Robert Parry  24. Juni 1949 - 27.Januar 2018

https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Parry_(Journalist)


 

https://consortiumnews.com/2016/08/27/the-dumbed-down-new-york-times/

 

Die verblödete New York Times

 

Exklusiv: Ein Kolumnist der New York Times schreibt, die Amerikaner wären so „verblödet“, dass sie nicht wüssten, dass Russland vor zwei Jahren in die Ukraine „einmarschierte“. Aber Robert Parry sagt, dass dies „Invasion“ größtenteils nur in den Hirnen der Times-Redakteure und anderer Propagandisten geschah.

 

von Robert Parry, 27.08.2016

 

 

Mit einer Kolumne, die sich über die politische Ignoranz der „verblödeten“ amerikanischen Menschen mokiert und über den Tod der „objektiven Tatsachen“ jammert, demonstriert der NYT-Kolumnist Timothy Egan, warum so viele Amerikaner ihren Glauben in die angeblich so faktentreuen Massenmedien verloren haben.

 

So etwas stellt Egan einfach als Tatsache hin: „Wenn mehr als 16 Prozent der Amerikaner Ukraine auf einer Landkarte finden könnten, dann wäre es eine wirkliche große Sache gewesen, als Trump sagte, dass Russland gar nicht einmarschiert sei – zwei Jahre nachdem sie tatsächlich einmarschiert ist.“

 

Aber es ist gar keine „Tatsache“, dass Russland in die Ukraine „einmarschierte“ - und ganz besonders ist das nicht der Fall, wenn man nicht darauf hinweist, dass die USA in Syrien, in Libyen und in viele andere Länder einmarschiert sind, wo die USA Luftschläge durchführen und am Boden „Spezialkräfte“ einsetzen. Dennoch beschreibt die NYT diese militärischen Operationen nicht als „Invasionen“.

 

Auch verurteilt die „newspaper of record“ (Anm.d.Ü.: Gerald Celente nennt die NYT gern „toiletpaper of record“) die US-Regierung nicht für die Verletzung internationalen Rechts. Obwohl es sich jedes Mal, wenn die US-Kräfte ohne die Genehmigung der jeweiligen Regierung oder des UN Sicherheitsrats in das Territorium eines souveränen Staates eindringen, um eine illegale Aggression handelt.

 

Mit anderen Worten: Die Times benutzt eine Doppelmoral, wenn sie über die Handlungen der USA oder eines ihrer Verbündeten berichtet (man beachte, dass die jüngste Invasion der Türkei nach Syrien nur als „Intervention“ bezeichnet wurde). Und dann vergleiche man, wie die Times die Handlungen der Widersacher der USA behandelt, z.B. Russlands.

 

Die Befangenheit zur Ukraine

 

Die Berichterstattung der Times zur Ukraine war besonders unehrlich und scheinheilig. Die Times ignoriert die substantiellen Beweise, dass die US-Regierung einen gewaltsamen Umsturz des gewählten Präsidenten Viktor Janukowitsch am 22. Februar 2014 ermutigte und unterstützte. Dazu gehört ein vor dem Umsturz abgehörtes Telefonat zwischen der Vizeaußenministerin Victoria Nuland und dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt. Darin diskutieren sie, wer die neue Regierung führen solle und wie man dabei „Geburtshilfe“ leisten könnte. (Anm.d.Ü.: leider kennen die meisten, und das sind schon wenige, nur das „Bonmot“ „Fuck the EU“)

 

Die Times hat auch die Schlüsselrolle von Neonazis und extremistischen Nationalisten bei der Tötung von Polizisten und der Besetzung von Regierungsgebäuden während des Umsturzes heruntergespielt. Und dann hat man nach dem Coup das Gemetzel an den russischen Ukrainern verwischt. Wenn man in der Times-Berichterstattung die Rolle dieser Möchtegern SS-ler finden will, dann muss man schon die letzten Absätze in ein paar Geschichten durchsuchen, die andere Aspekte der Ukraine-Krise behandeln.

 

Ohne irgendwelche Zusammenhänge zu erwähnen behauptete die Times wiederholt, dass Russland in die Krim „einmarschiert“ sei, aber seltsamerweise gibt es keine Fotos von Landungsbooten an der Küste der Krim oder von russischen Panzern, die sich über die ukrainische Grenze zur Krim durchschlugen oder von Luftlandetruppen, die vom Himmel auf strategische Ziele der Krim herabschwebten.

 

Der Grund, warum Beweise für eine „Invasion“ fehlten, war, dass russische Truppen bereits auf der Krim stationiert waren, als Teil eines Abkommens für den Hafen Sewastopol. Das war wirklich eine sehr seltsame „Invasion“, weil die russischen Truppen bereits vor der „Invasion“ da waren und ihre Beteiligung nach dem Coup friedlich war, sie beschützten die Bevölkerung der Krim vor den Verwüstungen der Neonazis des neuen Regimes. Die Gegenwart einer kleinen Anzahl russischer Truppen ermöglichte auch die Abstimmung der Krim, ob sie sich von der Ukraine abspalten und zu Russland zurückkehren wollte, was sie mit 96% Mehrheit geschah.

 

In den östlichen Provinzen, die das politische Fundament von Janukowitsch waren und wo viele Ukrainer gegen den Umsturz waren, kann man, wenn man will, die russische Entscheidung verurteilen, militärische Ausrüstung und womöglich ein paar Spezialkräfte zur Verfügung zu stellen, damit ethnische Russen und andere ukrainische Gegner des Umsturzes sich gegen die Angriffe der neonazistischen Azov-Brigade und gegen die Panzer und die Artillerie der Umsturz-kontrollierten ukrainischen Armee verteidigen konnten.

 

Eine ehrliche Zeitung und ein ehrlicher Kolumnist würden darauf bestehen, dass diese Zusammenhänge im Text vorkommen. Man würde auch negativ besetzte Begriffe wie „Invasion“ und „Aggression“ zurückweisen, es sei denn, man benutzt die gleiche Terminologie für die Handlungen der US-Regierung und ihrer „Alliierten“.

 

Diese Nuancen und Ausgewogenheit bekommt man bei der NYT und ihren „Gruppendenken“-Schreibern (Menschen wie Timothy Egan) nicht. Wenn über Russland berichtet wird, dann ist es Propaganda im Stil des Kalten Kriegs, Tag ein, Tag aus.

 

Und dieses Problem ist kein Einzelfall. Die erbarmungslose Befangenheit der NYT und eigentlich der gesamten US-Massenmedien zur Ukraine-Krise zeigt einen Mangel an Professionalismus, wie er sich sich schon in der Berichterstattung vor der Irak-Krise 2002/03 und bei anderen katastrophalen außenpolitischen Entscheidungen der USA gezeigt hat.

 

Ein wachsendes öffentliches Bewusstsein für diese einseitigen Massenmedien erklärt, warum sich ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung von den angeblich „objektiven“ Nachrichten verabschiedet (weil es alles andere als objektiv ist).

 

Ja, die Amerikaner, die über Russland und die Ukraine mehr wissen als Timothy Egan, sie wissen, dass sie von der NYT und anderen Produkten der Massenmedien nicht die wahre Geschichte erfahren. Diese nicht verblödeten Amerikaner erkennen US-Regierungspropaganda wenn sie sie sehen.

 


 

https://consortiumnews.com/2017/10/13/the-legacy-of-reagans-civilian-psyops/

 

Das Vermächtnis von Reagans psychologischer Kriegsführung („PSYOPS“)

 

von Robert Parry, 13.10.2017 (Anm.d.Ü.: unterstrichene Stellen sind Verknüpfungen im Original)

 

 

Freigegebene Aufzeichnungen aus der Präsidentenbibliothek von Reagan zeigen, wie die US-Regierung zivile Agenturen mit psychologischer Kriegsführung beauftragt hat, um Informationen als ein Mittel zu benutzen, um das Verhalten eines anvisierten ausländischen Publikums und zumindest indirekt auch der amerikanischen Bürger zu manipulieren.

 

Ein gerade freigegebenes Anwesenheitsprotokoll über ein Treffen eines Agentur-übergreifenden „PSYOP“-Komitees am 24.Oktober 1986 zeigt Vertreter der Agentur für Internationale Entwicklung (USAID), des Außenministeriums und der US Informationsagentur (USIA), zusammen mit Beamten der Central Intelligence Agency und des Verteidigungsministeriums.

 

Einige Namen von Beamten aus der CIA und dem Pentagon sind auch drei Jahrzehnte später immer noch geheim. Aber die Bedeutung dieser Dokumente ist, dass sie aufdecken, wie Agenturen, die traditionellerweise mit globaler Entwicklung (USAID) oder internationaler Information (USIA) zu tun hatten, in die Strategien der US-Regierung zur psychologischen Kriegsführung in Friedenszeiten eingemeindet wurden, in eine Militärtechnik, die den Willen eines Kriegsgegners durch das Verbreiten von Lügen, Verwirrung und Terror brechen soll.

 

Im Grunde spielt die psychologische Kriegsführung mit den kulturellen Schwächen einer anvisierten Bevölkerung, damit diese leichter kontrolliert und besiegt werden kann. Aber die Reagan-Regierung hat dieses Konzept aus den traditionellen Grenzen der Kriegsführung herausgelöst und wendete die PSYOPs zu jeder Zeit an, immer wenn die US-Regierung behauptete, Amerika sei bedroht.

 

Diese Enthüllung – untermauert durch andere Dokumente, die Anfang des Jahres von Archivaren der Reagan-Bibliothek in Simi Valley, Kalifornien herausgegeben wurden – ist für die heutige Aufregung über angebliche „Fake News“ und Anschuldigungen über „russische Desinformation“ von großer Bedeutung. Jeder wird daran erinnert, dass die US-Regierung auf dem selben Gebiet tätig war.

 

Natürlich ist der Einsatz von Desinformation und Propaganda durch US-Regierungen nichts Neues. So hat die USIA in den 1950ern und 1960ern regelmäßig unter falschen Namen wie Guy Sims Fitch Artikel in freundlich gesonnenen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht. (Anm.d.Ü.: sehr lesenswerter Artikel über das Phantom)

  

Jedoch haben in den 1970ern der blutige Vietnam-Krieg und die Enthüllungen der Pentagon-Papiere über die Täuschungen der US-Regierung zur Rechtfertigung des Kriegs bei den amerikanischen Propagandisten eine Krise ausgelöst, sie haben beim amerikanischen Volk Vertrauen verloren. Auch einige der traditionellen Quellen für US-Desinformation, etwas die CIA, sind stark in der Achtung gesunken.

 

Dieses sogenannte „Vietnam-Syndrom“ – eine skeptische Bürgerschaft gegenüber den Behauptungen der US-Regierung über ausländische Konflikte – hat die Bemühungen von Präsident Reagan unterwandert, seine Interventionspläne in laufende Bürgerkriege in Mittelamerika, Afrika und anderswo zu verkaufen.

 

Reagan betrachtete Mittelamerika als „sowjetischen Brückenkopf“, aber viele Amerikaner sahen hochnäsige mittelamerikanische Oligarchen und ihre brutalen Sicherheitskräfte, die Priester, Nonnen, Gewerkschafter, Studenten, Bauern und Eingeborene abschlachteten.

 

Reagan und seine Berater erkannten, dass sie diese Wahrnehmung ändern mussten, wenn sie eine weitere Finanzierung für das Militär von El Salvador, Guatemala, Honduras erreichen wollten – und für die Contra-Rebellen in Nicaragua, die von der CIA organisierte paramilitärische Kraft, die im links-regierten Nicaragua marodierte.

 

Wahrnehmungsmanagement

 

Somit wurde es zu einer hohen Priorität, die öffentliche Wahrnehmung in den anvisierten Ländern neu zu formen, aber noch wichtiger die im amerikanischen Volk. Diese Herausforderung brachte die Reagan-Regierung dazu, die Methoden zur Verteilung von Propaganda und zur Finanzierung freundlicher ausländischer Operateure wiederzubeleben und neu zu organisieren. Etwa durch die Erschaffung des National Endowment for Democracy (NED) unter seinem neokonservativen Präsidenten Carl Gershman.

 

Eine weitere Einheit in diesem Prozess war das Psychological Operations Committee, das 1986 unter Reagans Nationalem Sicherheitsrat geformt wurde. Seit dieser Zeit hat die US-Regierung, ob Republikaner oder Demokraten, viele dieser PSYOP-Prinzipien angewendet, Rosinenpickerei oder manipulierte Beweise, um Gegner zu unterwandern und die amerikanische Öffentlichkeit für die Unterstützung von Washingtons Politik zu gewinnen.

 

Diese Realität – dass die US-Regierung ihre eigene falsche Realität kreiert, um das amerikanische Volk und das internationale Publikum zu manipulieren – sollte Journalisten im Westen dazu verpflichten, alle Behauptungen aus Washington mit einer großen Prise Skepsis zu behandeln.

 

Stattdessen sehen wir jedoch bei den führenden Nachrichtenmedien ein Muster, dass sie einfach das verstärken, was auch immer die US-Agenturen über den ausländischen Gegner versichern, während die Skeptiker als Übermittler von „Fake News“ oder feindlicher „Propaganda“ verunglimpft werden. Im Grunde können wir den Erfolg der psychologischen US-Kriegsführung daran messen, wie sich die westlichen Massenmedien als Verstärker-Mechanismus hervortun, um die Konformität zu den verschiedenen Informationsthemen und Sichtweisen der US-Regierung sicherzustellen.

 

So wird zum Beispiel jeder Zweifel an der Sichtweise der US-Regierung zu, sagen wir, dem gegenwärtigen Syrien-Konflikt, oder dem Staatsstreich 2014 in der Ukraine, oder dem russischen „Hacking“ der US-Wahl 2016, oder zu Irans Status als „führender Sponsor für Terrorismus“ von den großen westlichen Nachrichtenmedien als Beweis dafür verwendet, man sei zumindest ein „nützliches Werkzeug“ für eine ausländische Macht, wenn nicht gar ein vorsätzlicher „Propagandist“ des Feindes, der einer fremden Macht gegenüber loyal ist, somit ein Verräter.

 

Die führenden Massenmedien und die vom Establishment für gut befundenen Webseiten tun sich jetzt mit Google, Facebook und anderen Technologiefirmen zusammen, um Algorithmen zu entwickeln, um Internet-Inhalte zu vergraben oder zu löschen, die nicht im Gleichschritt mit dem als wahr angesehenen marschieren, was einfach oft dem folgt, was die Agenturen der US-Regierung als wahr ansehen.

 

Die dokumentarischen Belege sind jetzt jedoch eindeutig, dass die US-Regierung eine deutlich definierte Strategie unternommen hat, um auf der ganzen Welt über westliche Nachrichtenagenturen psychologische Kriegsführung zu betreiben, die über Ereignisse in den betroffenen Ländern berichten, die diese Propaganda und Desinformation wie einen Bumerang über das amerikanische Volk bringen.

 

Während der letzten Regierungen wurden Euphemismen eingesetzt, um den eher abschätzigen Begriff „psychologische Kriegsführung“ zu verhüllen – etwa „öffentliche Diplomatie“, „strategische Kommunikation“, „Wahrnehmungsmanagement“ und „smart power“. Aber der ernsthafte Drang zur Ausweitung dieser Propagandafähigkeiten der US-Regierung lässt sich auf die Präsidentschaft von Reagan zurückführen.

 

Der Strippenzieher

  

Walter Raymond Jr., ein CIA Propaganda- und Desinformations-Spezialist, der Präsident Reagans PSYOPS und Wahrnehmungsmanagement im Nationalen Sicherheitsrat beaufsichtigte. Raymond ist von Präsident Reagan teilweise verdeckt, neben ihm sitzt der nationale Sicherheitsberater John Pointdexter.

 

Über die Jahre habe ich einen Haufen Dokumente erhalten, die mit PSYOPs und verwandten Programmen zu tun haben. Sie stammen aus „obligatorischen Überprüfungen zur Deklassifizierung“ von Akten, die zu Walter Raymond Jr. gehören, einem leitenden Spezialisten der CIA für verdeckte Einsätze, der 1982 zum Nationalen Sicherheitsrat Reagans stieß, um die Kapazitäten für PSYOPs, Propaganda und Desinformation wieder aufzubauen.

 

Raymond, der mit einem Charakter aus einem John LeCarre-Roman verglichen werden kann, der plötzlich auftaucht, hat seine Jahre im Weißen Haus von Reagan als ein finsterer Strippenzieher verbracht, der sein Bestes tat, um keine öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen oder vermieden hat, dass es ein Foto von ihm gibt – so scheint es.

 

Aus Zehntausenden von Fotos von Treffen in Reagans Weißem Haus habe ich nur zwei gefunden, die Raymond zeigen – und da sitzt er in einer Gruppe und ist teilweise von anderen Beamten verdeckt.

 

Aber Raymond scheint seine wahre Bedeutung bewusst gewesen zu sein. In seinen NSC-Akten fand ich das Gekritzel eines Organigramms, das Raymond ganz oben zeigt, wie er etwas hält, das wie das Kreuz aussieht, das Marionettenspieler benutzen um ihre Puppen zu kontrollieren. Die Zeichnung passt zur Realität von Raymond als dem Akteur hinter dem Vorhang, der die verschiedenen Einsatzgruppen kontrollierte, die zur Umsetzung der PSYOPs und der anderen Propagandastrategien verantwortlich waren.

 

In Raymond Akten fand ich einflussreiches Papier vom November 1983, geschrieben von Oberst Alfred R. Paddock Jr mit dem Titel „Militärische Psychologischer Kriegsführung und die US-Strategie“. Darin heißt es: „die geplante Verwendung von Kommunikation zur Beeinflussung von Einstellungen oder Verhaltensweisen sollte, wenn sie richtig angewendet wird, jeder Anwendung von Gewalt vorangehen, sie begleiten und ihr folgen. Anders ausgedrückt: Psychologische Kriegsführung ist das einzige Waffensystem, das in Friedenszeiten, während eines Konflikts und in der Folge eines Konflikts eine wichtige Rolle spielt.“

 

Paddock weiter: „Militärische psychologische Kriegsführung ist ein wichtiger Bestandteil der 'Gesamtheit von PSYOP', sowohl im Frieden als auch im Krieg … Wir benötigen ein Programm für psychologische Kriegsführung als integraler Bestandteil unserer nationalen Sicherheitspolitik und Programme … Die Kontinuität eines ständigen übergreifenden Ausschusses oder eines Ausschusses, der die notwendigen Koordinierungsmechanismen für die Entwicklung einer kohärenten, weltweiten Strategie für psychologische Kriegsführung bereitstellt, wird dringend benötigt.“

 

Ein als „Top Secret“ eingestuftes und freigegebenes Dokument in den Akten Raymonds – datiert auf 4. Februar 1985, vom Verteidigungsminister Caspar Weinberger – drängt auf eine größere Umsetzung von Präsident Reagans nationaler Sicherheitsdirektive 130, die am 6. März 1984 unterschrieben wurde, und die die psychologische Kriegsführung in Friedenszeiten genehmigt, indem die PSYOPs über die traditionellen Grenzen aktiver militärischer Einsätze auf Situationen in Friedenszeiten erweitert werden, wenn die US-Regierung behauptet, es wären nationale Sicherheitsinteressen in Gefahr.

 

Diese Genehmigung kann Impulse für den Wiederaufbau einer notwendigen strategischen Fähigkeit liefern und die Aufmerksamkeit auf psychologische Kriegsführung als nationales – nicht nur militärisches – Instrument lenken und sicherstellen, dass PSYOPs vollständig mit der öffentlichen Diplomatie und anderen internationalen Informationsaktivitäten koordiniert werden“, heißt es in Weinbergers Dokument.

 

Ein Komitee aus verschiedenen Agenturen

 

Diese breitere Verpflichtung zu PSYOPs führte zur Gründung des Psychological Operations Committee (POC), dessen Vorsitz ein Vertreter aus dem Nationalen Sicherheitsrats von Reagan hatte, einem Stellvertreter aus dem Pentagon und mit Vertretern aus der CIA, dem Außenministerium und der USIA.

 

Diese Gruppe ist verantwortlich für die Planung, Koordination und Durchführung psychologischer Operationen zur Unterstützung der Politik und der Interessen der Vereinigten Staaten im Bezug auf die nationale Sicherheit.“ So heißt es in einem „geheimen“ Zusatz zu einem Memo vom 25. März 1986 von Col. Paddock, dem Sachwalter für PSYOP, der zum Direktor für psychologische Kriegsführung in der US-Armee ernannt wurde.

 

Der Ausschuss wird den Schwerpunkt der Koordination zwischen den Behörden für die detaillierte Notfallplanung für die Verwaltung der nationalen Informationsressourcen während des Kriegs und für den Zeitraum zwischen Frieden und Krieg legen“, heißt es in dem Ergänzungspapier. „“Das POC stellt sicher, dass in Kriegszeiten oder während Krisen (die als Perioden akuter Spannungen definiert werden können, in denen das Leben amerikanischer Bürger bedroht ist oder ein Krieg zwischen den USA und anderen Ländern bevorsteht) die internationalen Informationselemente der USA bereit sind, besondere Verfahren einzuleiten, um eine politische Konsistenz, eine zeitnahe Antwort und ein rasche Antwort des beabsichtigten Publikums sicherzustellen.“ (Anm.d.Ü.: Wie ich diese Behördensprache hasse!)

 

Mit anderen Worten: Die US-Regierung kann PSYOPs praktisch jederzeit einsetzen, denn es gibt immer „Perioden akuter Spannungen, die das Leben amerikanischer Bürger bedrohen“.

 

Das Psychological Operations Committee wurde durch ein „geheimes“ Memo von Reagans Nationalem Sicherheitsberater John Pointdexter am 31. Juli 1986 formell beschlossen. Die erste Sitzung fand am 2. September 1986 statt, und die Tagesordnung konzentrierte sich auf Mittelamerika und „wie die POC-Agenturen die Programme des Verteidigungsministeriums in El Salvador, Guatemala, Honduras, Costa Rica und Panama unterstützen und ergänzen können.“ Das POC wurde auch beauftragt, „Nationale PSYOPS-Richtlinien zu entwickeln“, um „die nationalen PSYOPS-Programme zu formulieren und umzusetzen.“

 

Raymond wurde Co-Vorsitzender des POC, zusammen mit dem CIA-Beamten Vincent Cannistraro, der stellvertretender Direktor für Geheimdienstprogramme im NSC-Stab, so steht es in einem „geheimen“ Memo des stellvertr. Verteidigungsministers Craig Alderman Jr.

 

Das Memo spricht auch davon, dass zukünftige POC-Meetings über PSYOP-Projekte für die Philippinen und Nicaragua unterrichten werden, letzteres Projekt trägt den Codenamen „Niagara Falls“. Das Memo spricht auch von einem „Project Touchstone“, aber es ist unklar, worauf sich dieses PSYOP-Programm bezieht.

 

Ein weiteres „geheimes“ Memo mit Datum 1. Oktober 1986, mitverfasst von Raymond, berichtet über das erste Treffen des POC am 10. September 1986 und merkt an, dass „das POC sich bei jedem Treffen auf ein Einsatzgebiet konzentrieren wird (z.B. Mittelamerika, Afghanistan, Philippinen).“

 

Das zweite Treffen von POC am 24. Oktober 1986 – für das soeben die Anwesenheitsliste herausgegeben wurde – konzentrierte sich auf die Philippinen, so besagt ein Memo vom 4. November 1986, mitverfasst von Raymond.

 

Aber die Hauptaufmerksamkeit der Reagan-Regierung lag weiterhin auf Mittelamerika, darunter „Project Niagara Falls“, das gegen Nicaragua zielende PSYOPS-Programm. Ein „geheimes“ Pentagon-Memo vom stellvertr. Minister Alderman vom 20. November 1986 umreißt die Arbeit der 4th Psychological Operations Group zu diesem PSYOP-Plan, „um bei der Demokratisierung Nicaraguas zu helfen“, worunter die Reagan-Regierung „Regimewechsel“ versteht. Die genauen Detrails von „Projekt Niagara Falls“ wurden in dem freigegebenen Dokument nicht enthüllt, aber der Codename deutet auf eine Kaskade von PSYOPS.

  

Präsident Ronald Reagan trifft sich mit dem guatemaltekischen Diktator Efrain Rios Montt, der später beschuldigt wurde, Völkermord an der eingeborenen indianischen Bevölkerung im zentralen Hochland begangen zu haben

 

Schlüsselpersonen

  

Andere Dokumente aus Raymonds NSC-Akte werfen ein Licht darauf, wer die anderen Schlüsselfiguren in den PSYOPS- und Propagandaprogrammen waren. Beispielsweise zitiert Raymond in undatierten Notizen über Versuche zur Beeinflussung der Sozialistischen Internationalen, darunter die Sicherstellung der Unterstützung der US-Außenpolitik durch sozialistische und sozialdemokratische Parteien in Europa, die Bemühungen von „Ledeen, Gerhsman“, ein Hinweis auf den neokonservativen Akteur Michael Ledeen und auf Carl Gershman, einen weiteren Neokon, der seit 1983 als Präsident des von der US-Regierung finanzierten National Endowment for Democracy (NED) fungiert

 

Der damalige Vizepräsident George H.W. Bush mit CIA Direktor William Casey im Weißen Haus, 11. Februar 1981

 

Obwohl aus technischer Sicht NED unabhängig von der US-Regierung ist, so erhält es doch einen Großteil seiner Gelder vom Kongress (derzeit etwa $100 Mio. jährlich). Dokumente aus dem Reagan-Archiv machen auch deutlich, dass NED als Ersatz für einige verdeckte politische und Propaganda-Operationen der CIA organisiert worden war, die in den 1970ern in Ungnade gefallen war. Zuvor veröffentlichte Dokumente aus Raymonds Akten zeigen, dass CIA-Direktor William Casey zur Gründung von NED drängte und dass Raymond, Caseys handverlesener Mann im Nationalen Sicherheitsrat, Gershman regelmäßig Ratschläge und Anweisungen erteilt hat.

(Siehe: https://consortiumnews.com/2015/01/08/cias-hidden-hand-in-democracy-groups/ )

 

Während die Initialen USAID das Bild von wohltätigen Amerikanern erwecken, die in verarmten Ländern Brunnen bohren, Schulen und Krankenhäuser errichten, so ist USAID auch dabei hilfreich, freundliche Journalisten rund um den Globus zu finanzieren.

 

2015 veröffentlichte USAID ein Datenblatt, in dem ihre Arbeit zur Finanzierung „journalistischer Erziehung, dem Aufbau von Medienunternehmen, Kapazitätserweiterung für unterstützende Organisationen und die Stärkung des juristisch-regulatorischen Umfelds für freie Medien“ zusammengefasst wurde. USAID schätzte sein Budget für die „Medien-stärkenden Programme in über 30 Ländern“ auf $40 Mio. jährlich, darunter die Hilfe für „unabhängige Medienorganisationen und Blogger in über einem Dutzend Ländern“.

 

Vor dem Umsturz in der Ukraine 2014 hat USAID Training in der „Handy- und Webseitensicherheit“ angeboten, was sich ein wenig nach einer Operation anhört, die Aufklärung örtlicher Regierungen zu behindern. Eine ironische Haltung, wenn man bedenkt, wie versessen die USA mit der Überwachung sind, einschließlich der Verfolgung von Whistleblowern, weil die mit Journalisten redeten.

 

USAID, die mit der Open Society von Milliardär George Soros zusammenarbeitet, hat auch daqs Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) finanziert, das „investigativen Journalismus“ betreibt, der sich für gewöhnlich über Regierungen hermacht, die bei den Vereinigten Staaten in Ungnade gefallen sind und danach mit Anschuldigungen wegen Korruption aufs Korn genommen werden.

 

Das US-finanzierte OCCRP kollaboriert auch mit Bellingcat einer investigativen Internet-Webseite, die vom Blogger Eliot Higgins gegründet wurde, der jetzt ein nicht ständiges leitendes Mitglied des Atlantic Council ist, einem Pro-NATO-Denkpanzer, der Gelder von der US-Regierungen und alliierten Regierungen erhält.

 

Higgins hat im Internet Falschinformationen verbreitet, einschließlich entkräfteter Vorwürfe, die syrische Regierung sei in den Sarin-Angriff 2013 verwickelt gewesen. Und er hat ein australisches Filmteam zu einem Ort dirigiert, der anscheinend die falsche Stelle für ein Video über eine BUK-Flugabwehrbatterie war, die sich angeblich nach dem Abschuss von Malaysia Flug 17 am 17. Juli 2014 auf den Weg nach Russland machte.

 

Trotz seines zweifelhaften Rufs über seine Genauigkeit wurde Higgins in den Massenmedien gelobt, teilweise, weil seine „Ergebnisse“ immer zu dem Propaganda-Thema passen, das die US-Regierung und ihre westlichen Alliierten verbreiten. Zwar werden die meisten echten unabhängigen Blogger von den Massenmedien ignoriert, aber Higgins wurde für seien Arbeit in der New York Times und der Washington Post gepriesen. Und Google hat Bellingcat in seine First Draft-Koalition aufgenommen, die bestimmen soll, welche Nachrichten echt und welche falsch sind.

 

Mit anderen Worten: Die US-Regierung hat eine robuste Strategie zur Einsetzung von direkten und indirekten Einfluss-Agenten, die jetzt beeinflussen, wie die Titanen des Internets ihre Algorithmen strukturieren, um günstige Informationen hervorzuheben und ungünstige Informationen verschwinden zu lassen.

 

Die Lügenerbschaft

 

Im ersten Kalten Krieg haben die CIA und die US-Information Agency die Kunst des „Informationskriegs“ verfeinert, darunter erstmals einige der derzeitigen Funktionen wie vordergründig „unabhängiger“ Einheiten und Ausschnitte, die die amerikanische Propaganda einer zynischen Öffentlichkeit präsentieren, die viel von dem ablehnt was die Regierung sagt, die aber „Bürgerjournalisten“ und „Bloggern“ vertraut.

 

USIA, die 1953 gegründet wurde und in den 1980ern unter dem von Reagan ernannten Direktor Charles Wick wieder zum Leben erweckt wurde, sie wurde 1999 abgeschafft. Aber ihre Propaganda-Funktionen wurden größtenteils in das neue Büro des stellvertr. Außenministers für Öffentliche Diplomatie und Öffentliche Angelegenheiten übernommen. Dort ist sie zu einer neuen Quelle für Desinformation geworden.

 

Zum Beispiel hat Obamas Minister für Öffentliche Diplomatie, Richard Stengel, 2014 eine Reihe von Unwahrheiten und Falschinterpretationen über Russlands RT-NEtwork verbreitet. Zum Beispiel behauptete er, dass RT die „lächerliche Behauptung“ aufgestellt habe, die USA hätten $5 Milliarden in das Regimewechsel-Projekt in die Ukraine investiert. Aber das war eine offensichtliche Anspielung an eine öffentliche Rede der stellvertr. Außenministerin Victoria Nuland am 13. Dezember 2013, in der sie sagte, dass „wir mehr als $5 Milliarden investiert haben“, um der Ukraine bei dessen „europäischen Hoffnungen“ zu helfen.

  

Bildschirmfoto der stellvertr. Außenministerin für europäische Angelegenheiten Victoria Nuland bei ihrer Rede vor amerikanischen und ukrainischen Geschäftsleuten am 13. Dezember 2013, einem Ereignis, das von Chevron gesponsert wurde, das Logo an ihrer Seite

 

Nuland war auch die führende Vertreterin beim ukrainischen Umsturz, sie hat den Anti-Regierungs-Randalierern persönlich zugejubelt. In einem abgehörten Telefonat mit dem US-Botschafter in der Ukraine, Geoffrey Pyatt, hat Nuland diskutiert, wie man „diese Sache zusammenklebt“ und „Hilfestellung leisten kann“, und wer der neue Führer sein soll. Sie hat Arseniy Yatsenyuk auserwählt – „Yats ist unser Mann“ – der schließlich nach dem Sturz von Victor Yanukowitsch Ministerpräsident wurde.

 

Trotz all der Beweise für einen US-gestützten Coup hat die New York Times die Beweise einfach ignoriert, unter anderem das Nuland-Pyatt-Telefonat, und hat verkündet, es habe keinen Coup gegeben. Die Hörigkeit der NYT zur falschen Geschichte des Außenministeriums ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Vermächtnis von Walter Raymond, der 2003 starb, bis in die Gegenwart fortsetzt.

 

In den letzten Jahren hat sich der Sprachgebrauch des Programms vielleicht gefälligeren Euphemismen zugewandt. Aber die Idee ist die selbe geblieben: wie man PSYOPS, Propaganda und Desinformation benutzt, um Zuhause und im Ausland die US-Politik zu verkaufen.

 


 

https://consortiumnews.com/2016/03/16/the-ever-curiouser-mh-17-case/

 

Der MH17-Fall wird immer merkwürdiger

 

Exklusiv: der Abschuss des malaysischen Airliners mit der Flugnummer 17 über der Ukraine hat als mächtiger Propagandaknüppel gegen Russland geholfen. Aber die USA verbergen Schlüsselbeweise die den Fall klären könnten, schreibt Robert Parry.

 

von Robert Parry, 17.03. 2016

 

 

Die merkwürdigen Umstände zum Abschuss des malaysischen Passagierjets MH17 über der Ostukraine am 17. Juli 2014 werden immer seltsamer. Die US-Regierung und holländische Ermittler sperren sich gegen geradlinige Antworten auf die einfachsten Fragen, selbst wenn sie von Familienangehörigen der Opfer gestellt werden.

 

Und das Rätsel wird nur größer: holländische Ermittler haben angedeutet, dass das „Dutch Safety Board“ (Anm.d.Ü.: die niederländische Flugsicherheitsbehörde) von den Vereinigten Staaten keine Radaraufzeichnungen anforderte. Obwohl Außenminister John Kerry nur drei Tage nach dem Absturz andeutete, dass die US-Regierung im Besitz von Daten sei, die angeblich den genauen Startplatz der verdächtigen Rakete zeigen sollen, die den Passagierjet vom Himmel holte und alle 298 Menschen an Bord tötete.

 

Obwohl Kerry behauptete, dass die US-Regierung fast unmittelbar danach den Startplatz kannte, sagen holländische Ermittler jetzt, sie hofften, dass der Startplatz irgendwann „in der zweiten Hälfte des Jahres“ identifiziert würde. Das heißt, dass mehr als zwei Jahre nach der Tragödie etwas so Grundlegendes wie der Abschussort der Rakete der Öffentlichkeit weiter unbekannt ist.

 

Die Familien der holländischen Opfer, darunter ein Vater mit holländischer und amerikanischer Staatsbürgerschaft, verlangen mit Nachdruck eine Erklärung dafür, warum die Untersuchungen so schleppend vor sich gehen und warum es versäumt wurde, von der US- und anderen Regierungen relevante Daten zu erhalten.

 

Ich habe Anfang Februar mit den Familienangehörigen einige Zeit verbracht. Im niederländischen Parlament in Den Haag, als eine Gruppe von Parlamentariern, angeführt von dem Christdemokraten Pieter Omtzigt vergeblich versuchte, von der Regierung Antworten auf das Fehlen von Radardaten und anderen grundlegenden Tatsachen zu bekommen.

 

Wenn die Familien und die Öffentlichkeit Antworten erhalten, dann sind diese oft schwer zu verstehen. Es hat den Anschein als wolle man verschleiern, welche Informationen die Untersuchungskommission hat und welche nicht. Ich zum Beispiel bekam vom US Außenministerium auf meine Frage, ob die US-Regierung den Holländern Radardaten und Satellitenfotos übermittelt haben, folgende Antwort. Sie soll von „einem Sprecher des Außenministeriums“ stammen: „Ich will nicht auf die Details unserer Zusammenarbeit mit anderen Strafverfolgungsbehörden eingehen. Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass holländische Behörden am 8. März sagten, dass alle von den Vereinigten Staaten verlangten Informationen übermittelt wurden.“

 

Ich habe zurückgeschrieben und dem Sprecher für die Antwort gedankt, habe aber hinzugefügt: „Ich muss sagen, dass das ohne Not unscharf ist. Warum können Sie nicht einfach sagen, die US-Regierung hat die unmittelbar nach der Tragödie von Minister Kerry erwähnten Radardaten zur Verfügung gestellt? Oder dass die US-Regierung Satellitenbilder vor und nach dem Abschuss zur Verfügung gestellt hat? Warum diese indirekte und unpräzise Formulierung?...

 

„Ich habe mit den holländischen Familien von Opfern Zeit verbracht, darunter ein Vater mit niederländischer und amerikanischer Staatsbürgerschaft, und ich muss Ihnen mitteilen, dass sie ziemlich beunruhigt sind über etwas das sie Ausflüchte und Verschleppung nennen. Ich würde denen gerne sagen, dass meine Regierung alle relevanten Daten in hilfreicher und rechtzeitiger Weise zur Verfügung gestellt hat. Aber alles was ich erhalte ist indirektes und unpräzises Wortgedrechsel.“

 

Der Sprecher des Außenministeriums schrieb zurück: „Ich verstehe Ihre Frage und auch die Bedeutung der Sichtweise dieser Familien, die durch diese Tragödie so erschüttert wurden. Ich muss jedoch bei meinen unten angeführten Kommentaren bleiben.“

 

Der Propagandawert

 

Dieser Mangel an Nachvollziehbarkeit hat natürlich einen Propagandawert. Hält er doch den weit verbreiteten öffentlichen Eindruck aufrecht, ethnisch russische Rebellen und der russische Präsident Wladimir Putin wären für den Tod der 298 Menschen verantwortlich. Ein Vorverurteilung, die Minister Kerry und andere hochrangige US-Vertreter (und die westlichen Nachrichtenmedien) im Juli 2014 fällten.

 

Nachdem sich dieser Eindruck eingebrannt hatte gab es im offiziellen Washington wenig Interesse, das Rätsel aufzuklären. Vor allem nachdem Beweise auftauchten, dass Elemente des ukrainischen Militärs beteiligt waren. Zum Beispiel haben holländische Geheimdienste (und US Geheimdienste haben das ausdrücklich bestätigt) berichtet, dass am 17. Juli 2014 die einzigen funktionierenden Buk Luftabwehrraketen in der Ostukraine unter der Kontrolle des ukrainischen Militärs standen.

 

In einem holländischen Bericht, der letzten Oktober veröffentlicht wurde, hat der niederländische militärische Nachrichten- und Sicherheitsdienst (MIVD) berichtet, dass die einzigen Luftabwehrwaffen in der Ostukraine, die MH17 in 33.000 Fuß abschießen konnten, im Besitz der ukrainischen Regierung waren.

 

MIVD machte diese Einschätzung im Zusammenhang mit der Erklärung dafür, warum zivile Passagierjets im Sommer 2014 weiter über das Kampfgebiet in der Ostukraine fliegen konnten. MIVD sagte, dass auf der Grundlage von Informationen aus „Staatsgeheimnissen“ bekannt war, dass die Ukraine einige ältere, aber „hochwirksame Luftabwehrsysteme“ besitze. Und „eine Anzahl dieser System war im östlichen Teil des Landes stationiert“.

 

Der Geheimdienst fügte hinzu, dass die Rebellen nicht über die Möglichkeiten verfügten: „Der MIVD wusste vor dem Absturz, dass die Separatisten neben leichter Flakartillerie auch Luftabwehrsysteme mit kurzer Reichweite besaßen (man-portable air-defence systems; MANPADS). Und sie besaßen möglicherweise Lafetten-gestützte Luftverteidigungssysteme mit kurzer Reichweite. Beide Systemarten werden als surface-to-air missiles (SAMs) bezeichnet. Aufgrund ihrer eingeschränkten Reichweite stellen sie für den zivilen Flugverkehr in Reiseflughöhe keine Gefahr dar.“

 

Man könnte zu dem selben Schluss kommen wenn man eine „Regierungseinschätzung“ der USA liest. Herausgegeben vom Direktor der National Intelligence am 22. Juli 2014, fünf Tage nach dem Absturz. Dessen Ziel war es, den Verdacht auf die ethnisch russischen Rebellen und Putin zu lenken, indem man anmerkte, Moskau hätte die Rebellen mit militärischem Gerät beliefert. Aber interessanterweise stehen Buk Luftabwehrraketen nicht auf ihrer Liste. Mit anderen Worten: bei dem Versuch, die Rebellen und Putin zu beschuldigen, haben es die US Geheimdienste nicht geschafft, den Rebellen ein funktionierendes Buk-System in die Hand zu geben.

 

Daher wäre es die logischste Vermutung, dass das ukrainische Militär, das damals im Osten eine Offensive fuhr und eine russische Invasion befürchtete, seine Buk-Systeme an die Front brachte und eine undisziplinierte Mannschaft eine Rakete auf ein vermeintlich russisches Flugzeug abschoss und versehentlich MH17 abschoss.

 

Das wurde mir im Grunde von einer Quelle mitgeteilt, die im Juli und August 2014 von US Geheimdienstanalysten unterrichtet wurde. (Lesen Sie zum Beispiel in Consortiumnews: „Das Abschussszenario von Flug 17 verändert sich“ oder „Die Gefahr, dass MH17 zu einem ungelösten Kriminalfall wird“)

 

Aber die Ukraine ist ein führendes Mitglied in der von Holland geführten „gemeinsamen Untersuchungskommission“ (JIT). Dort hat man den Fall MH17 untersucht und bisher leidet die Untersuchung an einem Interessenskonflikt. Denn der Ukraine wäre es lieber, dass die Wahrnehmung der Weltöffentlichkeit zu MH17 weiter Putin beschuldigt. Zu den Vereinbarungen von JIT gehört, dass jeder der fünf Hauptteilnehmer (Niederlande, Ukraine, Australien, Belgien und Malaysia) eine Herausgabe von Informationen blockieren kann.

 

Das Interesse, Putin weiterhin in der Propagandadefensive zu halten, wird von der Obama-Regierung geteilt. Man hat die Empörung über die MH17-Toten dazu benutzt, die Europäische Union zur Verhängung von Sanktionen gegen Russland zu nötigen. (Anm.d.Ü.: etwas OT, aber wichtig: die Sanktionen bleiben solange bis Russland die „Besetzung der Krim“ beendet. Ganz frisch aus Washington)

 

 Im Gegensatz dazu würde ein Freispruch Russlands und eine Beschuldigung der Ukraine das sorgfältig gezimmerte Propagandamärchen zerstören, Putin und die russischen Rebellen seien die Schurken und die von den USA unterstützte Regierung der Ukraine sei die Gute. Seit der Machtübernahme nach dem Putsch, der am 22. Februar 2014 den gewählten, Russland-freundlichen Präsidenten Viktor Yanukowitsch stürzte.

 

Anschuldigungen gegen Russland wurden auch von Propaganda-Webseiten verbreitet. Zum Beispiel der britischen Bellingcat-Seite, die in Zusammenarbeit mit den westlichen Mainstreammedien weiterhin mit dem Finger auf Moskau und Putin zeigt – während die holländischen Ermittler eine Entscheidung in die Länge ziehen und sich weigern, etwas bekanntzugeben das den Fall aufklären könnte.

 

Brief an die Familienangehörigen

 

Der vielleicht detaillierteste – aber immer noch schwammige – Zwischenbericht zu der Untersuchung stammt vom Chefankläger des JIT, Fred Westerbeke, an die holländischen Familienangehörigen. Der Brief gibt zu, dass die Ermittler „Primärradardaten“ vermissen. Sie könnten zeigen ob eine Rakete oder ein Militärflugzeug in der Nähe von MH17 war.

 

Die ukrainischen Behörden behaupten, die Primärradaranlagen wären zu Wartungszwecken abgeschaltet gewesen und nur das Sekundärradar (welches Zivilflugzeuge erfasst) hätte zur Verfügung gestanden. Russische Vertreter behaupten, ihre Radardaten würden nahelegen dass ein ukrainisches Jagdflugzeug mit einer Luft-Luft-Rakete auf MH17 gefeuert haben könnte. Eine Möglichkeit die schwer auszuschließen ist wenn keine Primärradardaten ausgewertet werden können. Und die gibt es bisher nicht. Analoge Primärradardaten könnten auch eine vom Boden abgeschossene Rakete entdecken, schrieb Westerbeke.

 

„Analoge Primärradardaten könnten auch Informationen über den Kurs der Rakete liefern“, schreibt Westerbeke in seinem Brief. „Bisher besitzt das JIT diese Informationen nicht. JIT hat ein Mitglied der ukrainischen Flugverkehrskontrolle und einen ukrainischen Radarspezialisten befragt. Sie haben erklärt warum in der Ukraine keine Radardaten aufgezeichnet wurden.“ Westerbeke sagte, die Ermittler würden auch nach den russischen Daten fragen.

 

Westerbeke fügte hinzu, das JIT besäße „keine Videos oder Filme über den Start und den Kurs der Rakete“. Und die Ermittler hätten auch keine Satellitenfotos des Raketenstarts.

 

„Der Bewölkungsgrad zum Zeitpunkt des Abschusses von MH17 verhinderte nützliche Bilder vom Abschussort“, schrieb er. „Es gibt Bilder kurz vor und kurz nach dem 17. Juli und sie sind Teil unserer Untersuchungen.“ Geheimdienstquellen zufolge zeigen Satellitenfotos mehrere Buk-Systeme des ukrainischen Militärs in der Gegend.

 

Warum die Erkenntnisse der Untersuchungskommission so ungenau sind, das wurde zu ein weiteres Rätsel in „MH17 – wer war's?“. Bei einem Auftritt am 20.Juli 2014 in „Meet the Press“ von NBC, drei Tage nach dem Absturz, verkündete Minister Kerry: „Wir haben die Bilder vom Raketenstart. Wir kennen die Flugbahn. Wir wissen wo sie herkam. Wir kennen den Zeitpunkt. Und genau zu dem Zeitpunkt verschwand dieses Flugzeug vom Radar.“

 

Aber diese Daten der USA wurden nie veröffentlicht. In seinem Brief schrieb Westerbeke: „Die amerikanischen Behörden sind im Besitz von Daten, sie stammen von ihren eigenen Geheimdiensten, sie könnten Informationen über die Flugbahn der Rakete liefern. Diese Informationen wurden in geheimer Sitzung dem (niederländischen) MIVD mitgeteilt.“ Westerbeke merkte noch an, dass diese Informationen vielleicht als Beweise in einem strafrechtlichen Verfahren zur Verfügung gestellt werden könnten, in einem „Amtsbericht“ oder einer „offiziellen Erklärung“.

 

Und trotz der US-Daten sagt Westerbeke, der Abschussort bleibe ungewiss. Letzten Oktober grenzte das Dutch Safety Board die wahrscheinliche Abschussbasis auf ein 320 km² großes Gebiet ein, teils unter Regierungskontrolle, teils unter der Kontrolle der Rebellen. (Die Flugsicherheitsbehörde hat nicht den Auftrag herauszufinden wer die tragische Rakete startete.)

 

Dagegen hat Almaz-Antey, der russische Hersteller des Buk-Systems, seine eigenen Experimente durchgeführt um den möglichen Abschussort herauszufinden und hat ihn auf ein wesentlich kleineres Gebiet um die Ortschaft Zaroshchenskoye eingegrenzt, etwa 20 km westlich des Gebiets der Sicherheitsbehörde und unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung.

 

Westerbeke schrieb: „Analoge Primärradardaten und die geheimen amerikanischen Informationen sind nur zwei der Informationsquellen zur Bestimmung des Abschussortes. Es gibt mehr. Das JIT sammelt Beweise auf Grundlage abgehörter Telefongespräche, die Ortsbestimmung der Telefone, Fotos, Zeugenaussagen und technische Berechnungen der Raketenflugbahn. Die Berechnungen werden in den Labors der nationalen Luft- und Raumfahrt durchgeführt, auf Grundlage der Position von MH17, dem Schadensbild des Wracks und der speziellen Charakteristik der Raketen. Das JIT führt weitere Untersuchungen durch, zusätzlich zu den Untersuchungen der niederländischen Flugsicherheitsbehörde. Aufgrund dieser Quellen bekommt JIT ein immer deutlicheres Bild des genauen Startplatzes. Wir erwarten in der zweiten Jahreshälfte genaue Ergebnisse.“

 

Währenddessen mauert die US-Regierung bezüglich einer Anfrage von Thomas J. Schansman, dem Vater von Quinn Schansman, dem einzigen amerikanischen Todesopfer an Bord von MH17. Minister Kerry solle die US-Daten veröffentlichen, die Kerry öffentlich zitierte.

 

Quinn Schansman, der eine holländische und eine amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, ging am 17. Juli 2014 zusammen mit weiteren 297 Menschen an Bord von MH17 für den Flug von Amsterdam nach Kuala Lumpur. Der 19-jährige wollte zu Ferien mit seiner Familie nach Malaysia fliegen.

 

In einem Brief an Kerry mit Datum 5. Januar 2016 zitiert Thomas J. Schansman die Worte Kerrys bei einer Pressekonferenz am 12. August 2014. Da sagte der Außenminister über die mutmaßlich für den Abschuss des Flugzeuges verantwortliche Buk-Rakete: „Wir haben den Start gesehen. Wir haben die Flugbahn gesehen. Wir sahen die Detonation. Wir sahen wie der Passagierjet von den Radarschirmen verschwand. Es gibt also überhaupt kein Geheimnis darum, wo sie herkam und woher diese Waffen kamen.“

 

Obwohl US Botschaftsangehörige in den Niederlanden darauf hingewiesen haben, dass Kerry persönlich die Anfrage beantworten würde, sagte mir Schansman diese Woche, dass er noch keine Antwort von Kerry erhalten habe.