https://thesaker.is/future-of-western-democracy-being-played-out-in-brazil/

 

 

Wenn man es aufs Wesentliche reduziert, so stellen die brasilianischen Präsidentschaftswahlen einen direkten Zusammenstoß zwischen der Demokratie und einem Faschismus des frühen 21. Jahrhunderts dar, ja zwischen Zivilisation und Barbarei, schreibt Pepe Escobar.

 

 

Die Zukunft der westlichen Demokratie wird sich in Brasilien zeigen

 

von Pepe Escobar, 09.10.2018

 

 

In Brasilien entscheidet sich die Zukunft der Politik im Westen – und die des gesamten globalen Südens.

Die brasilianischen Präsidentschaftswahlen stellen, auf das Wesentliche reduziert, einen direkten Konflikt zwischen Demokratie und einem Neofaschismus des frühen 21. Jahrhunderts dar, ja zwischen Zivilisation und Barbarei.

Die geopolitischen und weltwirtschaftlichen Nachwirkungen werden immens sein. Das brasilianische Dilemma beleuchtet all die Widersprüche rund um die rechtspopulistische Offensive im Westen, und auf der anderen Seite der unaufhaltsame Zusammenbruch der Linken. Die Einsätze konnten nicht höher sein.

Jair Bolsonaro, ein offener Anhänger der brasilianischen Militärdiktaturen des letzten Jahrhunderts, der als "Kandidat der extremen Rechten" normalisiert wurde, gewann am Sonntag die erste Runde der Präsidentschaftswahlen mit mehr als 49 Millionen Stimmen. Das waren 46 Prozent der Gesamtzahl, nur knapp unter der Mehrheit, die für einen Gesamtsieg nötig war. Das an sich ist schon eine atemberaubende Entwicklung.

Sein Gegenspieler, Fernando Haddad von der Arbeiter-Partei (PT), erhielt nur 31 Millionen oder 29 Prozent der Stimmen. Er wird nun am 28. Oktober in einer Stichwahl auf Bolsonaro treffen. Haddad erwartet eine Sisyphusaufgabe: Um mit Bolsonaro gleichzuziehen, braucht er jede einzelne Stimme derjenigen, die die dritt- und viertplazierten Kandidaten unterstützt haben, plus einen wesentlichen Teil der fast 20 Prozent der Stimmen, die als ungültig gewertet wurden.

Inzwischen bekennen sich laut den jüngsten Umfragen nicht weniger als 69 Prozent der Brasilianer als Unterstützer der Demokratie. Das heißt, 31 Prozent tun das nicht.

Kein tropischer Trump

Nicht einmal der Begriff „Mittelpunkt der Dystopie“ reicht für eine Beschreibung. Die progressiven Brasilianer haben Angst davor, vor einem mutierten "Brazil" (dem Film) plus Mad Max Ödland zu stehen, das von evangelikalen Fanatikern, raffgierigen neoliberalen Casino-Kapitalisten und einem tollwütigen Militär verwüstet wird, das darauf aus ist, eine Diktatur 2.0 wiederherzustellen.

 

 

Bolsonaro, ein ehemaliger Fallschirmjäger, wird von den westlichen Mainstream-Medien im Wesentlichen als der tropische Trump dargestellt. Die Fakten sind viel komplizierter.

Bolsonaro, seit 27 Jahren ein mittelmäßiges Mitglied des Kongresses ohne Highlights in seinem Lebenslauf, verteufelt wahllos Schwarze, die LGBT-Gemeinschaft, die Linke als Ganzes, den Umwelt-“Schwindel“ und vor allem die Armen. Er bekennt sich zur Folter. Er vermarktet sich selbst als Messias – ein fatalistischer Avatar, der kommt, um Brasilien vor all diesen oben genannten "Sünden" zu "retten“.

Die Göttin des Marktes umarmt ihn, das war klar. Die "Investoren" – diese halbgöttlichen Wesen – halten ihn für gut für den "Markt", wobei seine Offensive in den Umfragen in letzter Minute von einer Rallye beim brasilianischen Real und an der Börse von Sao Paulo widerspiegelt wird.

Bolsonaro ist vielleicht euer klassischer, extrem rechter "Retter" in Nazi-Form. Er verkörpert vielleicht den Rechtspopulismus bis ins Mark. Aber er ist definitiv kein "Souveränist" – das Haupt-Motto in der politischen Debatte im ganzen Westen. Sein "souveränes" Brasilien würde eher wie eine retro-militärische Diktatur geführt werden, die sich ganz den Launen Washingtons unterordnet.

Bolsonaros Kandidatenliste wird von einem kaum gebildeten, pensionierten General als seinem Vize verschärft, einem Mann, der sich für seinen gemischtrassigen Hintergrund schämt und offen gesagt für Eugenik ist. General Antonio Hamilton Mourão hat sogar die Idee eines Militärputsches wiederbelebt.

 

Bei der Manipulation der Kandidatenliste finden wir massive wirtschaftliche Interessen, die an den Mineralienreichtum, das Agrobusiness und vor allem an den brasilianischen Bibelgürtel gebunden sind. Das kommt komplett mit Todesschwadronen gegen einheimische Brasilianer, landlose Bauern und afroamerikanische Gemeinschaften. Es ist ein Paradies für die Waffenindustrie. Nennen Sie es die Vergötterung des tropischen neo-pfingstlerischen, christlichen Zionismus.

 

Lobet den Herrn

 

Brasilien hat 42 Millionen Evangelikale - und über 200 Vertreter in beiden Teilen des Parlaments. Leg dich nicht mit ihrem Dschihad an. Sie wissen, wie man beim neoliberalen Bankett unter den Bettlern großen Anklang findet. Die Lula-Linken wussten einfach nicht, wie man sie für sich einnehmen sollte.

 

Selbst mit dem Echo von Mike Pence ist Bolsonaro also nur bis zu einem gewissen Grad der brasilianische Trump: Seine Kommunikationsfähigkeiten - hartes, vereinfachtes Reden - sind für einen Siebenjährigen verständlich. Gebildete Italiener vergleichen ihn mit Matteo Salvini, dem Lega-Chef und heutigen Innenminister. Aber das trifft es auch nicht ganz.

 

Bolsonaro ist ein Symptom einer viel größeren Krankheit. Er hat nur dieses Niveau erreicht, ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der zweiten Runde gegen Lulas Kandidaten Haddad, weil in Brasilien ein ausgeklügeltenr rollender, mehrstufiger, gerichtlicher, kongressbezogener, geschäftlicher und medialer Hybridkrieg ausgebrochen ist.

 

Weitaus komplexer als jede Farbrevolution, zeigte der Hybrid-Krieg einen Gesetzescoup im Rahmen der Anti-Korruptionsuntersuchung „Car Wash“. Dies führte dazu, dass Präsident Dilma Rousseff und Lula wegen Korruption ohne harte Beweise oder Corpus Delicti ins Gefängnis geworfen wurden.

 

In jeder Umfrage würde Lula diese Wahlen locker gewinnen. Die Putschisten schafften es, ihn einzusperren und zu verhindern, dass er kandidieren kann. Das Recht Lulas zu kandidieren wurde von allen, von Papst Franziskus bis zum UN-Menschenrechtsrat, sowie von Noam Chomsky, hervorgehoben. Doch in einer köstlichen historischen Wendung explodierte das Szenario der Putschisten in ihrem Gesicht, denn der Spitzenreiter, der das Land anführt, ist nicht einer von ihnen, sondern ein Neofaschist.

 

"Einer von ihnen" wäre idealerweise ein gesichtsloser Bürokrat, der mit den ehemaligen Sozialdemokraten, der PSDB, verbunden ist, gewendete Hardcore-Neoliberale, die sich unbedingt als Mitte Links ausgeben wollen, aber eigentlich das "akzeptable" Gesicht der neoliberalen Rechten sind. Nennt sie die brasilianischen Tony Blairs. Spezifische brasilianische Widersprüche und der Vormarsch des Rechtspopulismus im Westen haben zu ihrem Untergang geführt.

 

Sogar die Wall Street und die City of London (die den Hybridkrieg gegen Brasilien unterstützen, nachdem er von der NSA durch die Bespitzelung des Ölriesen Petrobras ausgelöst wurde) haben begonnen, sich über die Unterstützung von Bolsonaro als Präsidenten Gedanken zu machen. Eines BRICS-Landes, das ein Führer des globalen Südens ist und bis vor einigen Jahren auf dem Weg war, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt zu werden.

 

Alles hängt vom Mechanismus der "Stimmübertragung" von Lula auf Haddad und der Schaffung einer ernsthaften, progressiven demokratischen Front mit mehreren Parteien in der zweiten Runde ab, um den aufkommenden Neofaschismus zu besiegen. Sie haben weniger als drei Wochen Zeit, um das zu schaffen.

 

Der Bannon-Effekt

 

 

Es ist kein Geheimnis, dass Steve Bannon die Bolsonaro-Kampagne in Brasilien berät. Einer von Bolsonaros Söhnen, Eduardo, traf sich vor zwei Monaten in New York mit Bannon, woraufhin das Lager Bolsonaro beschloss, von Bannons angeblich "unvergleichlichen" Social Engineering-Einsichten zu profitieren.

 

Bolsonaros Sohn twitterte damals: "Wir stehen in Kontakt, um unsere Kräfte zu bündeln, besonders gegen den kulturellen Marxismus." Es folgte eine Armee von Bots, die bis zum Wahltag eine Lawine von gefälschten Nachrichten ausspuckte.

 

Ein Gespenst geht um in Europa. Sein Name ist Steve Bannon. Das Gespenst ist in die Tropen vorgedrungen.

 

In Europa ist Bannon nun bereit, wie ein Engel des Verderbens aus einem Tintoretto-Gemälde einzugreifen und die Bildung einer EU-weiten rechtspopulistischen Koalition anzukündigen.

 

Bannon wird vom italienischen Innenminister Salvini, dem ungarischen Premierminister Viktor Orban, dem niederländischen Nationalisten Geert Wilders in den Himmel gelobt. Und von der Plage des Pariser Establishments – Marine Le Pen.

 

Letzten Monat gründete Bannon „The Movement“ („Die Bewegung“), auf den ersten Blick nur ein politisches Start-Up in Brüssel mit sehr kleinem Personal. Aber sprechen wir von grenzenlosen Ambitionen: Ihr Ziel ist es, die Europawahlen im Mai 2019 auf den Kopf zu stellen.

 

Das Europäische Parlament in Straßburg - eine Bastion bürokratischer Ineffizienz - ist in der gesamten EU nicht gerade ein Begriff. Dem Parlament ist es untersagt, Gesetzesvorschläge zu unterbreiten. Gesetze und Budgets können nur mit einer Mehrheitsentscheidung blockiert werden.

 

Bannon strebt an, mindestens ein Drittel der Sitze in Straßburg zu erobern. Er wird zwangsläufig bewährte Methoden im amerikanischen Stil anwenden, wie intensives Polling, Datenanalyse und intensive Social Media-Kampagnen - ähnlich wie im Fall von Bolsonaro. Aber es gibt natürlich keine Garantie, dass es funktioniert.

 

Der Grundstein von „The Movement“ wurde wohl in zwei wichtigen Sitzungen Anfang September gelegt, die von Bannon und seiner rechten Hand, Mischael Modrikamen, dem Vorsitzenden der recht kleinen belgischen Parti Populaire (PP), ins Leben gerufen wurden. Das erste Treffen fand in Rom mit Salvini und das zweite in Belgrad mit Orban statt.

 

Modrikamen definiert das Konzept als einen "Club", der "Gelder von Spendern in Amerika und Europa sammeln wird, um sicherzustellen, dass 'populistische' Ideen von den Bürgern Europas gehört werden, die immer mehr erkennen, dass Europa keine Demokratie mehr ist".

 

Modrikamen besteht darauf: "Wir sind alle Souveränisten." Die Bewegung wird vier Themen aufgreifen, die einen Konsens zwischen den verschiedenen, EU-weiten politischen Parteien zu bilden scheinen: gegen die "unkontrollierte Einwanderung", gegen den "Islamismus", für die "Sicherheit" in der gesamten EU und für ein "Europa der souveränen Nationen, die stolz auf ihre Identität sind".

 

Die Bewegung sollte nach den Midterms (Anm.d.Ü.: die Senats- und Kongresswahlen) nächsten Monat in den USA wirklich an Fahrt gewinnen. Theoretisch könnte sie verschiedene Parteien derselben Nation unter ihrem Dach versammeln. Das könnte ein sehr schwierige Aufgabe sein, noch größer als die Tatsache, dass die wichtigsten politischen Akteure bereits unterschiedliche Tagesordnungen haben.

 

Wilders will die EU in die Luft jagen. Salvini und Orban wollen eine schwache EU, aber sie wollen deren Institutionen nicht loswerden. Le Pen will eine EU-Reform und ein "Frexit"-Referendum .

 

Die einzigen Themen, die diese gemischten Haufen des Rechtspopulismus vereinen, sind der Nationalismus, ein verschwommenes Anti-Establishment-Gefühl, und ein ziemlich populärer Ekel vor der überwältigenden bürokratischen Maschine der EU.

 

Hier finden wir eine Gemeinsamkeit mit Bolsonaro, der sich als Nationalist und Gegner des brasilianischen politischen Systems ausgibt - obwohl er schon seit langem im Parlament sitzt.

 

Es gibt keine vernünftige Erklärung für Bolsonaros plötzlichen Erfolg in letzter Minute bei zwei Teilen der brasilianischen Wählerschaft, die ihn zutiefst verachten: Frauen und die Nordostregion, die seit jeher vom reicheren Süden und Südosten diskriminiert werden.

 

Ähnlich wie Cambridge Analytica bei den US-Wahlen 2016 richtet sich Bolsonaros Wahlkampf gegen unentschlossene Wähler in den nordöstlichen Staaten sowie gegen Wählerinnen, mit einer Flut gefälschter Nachrichten, um Haddad und die Arbeiter-Partei zu verteufeln. Es klappte wunderbar!

 

Der italienische Job

 

 ch war gerade in Norditalien und habe herausgefunden, wie beliebt Salvini wirklich ist. Salvini definiert die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2019 als "die letzte Chance für Europa". Der italienische Außenminister Enzo Moavero betrachtet sie als die erste "echte Wahl für die Zukunft Europas". Auch Bannon sieht, dass sich die Zukunft Europas in Italien entscheidet.

 

Es ist schon etwas Besonderes, die widersprüchliche Energie in der Luft in Mailand zu nutzen, wo Salvinis Lega sehr beliebt ist, während Mailand gleichzeitig eine globalisierte Stadt voller ultra-progressiver Minderheiten ist.

 

Bei einer politischen Debatte über ein vom Bruno-Leoni-Institut veröffentlichtes Buch über den Ausstieg aus dem Euro bemerkte Roberto Maroni, ehemaliger Gouverneur der mächtigen Region Lombardei: "Italexit steht außerhalb der offiziellen Pläne der Regierung, der Lega und der Mitte-Rechts." Maroni sollte es wissen, schließlich war er einer der Gründer der Lega.

 

Er deutete jedoch an, dass große Veränderungen in Sicht sind. "Um eine Gruppe im Europäischen Parlament zu bilden, sind die Zahlen wichtig. Dies ist der Moment, um mit einem einzigartigen Symbol unter den Parteien vieler Nationen aufzutauchen."

 

Es sind nicht nur Bannon und Modrikamens „The Movement“. Salvini, Le Pen und Orban sind überzeugt, dass sie die Wahlen 2019 gewinnen können - mit der Umwandlung der EU in eine "Union der Europäischen Nationen". Dazu gehören nicht nur ein paar Großstädte, in denen die ganze Action stattfindet, sondern auch das restliche Hinterland, das keine Beachtung findet. Der Rechtspopulismus argumentiert, dass Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland keine Nationen mehr sind – sondern nur noch reine Provinzen.

 

 

Der Rechtspopulismus ist sehr erfreut darüber, dass sein Hauptfeind der selbsternannte "Jupiter" Macron ist - der von einigen in ganz Frankreich als "Kleiner Sonnenkönig" verspottet wird. Präsident Emmanuel Macron muss Angst haben, dass Salvini zum "führenden Licht" der europäischen Nationalisten wird.

 

Darauf scheint Europa hinzuarbeiten: ein trashiges Ringkampf-Match zwischen Salvini und Macron .

 

Vermutlich könnte der Kampf Salvini gegen Macron in Europa als Bolsonaro gegen Haddad in Brasilien repliziert werden. Einige kluge brasilianische Köpfe sind überzeugt, dass Haddad der brasilianische Macron ist.

 

Meiner Meinung nach ist er das nicht. Er hat einen philosophischen Hintergrund und ist ein ehemaliger, kompetenter Bürgermeister von Sao Paulo, eine der komplexesten Megalopolen der Welt. Macron ist ein Rothschild Mergers & Acquisitions Banker. Im Gegensatz zu Macron, der vom französischen Establishment als der perfekte "progressive" Wolf entwickelt wurde, der unter den Schafen freigelassen werden sollte, verkörpert Haddad das, was von der wirklich progressiven Linken übrig geblieben ist.

 

Darüber hinaus ist Haddad - anders als praktisch das gesamte brasilianische politische Spektrum - nicht korrupt. Er müsste den üblichen Verdächtigen das notwendige Pfund Fleisch anbieten, natürlich nur wenn er gewinnt. Aber er will nicht ihre Marionette sein.

 

Vergleichen Sie damit Bolsonaros Trumpismus, der sich in seiner Botschaft in letzter Minute vor dem Wahltag zeigt: "Make Brazil Great Again", mit Trump's Trumpismus.

 

Die Werkzeuge von Bolsonaro sind ein uneingeschränktes Lob für das Vaterland, die Streitkräfte und die Flagge.

 

Aber Bolsonaro ist nicht daran interessiert, die brasilianische Industrie, die Arbeitsplätze und die Kultur zu verteidigen. Im Gegenteil. Ein anschauliches Beispiel ist das, was vor einem Jahr in einem brasilianischen Restaurant in Deerfield Beach, Florida, geschah: Bolsonaro salutierte der amerikanischen Flagge und sang "USA! USA!".

 

Das ist unverdünntes MAGA - ohne "B".

 

Jason Stanley, Professor für Philosophie in Yale und Autor von How Facism Works, bringt uns weiter. Stanley betont, wie "die Idee im Faschismus ist, die Wirtschaftspolitik zu zerstören.... Die Konzerne stehen auf der Seite von Politikern, die faschistische Taktiken anwenden. Denn sie versuchen, die Aufmerksamkeit der Menschen von jenen realen Kräften abzulenken, die die echte Angst verursachen, die sie empfinden".

 

Bolsonaro hat diese Ablenk-Taktiken gemeistert. Und er zeichnet sich dadurch aus, dass er den sogenannten Kulturmarxismus dämonisiert. Bolsonaro passt zu Stanleys Beschreibung, wie sie in den USA angewandt wird:

 

"Der Liberalismus und der Kulturmarxismus haben unsere Vormachtstellung und diese wunderbare Vergangenheit zerstört, in der wir regierten, und unsere kulturellen Traditionen waren diejenigen, die dominierten. Und dann militarisiert es das Gefühl der Nostalgie. All die Ängste und Verluste, die die Menschen in ihrem Leben empfinden, z.B. durch den Verlust ihrer Gesundheitsversorgung, den Verlust ihrer Renten, den Verlust ihrer Stabilität, werden dann in das Gefühl umgeleitet, dass der wahre Feind der Liberalismus ist, was zum Verlust dieser mythischen Vergangenheit führte."

 

Im brasilianischen Fall ist der Feind nicht der Liberalismus, sondern die Arbeiter-Partei, die von Bolsonaro als "ein Haufen Kommunisten" verspottet wird. Als er seinen erstaunlichen Sieg in der ersten Runde feierte, sagte er, Brasilien stehe am Rande eines korrupten, kommunistischen "Abgrunds" und könne entweder einen Weg des "Wohlstands, der Freiheit, der Familie" wählen oder den "Weg von Venezuela" gehen.

 

Die „Car Wash“-Untersuchung hat den Mythos verfestigt, dass die Arbeiterpartei und die gesamte Linke korrupt sind (nur die Rechte nicht). Bolsonaro hat den Mythos überstrapaziert: Jede Minderheit und jede soziale Klasse wird zum Ziel - in seinem Kopf sind sie "Kommunisten" und "Terroristen".

 

Goebbels kommt mir in den Sinn – mit seinem entscheidenden Text Die Radikalisierung des Sozialismus, in dem er die Notwendigkeit betont, die Mitte-Links als Marxisten und Sozialisten darzustellen, denn, wie Stanley bemerkt, "die Mittelschicht sieht im Marxismus nicht so sehr den Untergang des nationalen Willens, sondern vor allem den Dieb seines Eigentums".

 

Das steht im Mittelpunkt von Bolsonaros Strategie der Verteufelung der Arbeiter-Partei und der Linken im Allgemeinen. Diese Strategie ist natürlich von Fake News durchdrungen - und spiegelt einmal mehr wider, was Stanley über die Geschichte der USA schreibt: "Das ganze Konzept des Imperiums basiert auf gefälschten Nachrichten. Die ganze Kolonisation basiert auf gefälschten Nachrichten."

 

Rechter gegen linken Populismus?

 

 

Wie ich in einer früheren Kolumne geschrieben habe, ist die Linke im Westen wie ein Reh, das im Scheinwerferlicht steht, wenn es darum geht, den rechten Populismus zu bekämpfen.

 

Kluge Köpfe von Slavoj Zizek bis Chantal Mouffe versuchen, eine Alternative zu konzipieren - ohne in der Lage zu sein, dafür ein neues Wort zu prägen. Linker Populismus? Popularismus? Im Idealfall sollte es "demokratischer Sozialismus" heißen – aber niemand würde es in einer post-ideologischen, post-faktischen Welt wagen, dieses gefürchtete Wort auszusprechen.

 

Der Aufstieg des Rechtspopulismus ist eine direkte Folge der Entstehung einer tiefen Krise der politischen Repräsentation im gesamten Westen. Identitätspolitik wurde als neues Mantra errichtet. Und die überwältigende Macht der sozialen Medien, die – in Umberto Ecos unvergleichlicher Definition – den Aufstieg des "Dorftrottels zu einem Orakel" ermöglicht hat.

 

Wie wir bereits gesehen haben, ist das zentrale Motto des Rechtspopulismus in Europa die Anti-Immigration - eine kaum versteckte Variante des Hasses gegen den Anderen. In Brasilien ist das Hauptthema, das von Bolsonaro betont wird, die urbane Unsicherheit. Er könnte der brasilianische Rodrigo Duterte - oder Duterte Harry sein: "Mach mich glücklich, du Penner."

 

Er stellt sich als der gerechte Verteidiger gegen eine korrupte Elite dar (obwohl er Teil der Elite ist); und sein Hass auf alles, was politisch korrekt ist, Feminismus, Homosexualität, Multikulturalismus - alles sind unverzeihliche Vergehen gegen seine "Familienwerte".

 

Ein brasilianischer Historiker sagt, dass der einzige Weg, sich ihm zu widersetzen, darin besteht, jedem Sektor der brasilianischen Gesellschaft zu "übersetzen", wie sich die Positionen von Bolsonaro auf sie auswirken: über "weit verbreitete Waffen, Diskriminierung, Jobs, (und) Steuern". Und das muss in weniger als drei Wochen geschehen.

 

Das wohl beste Buch, das das Versagen der Linken überall erklärt, sich mit dieser toxischen Situation auseinanderzusetzen, ist Jean-Claude Michea's Le Loup dans la Bergerie - The Wolf Among the Sheep – vor einigen Tagen in Frankreich erschienen.

 

Michea zeigt anschaulich, wie die tiefen Widersprüche des Liberalismus seit dem 18. Jahrhundert - politisch, wirtschaftlich und kulturell - ihn dazu veranlasst haben, SICH GEGEN SICH SELBST ZU WENDEN und vom ursprünglichen Geist der Toleranz abgeschnitten zu sein (Adam Smith, David Hume, Montesquieu). Deshalb befinden wir uns tief im post-demokratischen Kapitalismus.

 

Von den westlichen Mainstream-Medien euphemistisch "die internationale Gemeinschaft" genannt, scheinen die Eliten, die seit 2008 mit "den wachsenden Schwierigkeiten des Prozesses der globalisierten Kapitalakkumulation" konfrontiert sind, nun bereit zu sein, alles zu tun, um ihre Privilegien zu bewahren.

 

Michea hat Recht, dass der gefährlichste Feind der Zivilisation - und sogar des Lebens auf der Erde - die blinde Dynamik der endlosen Ansammlung von Kapital ist. Wir wissen, wohin uns diese neoliberale Schöne Neue Welt führt.

 

Der einzige Gegenschlag ist eine autonome, populäre Bewegung, "die nicht der ideologischen und kulturellen Hegemonie der "fortschrittlichen" Bewegungen unterworfen wäre, die seit über drei Jahrzehnten nur die kulturellen Interessen der neuen Mittelschichten auf der ganzen Welt verteidigen", sagt Michea.

 

Eine solche Bewegung liegt vorerst im Bereich der Utopie. Was bleibt, ist zu versuchen, eine kommende Dystopie zu beheben - wie z.B. die Unterstützung einer echten Progressiven Demokratischen Front, um einen Bolsonaro in Brasilien zu blockieren.

 

Einer der Höhepunkte meines Aufenthalts in Italien war ein Treffen mit Rolf Petri, Professor für Zeitgeschichte an der Ca Foscari Universität in Venedig und Autor der absolut wichtigen A Short History of Western Ideology: A Critical Account.

 

Von Religion, Rasse und Kolonialismus bis hin zum Aufklärungsprojekt "Zivilisation" webt Petri einen verheerenden Teppich, wie "die imaginäre Geographie eines "Kontinents", der nicht einmal ein Kontinent war, eine Plattform für die Bekräftigung der europäischen Überlegenheit und der zivilisatorischen Mission Europas bot".

 

Bei einem langen Abendessen in einer kleinen venezianischen Trattoria abseits der galoppierenden Selfie-Horden beobachtete Petri, wie Salvini - ein bürgerlicher Kleinunternehmer - listig herausgfunden hat, wie man ein tief unterbewusstes Verlangen kanalisiert, das sich nach einem mythischen, harmonischen Europa sehnt, das nicht zurückkehren wird, so wie der kleinbürgerliche Bolsonaro eine mythische Rückkehr zum "brasilianischen Wunder" während der Militärdiktatur von 1964-1985 hervorruft.

 

Jedes fühlende Wesen weiß, dass die USA in eine extreme Ungleichheit gestürzt wurden, die von einer rücksichtslosen Plutokratie "überwacht" wird. US-Arbeiter werden weiterhin königlich gefickt, ebenso wie französische Arbeiter unter dem „liberalen“ Macron. So auch die brasilianischen Arbeiter unter Bolsonaro. Dann borgen wir uns bei Yeats: Und welch rohes Biest, seine Zeit nun gekommen, kriecht der Freiheit entgegen, um geboren zu werden?

 

 

 

Pepe Escobar, ein erfahrener brasilianischer Journalist, ist der größte Korrespondent der in Hongkong ansässigen Asia Times. Sein neuestes Buch heißt 2030: A Letter to My Grandson.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Propapanda (Donnerstag, 11 Oktober 2018 12:44)

    Es wird dabei, obwohl hier auch angeschnitten, immer vergessen, dass es die Politik der vergangenen Jahre war, die die heutigen neofaschistischen Züge hervor brachte. Und was bedeutet eigentlich Neofaschismus, doch nichts anderes als NEU-Faschismus, also ledigtlich eine Weiterentwicklung des schon bestehenden Faschismus, der längst die Demokratien des Westens, wenn sie denn je existiert haben, unterwandert haben.

    Überall im sog. Westen wird die Ungleichheit, dass auseinanderdriften der Klassen, seit Jahren forciert, nun scheint die kritische Masse erreicht zu sein - auf die sie jahrelang hingearbeitet haben.