens, das von Hersh in Bobby and J. Edgar: The Historic Face-Off Between the Kennedys und J. Edgar Hoover That Transformed America beschrieben wurde, äußerte Hoover Bewunderung für Cohns aggressive und manipulative Taktiken und sagte Cohn, er solle "mich direkt anrufen", wann immer er mitteilenswerte Informationen habe. Von da an tauschten Cohn und Hoover "Gefälligkeiten, überschwängliche Komplimente, Geschenke und aufwändige private Dinners. Es kam schnell zu 'Roy' und 'Edgar'." Hersh beschreibt Hoover auch als Cohns baldigen „Consigliere“.

 

Das Datum und die Umstände von Cohns Bekannschaft mit Rosenstiel sind schwieriger zu ermitteln. Möglicherweise wurde die Verbindung durch Roy Cohns Vater Albert Cohn hergestellt, einen prominenten Richter und einflussreichen Mann im Apparat der Demokratischen Partei von New York City, die damals von Edward Flynn geleitet wurde. Später kam heraus, dass die von Flynn dominierte und in der Bronx ansässige Organisation der Demokraten über langjährige Verbindungen zur organisierten Kriminalität verfügte, einschließlich zu Mitarbeitern Meyer Lanskys.

 

Unabhängig davon, wie oder wann sie begann, war die Beziehung zwischen Cohn und Rosenstiel eng und wurde oft mit der zwischen Vater und Sohn verglichen. Sie sollen sich in der Öffentlichkeit häufig begrüßt haben und blieben einander nahe, bis Rosenstiel kurz vor dem Tod stand, woraufhin Cohn versuchte, seinen senilen "Freund" und Kunden, der zu dem Zeitpunkt schon kaum mehr bei Verstand war, zu beschwatzen, ihn zum Testamentsvollstrecker und Treuhänder des Nachlasses des Schnapsmagnaten im Wert von geschätzt 75 Millionen Dollar (mehr als 334 Millionen in heutigen Dollar) zu ernennen.

 

Das LIFE-Magazin berichtete 1969, dass Cohn und Rosenstiel sich seit Jahren gegenseitig als "Field Commander" (Feldkommandant) bzw. "Supreme Commander" (Oberbefehlshaber) bezeichneten. Medienverweise auf diese Spitznamen erscheinen auch in anderen Artikeln aus jener Zeit.

 

Obwohl LIFE und andere Medien dies lediglich als Anekdote über die Spitznamen interpretiert hatten, die im Scherz zwischen engen Freunden gebraucht wurden, legt die Tatsache, dass der berüchtigte Verbrecherkönig Meyer Lansky Rosenstiel ebenfalls als "Oberbefehlshaber" bezeichnete, und dass Cohn und Rosenstiel später eng in den gleichen pädophilen Sexring eingebunden werden sollten, die Vermutung nahe, dass mehr an diesen "Spitznamen" dran sein könnte. Schließlich benutzte der mit Rosenstiel verbundene Mob oft militärische Titel wie "Soldat" und "Leutnant", um den Rang und die Bedeutung seiner Mitglieder zu unterscheiden.

 

Nachdem er seine Verbindung zu Hoover aufgebaut hatte, begann Cohns Stern in Washington noch höher zu steigen. Hoovers Empfehlung von Cohn wurde zum entscheidenden Faktor für dessen Ernennung zum Chefberater des Senators McCarthy über Robert Kennedy, Cohns Rivalen und erbitterten Feind.

McCarthy deckt während einer geflüsterten Unterhaltung mit Cohn bei einer Senatsanhörung das Mikrofon ab.

 

Obwohl Cohn als McCarthys Berater gnadenlos und scheinbar unantastbar war und dem Senator half, viele Karrieren zur Zeit der Kommunisten- und Schwulenhatz zu zerstören, sollten seine Mätzchen bei seiner Arbeit im Komitee schließlich zu seinem Untergang führen, nachdem er versucht hatte, die Armee im Gegenzug für eine Vorzugsbehandlung des Komitee-Beraters, seines angeblichen Geliebten David Schine zu erpressen.

 

Nachdem er aufgrund des Skandals gezwungen war, McCarthys Seite zu verlassen, kehrte Cohn nach New York zurück, um bei seiner Mutter zu leben und als Anwalt zu arbeiten. Einige Jahre später organisierte der New Yorker Richter David Peck, ein langjähriger Mitarbeiter des ehemaligen CIA-Direktors Alan Dulles, Cohns Anstellung bei der New Yorker Anwaltskanzlei Saxe, Bacon und O'Shea – die später Saxe, Bacon und Bolan werden sollte, nachdem Tom Bolan, ein Freund Cohns, Partner der Kanzlei geworden war. Nach seiner Anstellung führte Cohn der Firma eine Reihe von Kunden mit Mafia-Verbindungen zu, darunter hochrangige Mitglieder der Gambino-Verbrecher-Familie, der Genovese-Verbrecher-Familie und natürlich Lewis Rosenstiel.

 

Was geschah in Suite 233?

 

Die von Roy Cohn in den 1950er Jahren geknüpften Verbindungen machten ihn zu einer bekannten öffentlichen Persönlichkeit und führten zu großem politischen Einfluss, der während der Präsidentschaft Ronald Reagans seinen Höhepunkt erreichte. Doch während Cohn sein öffentliches Image aufbaute, entwickelte er auch ein dunkles Privatleben, das von der gleichen erpresserischen pädophilen Betrügerei dominiert werden sollte, die anscheinend mit Lewis Rosenstiel begonnen hatte.

 

Eine der "Erpressungspartys", an der Susan Kaufman mit ihrem damaligen Ehemann Lewis Rosenstiel teilnahm, wurde 1958 von Cohn in Manhattans Plaza Hotel, Suite 233, gegeben. Kaufman beschrieb Cohns Suite als "schöne Suite.... alles in hellblau." Sie beschrieb, wie sie Hoover, der Frauenkleider trug, von Cohn vorgestellt wurde, der ihr in einem Anfall von kaum unterdrücktem Gelächter sagte, Hoovers Name sei "Mary". Kaufman bezeugte, dass kleine Jungen anwesend waren, und Kaufman behauptete, dass Cohn, Hoover und ihr Ex-Mann mit diesen Minderjährigen sexuell aktiv wurden.

 

Der New Yorker Anwalt John Klotz, der mit der Untersuchung Cohns in einem Fall weit nach Kaufmans Aussage beauftragt war, fand ebenfalls Hinweise auf die "blaue Suite" im Plaza Hotel und deren Rolle in einem Sex-Erpressungsring, nachdem er örtliche Regierungsdokumente und Informationen von Privatdetektiven durchsucht hatte. Klotz erzählte später dem Journalisten und Autor Burton Hersh, was er erfahren hatte:

 

Roy Cohn lieferte Schutz. Es waren haufenweise Pädophile beteiligt. Damit hat Cohn seine Macht erlangt – mit Erpressung."

 

Die vielleicht vernichtendste Bestätigung von Cohns Aktivitäten in Suite 233 sind seine eigenen Aussagen gegenüber dem ehemaligen NYPD-Detektiv und Ex-Leiter der Abteilung für Menschenhandel und Verbrechensbekämpfung, James Rothstein. Rothstein erzählte später John DeCamp – einem ehemaligen Nebraska State-Senator, der einen mit der Regierung verbundenen Kindersexring in Omaha untersuchte – neben anderen Untersuchern in einem Interview, Cohn habe zugegeben, Teil eines sexuellen Erpressungssystems zu sein, das mit Kinderprostituierten auf Politiker abzielte.

     Flaggen über dem Haupteingang des Plaza Hotels in New York City, 1982

 

Rothstein erzählte DeCamp folgendes über Cohn:

 

Cohns Job war es, die kleinen Jungs zu besorgen. Angenommen, man hatte einen Admiral, einen General, einen Kongressabgeordneten, der bei einem Programm nicht mitmachen wollte. Cohns Job war es, sie reinzulegen, dann machten sie mit. Cohn hat mir das persönlich erzählt.“

 

Rothstein erzählte später Paul David Collins, einem ehemaligen Journalisten, der Forscher geworden war, dass Cohn diese sexuelle Erpressung auch als einen Teil des antikommunistischen Kreuzzugs jener Zeit identifiziert hatte.

 

Die Tatsache, dass Cohn, so Rothsteins Erinnerung, angab, dass der Kindersex-Erpressungsring Teil des von der Regierung gesponserten antikommunistischen Kreuzzugs war, deutet darauf hin, dass Elemente der Regierung, einschließlich Hoovers FBI, auf einer viel breiteren Ebene eingebunden gewesen sein könnten als Hoovers eigene persönliche Beteiligung, da das FBI sich für einen Großteil der „Roten Angst“ eng mit McCarthy und Cohn absprach.

 

Es ist auch erwähnenswert, dass sich unter Hoovers vielen "geheimen" Erpressungsakten ein umfangreiches Dossier über Senator McCarthy befand, dessen Inhalt stark darauf hindeutet, dass der Senator selbst an minderjährigen Mädchen interessiert war. Laut dem Journalisten und Autor David Talbot war Hoovers Akte über McCarthy "gefüllt mit beunruhigenden Geschichten über McCarthys Gewohnheit, im betrunkenen Zustand die Brüste und das Gesäß junger Mädchen zu begrapschen. Die Geschichten waren so weit verbreitet, dass sie in der Hauptstadt zu 'Allgemeinwissen' wurden, so ein FBI-Chronist."

 

Talbot zitiert in seinem Buch The Devil's Chessboard [Das Schachbrett des Teufels] auch Walter Trohan, den Washingtoner Bürochef der Chicago Tribune, als Zeuge von McCarthys Gewohnheit, junge Frauen zu belästigen. "Er konnte einfach nicht die Hände von jungen Mädchen lassen", sagte Trohan später. "Warum die kommunistische Opposition ihm nicht eine Minderjährige untergejubelt und einen Aufschrei wegen Vergewaltigung erhoben hat, weiß ich nicht." Vielleicht liegt die Antwort darin, dass diejenigen, die ihren politischen Feinden Minderjährige "unterjubelten", McCarthys Verbündete und enge Mitarbeiter waren, nicht seine Feinde.

 

Die Frage, die sich zwangsläufig aus den Enthüllungen über Cohns Aktivitäten in Suite 233 ergibt, ist: Wen hat Cohn sonst noch "geschützt" und mit minderjährigen Prostituierten versorgt? Unter ihnen könnte sehr wohl einer von Cohns engen Freunden und Kunden gewesen sein: Kardinal Francis Spellman von der Erzdiözese New York, der bei einigen dieser Partys, die Cohn im Plaza Hotel veranstaltete, anwesend gewesen sein soll.

 

Spellman – eine der mächtigsten Persönlichkeiten der Katholischen Kirche in Nordamerika, manchmal als "Amerikas Papst“ bezeichnet – wurde beschuldigt, nicht nur die Pädophilie in der katholischen Kirche zu dulden und bekannte Pädophile wie Kardinal Theodore "Onkel Teddy" McCarrick zu ordinieren, sondern sich auch selbst in einem Maß damit zu befassen, dass viele Priester aus dem New Yorker Raum ihn weithin als "Mary" bezeichneten. Außerdem soll J. Edgar Hoover eine Akte über das Sexualleben des Kardinals gehabt haben, die auf die Beteiligung Spellmans am Ring und an pädophiler Schutzgelderpressung hinweist, an denen Cohn und Hoover persönlich beteiligt waren.

                              Kardinal Francis „Franny“ Spellman

 

Menschen in Cohns Umfeld bemerkten oft, dass er häufig von Gruppen kleiner Jungen umgeben war, aber schienen sich nichts dabei zu denken. Ähnliche abweisende Kommentare über Epsteins Vorliebe für Minderjährige kamen vor seiner Verhaftung aus dessen Umfeld.

 

Der kontroverse republikanische Politakteur und „schmutzige Gauner“ Roger Stone – der wie Donald Tump ein Protegé Cohns war – sagte in einem Interview mit dem New Yorker im Jahr 2008 folgendes über Cohns Sexualleben:

 

Roy war nicht schwul. Er war jemand, der gerne Sex mit Männern hatte. Schwule waren schwach, verweiblicht. Um ihn herum waren anscheinend immer diese jungen blonden Buben. Darüber wurde nie geredet. Er war an Macht und Zugang interessiert.“

 

Man vergleiche dieses Stone-Zitat mit dem, was Donald Trump, der gleichfalls Cohn nahestand, später über Jeffrey Epstein sagte, mit dem er ebenfalls eng verbunden war:

 

Ich kenne Jeff seit 15 Jahren. Klasse Typ. Es ist lustig mit ihm. Man sagt sogar, dass er schöne Frauen genauso mag wie ich, und viele von ihnen sind etwas jünger. Keine Frage – Jeffrey liebt die Geselligkeit.“

 

Obwohl nicht bekannt ist, wie lange der Sex-Ring im Plaza Hotel weiterging und ob er nach Cohns Tod durch AIDS 1986 weiterging, so ist doch bemerkenswert, dass Donald Trump 1988 das Plaza Hotel kaufte. Später wurde berichtet und von damals Anwesenden bestätigt, dass Trump „oft Partys in den Suiten des Plaza Hotels gab, als es ihm gehörte. Und dort wurden junge Frauen und Mädchen alten und reichen Männern vorgestellt und illegale Drogen und junge Frauen wurden herumgereicht und benutzt.“

https://www.thedailybeast.com/inside-donald-trumps-one-stop-parties-attendees-recall-cocaine-and-very-young-models

 

Andy Lucchesi, ein männliches Model, das mithalf, einige der Partys im Plaza Hotel für Trump zu organisieren, sagte folgendes, als er über das Alter der anwesenden Frauen gefragt wurde: „Viele 14-jährige Mädchen sehen aus wie 24. Pikanteres will ich dazu nicht sagen. Ich habe nie gefragt, wie alt sie waren; ich habe nur teilgenommen. Ich habe auch an Aktivitäten teilgenommen, die wohl umstritten wären.“

 

Die Roy Cohn-Maschine

 

Roy Cohn stand erst am Anfang seiner Karriere, als er seinen Weg in den sexuellen Erpressungsring einschlug, der anscheinend von Lewis Rosenstiel geführt wurde. Tatsächlich war Cohn erst 23 Jahre alt, als er Hoover kennenlernte. Im Laufe von etwa drei Jahrzehnten, bevor er 1986 im Alter von 56 Jahren an Komplikationen von AIDS starb, baute Cohn eine gut geölte Maschine auf, hauptsächlich durch seine engen Freundschaften mit einigen der einflussreichsten Personen des Landes.

 

Zu Cohns Freunden gehörten Top-Medien-Persönlichkeiten wie Barbara Walters, ehemalige CIA-Direktoren, Ronald Reagan und seine Frau Nancy, die Medien-Mogule Rupert Murdoch und Mort Zuckerman, zahlreiche Berühmtheiten, prominente Juristen wie Alan Dershowitz, Top-Figuren in der Katholischen Kirche und in führenden jüdischen Organisationen wie B'nai B'rith und dem World Jewish Congress. Viele Namen, die Cohn bis zu seinem Tod Ende der 1980er umgaben, sollten später im Umfeld Jeffrey Epsteins auftauchen und erschienen später in Epsteins jetzt berüchtigtem „kleinen schwarzen Buch“.

Reagan trifft sich mit Rupert Murdoch, dem Direktor der US Information Agency Charles Wick

und Roy Cohn im Oval Office, 1983

 

Während Präsident Trump eindeutig mit Epstein und Cohn verbunden ist, erstreckt sich Cohns Netzwerk auch auf den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton, dessen Freund und langjähriger politischer Berater Richard „Dirty Dick“ Morris war - ein Cousin und enger Partner Cohns. Morris war auch eng mit Clintons ehemaligem Kommunikationsdirektor George Stephanopoulos verbunden, der ebenfalls mit Jeffrey Epstein verknüpft ist.

 

Doch das waren nur Cohns Verbindungen zu geachteten Mitgliedern des Establishments. Er war auch für seine tiefen Verbindungen zum Mob bekannt und wurde vor allem durch seine Fähigkeit prominent, Schlüsselpersonen in der kriminellen Unterwelt mit geachteten, für die Öffentlichkeit akzeptablen Persönlichkeiten bekannt zu machen. Letztendlich, wie der New Yorker Anwalt John Klotz sagte, war Cohns mächtigstes Werkzeug die Erpressung, die er gegen Freund und Feind, Gangster oder Beamten gleichermaßen benutzte. Wie groß der Anteil seines sexuellen Erpressungssystems an der Gesamtheit seiner Erpressungsoperationen war, wird wahrscheinlich nie bekannt werden.

 

Wie Teil 2 dieser exklusiven Untersuchung zeigen wird, haben Cohn und Epstein und ihre sexuellen Erpressungsoperationen vieles gemeinsam, darunter nicht nur viele derselben berühmten Freunde und Gönner, sondern auch Verbindungen zu Geheimdiensten und Vereinigungen von Geschäftsleuten mit Verbindungen zur Mafia, die modernen Äquivalente von Samuel Bronfman und Lewis Rosenstiel, die inzwischen als "Philanthropen" firmieren.

 

Teil 2 wird auch offenlegen, dass Cohn mit seinem Erpressungssystem bekanntermaßen Nachfolger gefunden hat, wie sich an einer Reihe von Skandalen in den frühen 1990ern zeigen lässt, die inzwischen unter den Teppich gekehrt worden sind. Die erheblichen Überschneidungen zwischen Epsteins und Cohns verdeckten Aktivitäten bei sexueller Erpressung und ihre Verbindungen zu vielen derselben mächtigen Individuen und Einflusskreise deuten stark darauf hin, dass Epstein einer von Cohns Nachfolgern war.

 

Wie im letzten Teil dieser Serie gezeigt wird, ist Epstein nur die jüngste Inkarnation eines viel älteren, umfangreicheren und anspruchsvolleren Systems, das einen beängstigenden Einblick in die tiefe Verbindung der US-Regierung mit den modernen Äquivalenten der organisierten Kriminalität bietet. Das macht es zu einer riesigen Betrügerei, wahrlich zu groß um zu scheitern.

 

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Whitney Webb ist eine MintPress News-Journalistin, die in Chile lebt. Sie hat für mehrere unabhängige Medien gearbeitet, unter anderem für Global Research, EcoWatch, das Ron Paul Institute und 21st Century Wire. Sie hatte verschiedene Auftritte in Radio und Fernsehen und ist Preisträgerin des Serena Shim Awards for Uncompromised Integrity in Journalism von 2019.

 

Der 2. Teil der Jeffrey Epstein-Saga ist hier:

https://www.theblogcat.de/uebersetzungen/die-epstein-saga-teil-2/