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Das Spiel mit dem Feuer

 

von Jeff Thomas, 08.05.2018

 

 

Ein beliebtes Spiel unter den jungen Taugenichtsen in den USA der 1950er war das „Hosenscheißer-Spiel“ („chicken“). Dabei fuhren zwei Fahrer mit ihren Autos mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu. Wer zuerst auswich war der „Hosenscheißer“.

 

Natürlich würde eine vernünftige, reife Person beide Fahrer nicht nur als Selbstmordkandidaten betrachten, sondern auch als außerordentlich dumm. (Man kann sich vorstellen, dass dieses Spiel manchmal katastrophal ausging.)

 

Die Fähigkeit bis an die Grenze zu gehen, ohne einen Krieg auszulösen, ist die notwendige Kunst … wenn man Angst davor hat, bis an die Grenze zu gehen, dann ist man verloren.“ – John Foster Dulles, 1955

 

Etwa zur selben Zeit kreierte Adlai Stevenson, der zweimalige Präsidentschaftskandidat der Demokraten den Begriff „brinkmanship“ (das Spiel mit dem Feuer). So hat es John Foster Dulles im obigen Zitat definiert.

 

Das Spiel mit dem Feuer ist im Grunde das „Hosenscheißer-Spiel“. Nur dass es von Männern in Anzügen gespielt wird und potentiell weitaus katastrophaler ist.

 

Allgemein wird angenommen, dass Menschen in Anzügen und Menschen „in Verantwortung“ irgendwie rationaler und/oder intelligenter seien als Teenager, die eine motorisierte Mutprobe veranstalten, aber dem ist nicht so. Die Anzugträger verleihen ihrer Idiotie nur einen besseren Dreh und riskieren dabei das Leben von zig Millionen Menschen.

 

Das Spiel mit dem Feuer wurde zum Schlagwort für die US-Politik gegenüber Russland und nebenbei gegen Kuba.

 

In einem internationalen Rempel-Match, das bis in die 1960er dauerte, verpassten die USA Russland einen Dulles-mäßigen Rempler. Die Russen haben zurück gerempelt und so weiter. Jeder wusste, dass er nicht der erste sein konnte, der zurückzog, oder er wäre verloren, wie Mister Dulles sagte.

 

Dieses Sache erreichte mit der kubanischen Raketenkrise 1962 ihren Höhepunkt. Die UdSSR verschiffte ihre Raketen mit nuklearen Sprengköpfen nach Kuba und die USA sind ihnen auf die Schliche gekommen. Präsident Kennedy blockierte 12 Tage lang Kuba und die Welt lebte am Abgrund eines Atomkriegs.

 

Mister Kennedy hat natürlich den Generalstab der Militärs zusammengerufen – die respektabelsten und erfahrensten Generäle der US-Streitkräfte. Ihre gemeinsame Empfehlung an Mr. Kennedy lautete: „Drücken Sie auf den Knopf – jetzt!“ Sie sagten, dass die Russen ohne Zweifel ihre Finger auch am Abzug hätten, und dass der „Sieger“ jener sein würde, der zuerst auf den Knopf drückt.

 

Trotz ihrer einstimmigen und vehementen Empfehlung hatte Mister Kennedy die Hoffnung, dass sich das Armageddon vermeiden ließe. Er kontaktierte Chruschtschow, den Premier der UdSSR, dessen Generäle ihm ebenfalls gesagt haben sollen: „Drücken Sie auf den Knopf – jetzt!“

 

Aber erstaunlicherweise behielten die beiden Führer einen kühlen Kopf und fanden ein Arrangement, bei dem beide substantiell aus der Lage herauskamen.

 

Es ist wichtig zu betonen, dass das eine höchst ungewöhnliche Entwicklung war. Wir sehen in der Geschichte fast nie zwei große Führer, die ihre Egos zur Seite legen, ruhig und besonnen handeln und das Wohl von Millionen über ihre eigene Sehnsucht stellen, als „Sieger“ hervorzugehen.

 

Die militärischen Führer der beiden Imperien waren mit dieser Entscheidung natürlich nicht einverstanden. Sie wollten unbedingt das „Hosenscheißer-Spiel“ spielen und sich um die Ergebnisse zu einem späteren Zeitpunkt kümmern (wenn es den noch gäbe).

 

Wäre er gefragt worden, Mister Dulles hätte sicher mit ihnen übereingestimmt.

 

Eine weitere Person, die ebenfalls zugestimmt hätte, war Angaben zufolge Fidel Castro. Auch wenn sein Land in so einem Konflikt ohne Zweifel katastrophal verwüstet worden wäre, so war er doch wütend, dass er bei der Diskussion zwischen den Führern der beiden Imperien nicht dabei sein durfte. Er war weit weniger um die Zukunft des kubanischen Volks (und der Menschheit allgemein) besorgt, als darum, nicht als wichtiger Spieler in der Diskussion anerkannt zu werden.

 

Mister Castro war natürlich auch ein militärischer Mensch und wie die Geschichte zeigt, neigen militärische Menschen zu einem „Zuerst schießen, dann fragen“. Die ganze Geschichte hindurch haben Napoleon, Stalin, Hitler, Churchill, Patton, MacArthur und andere bewiesen, dass sie jede Anzahl an Leben aufs Spiel setzen, um als „Sieger“ hervorzugehen.

 

Im Krieg stellt sich das Problem, dass Generäle auf beiden Seiten (wie wir bei der Kuba-Krise gesehen haben) in gleichem Maß entschlossen sind, als Sieger hervorzugehen – ein Zustand, der praktisch unzählige Tote und Zerstörung garantiert. Die Geschichte ist voll von nationalen Führern, die den Krieg bis zum letzten Mann geführt haben – und dann Frauen und Kinder in den Kampf geworfen haben, lange nachdem jede Hoffnung auf einen Sieg verloren war.

 

In der Geschichte gibt es wenige Kennedys und Chruschtschows. Aber es gibt unzählige Napoleons, Pattons, MacArthurs usw. Alle waren große Taktiker; aber sie haben auch zugelassen, dass ihre Egos ihren gesunden Menschenverstand überschattet haben. Und jeder war scharf darauf, rücksichtslos aggressiv zu sein, was manchmal zu einer Niederlage geführt hat.

 

Man sollte auch erwähnen, dass 1962 der Verteidigungsminister kein Mann des Militärs war, sondern ein Geschäftsmann. Als Geschäftsmann glaubte Robert McNamara daran, dass Verhandlungen immer einer blinden Aggression vorzuziehen seien und er war bei der Unterstützung von Mister Kennedys Wunsch wichtig, mit den Russen nach einer Lösung zu suchen.

 

Auch das ist eine historische Seltenheit. Derzeit wird dieser Posten in den USA von dem General „Mad Dog“ Mattis eingenommen und der Nationale Sicherheitsberater ist ein gewisser John Bolton – ein kriegerischer und besessener Mensch wie aus dem Bilderbuch.

 

Dazu kommt ein Präsident, der seine Einstellung zum Iran so formuliert hat: „Ich würde ihnen den Arsch wegbomben!“ (Nicht wirklich diplomatisch.)

 

Somit hat die US-Regierung wieder einmal das Spiel mit dem Feuer als nationale Politik gewählt und wieder einmal wird Russland provoziert. Bei der Kuba-Krise hat sich China schnell hinter Russland gestellt und das können wir auch jetzt wieder erwarten.

 

Der Hauptunterschied zwischen 1962 und heute ist, dass die Welt im großen und ganzen die USA als den Aggressor betrachtet – und nicht als den Verteidiger von Demokratie, so wie es die USA selbst darstellen. Und heute haben die USA weniger Karten in der Hand.

 

Wenn die Kuba-Krise also eine historische Anomalie war, was ist aus historischer Sicht die Regel?

 

Nun, die USA haben das Spiel mit dem Feuer sicher nicht erfunden. Es ist üblich, dass eine Nation oder ein Imperium eine andere Nation so weit treibt, bis die Situation explodiert. Vor dem Ersten Weltkrieg war ganz Europa so auf Krawall gebürstet, dass ein geringfügiges Ereignis – die Ermordung eines einzigen Mannes – ausreichte, um das Pulverfass zu entzünden.

 

1941 hat Japan Pearl Harbor nur angegriffen, weil die USA deren Nachschub an Erdöl abgeschnitten hatten.

 

Der Spanisch-Amerikanische Krieg wurde mit der Versenkung eines Schiffes im Hafen von Havanna gerechtfertigt – und bis heute ist unklar, ob das durch ein Feuer im Maschinenraum geschah.

 

Auf ähnliche Art wurde die Amerikanische Revolution durch eine Pattsituation zwischen Siedlern und britischen Truppen ausgelöst, wo jemand von der einen oder anderen Seite vielleicht aus Nervosität den Abzug seiner Muskete betätigt hat und damit Chaos auslöste.

 

Die Liste solcher Zündfunken für Kriege ist endlos. Praktisch allen Kriegen in den vergangenen hundert Jahren ging ein Spiel mit dem Feuer voraus, gefolgt von einem relativ geringfügigen „auslösenden“ Ereignis. In allen Fällen haben jene, die eine vollständige Vergeltung forderten, versprochen, dass der Krieg kurz und siegreich sein werde. Und ausnahmslos lagen sie alle offensichtlich falsch.

 

Wieder einmal spielen die Führer mit dem Feuer. Wenn der Krieg ausbricht, dann könnte es wieder an einem geringfügigen Ereignis liegen, einer False Flag, oder am Versagen eines militärischen Kommandeurs, der sich nicht an die Befehle gehalten hat. Dann werden die Ereignisse eskalieren, so wie das immer der Fall ist. Und in einem oder zwei Jahren wird sich die Welt fragen: „Wie konnte das nur so außer Kontrolle geraten?“

 

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