https://www.theburningplatform.com/2017/08/02/quote-of-the-day-753/

 

Orwell oder Huxley?

 

Zitat von Neil Postman zu seinem Buch: „Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“

 

 

Wir haben 1984 im Auge behalten. Als das Jahr kam, und die Prophezeiung nicht eintrat, da haben sich umsichtige Amerikaner selbst auf die Schultern geklopft. Die Grundfeste der liberalen Demokratie haben standgehalten. Wo auch immer sonst der Schrecken passierte, so wurden zumindest wir nicht vom Orwellschen Albtraum heimgesucht.

 

Aber wir hatten vergessen, dass es neben Orwells düsterer Vision eine weitere gab – etwas älter, etwas weniger bekannt, aber ebenso schaurig: Aldous Huxleys Schöne Neue Welt. Im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Glauben, sogar unter den Gebildeten, haben Huxley und Orwell nicht die selben Dinge prophezeit. Orwell warnte, dass wir von einer von außen auferlegten Unterdrückung überwältigt würden. Aber in Huxleys Vision braucht es keinen Big Brother, um den Menschen ihre Selbständigkeit, ihre Mündigkeit und Geschichte wegzunehmen. Nach seiner Ansicht würden die Menschen ihre Unterdrückung lieben und die Technologien vergöttern, die ihre Fähigkeit zum Denken ausschalten.

 

Orwell fürchtete jene, die die Bücher verbieten wollten. Was Huxley fürchtete war, dass es keinen Grund mehr gäbe Bücher zu verbieten, weil niemand mehr sie lesen wollte. Orwell fürchtete jene, die uns die Informationen vorenthalten würden. Huxley fürchtete jene, die uns so viel davon geben würden, dass wir zu Passivität und Egoismus reduziert würden. Orwell fürchtete, dass man die Wahrheit vor uns verbergen würde. Huxley fürchtete, dass die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten ertränkt würde. Orwell fürchtete, dass wir eine gefangene Kultur werden würden. Huxley fürchtete, wir würden eine belanglose Kultur werden, beschäftigt mit so etwas wie den 'feelies'' (Anm.d.Ü.: Aldous Huxley beschrieb in seiner Anti-Utopie Schöne Neue Welt (1932) die Feelies als zukünftige illusionistische Kinoform – plastisches Raumbild, synthetische Ton- und Geruchsorgeleffekte, Tasteffekte. ), dem orgy porgy (Anm.d.Ü.: in etwa: Drogen, Tanzen und Gruppensex) und dem Centrifugal Bumblepuppy (Anm.d.Ü.: ein Kinderspiel). Wie Huxley in seinem Buch Brave New World Revisited (1958) anmerkt, haben die bürgerlichen Libertären und Rationalisten, die ständig auf der Hut sind um Tyrannei zu bekämpfen, 'nicht bedacht, dass der Mensch einen nahezu unersättlichen Appetit auf Ablenkung besitzt'. In 1984 gibt Orwell zu Bedenken, dass die Menschen durch das Zufügen von Schmerzen kontrolliert werden. In der Schönen Neuen Welt werden sie durch das Zufügen von Vergnügen kontrolliert. Kurzum, Orwell fürchtete, das wir von dem ruiniert werden vor dem wir uns fürchten. Huxley fürchtete, dass wir von dem ruiniert werden was wir uns wünschen.

 

Dieses Buch („Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“) handelt von der Möglichkeit, dass Huxley, und nicht Orwell, recht hatte.“

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Propapanda (Donnerstag, 03 August 2017 08:05)

    Die Frage wer nun "Recht" oder nicht hatte, steht nicht wirklich zur Debatte, beide "Seher" haben in unserer heutigen Gesellschaft eine reale Daseinsberechtigung.

    Dabei sind nur die damaligen Verhältnisse vor dem Zweiten und, als Konsequenz, nach dem Zweiten, weiter gesponnen worden.

    Orwell schrieb mit dem Blick zurück auf faschistoide Diktaturen.

    Huxley schrieb mit dem Blick zurück auf die Roaring Twenties(Dt. Goldene Zwanziger).

    Heute leben die meisten Menschen in westlichen Gesellschaften quasi in Huxley's schöner neuen Welt und sie sehen aufgrund der überbordenden Eindrücke nicht wie sich Orwell immer mehr bewahrheitet.

    Die Wahrheit ist, um eine kriegstreibende faschistoide Diktatur umzusetzen(oder einzuleiten), braucht man beides, sowohl den ma(a)ßlosen Überwachungsstaat á la Orwell, als auch die Ablenkung von selbigen á la Huxley.

    Und das funktioniert ja auch bestens.

  • #2

    Karl G. Kroll (Freitag, 04 August 2017 00:47)

    Vielen Dank für diese Unterscheidung bzw. deren Übersetzung.
    "Ad fontes" gebietet folgenden Hinweis:
    Das Original stammt aus Russland; ich habe es als Hörspiel kennengelernt, und zwar "Wir" von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin.
    Informationen habe ich gefunden unter http://www.hördat.de/index.php:
    "Wir, erstmals veröffentlicht 1924, gilt als Vorläufer der dystopischen Romane Brave New World (1932) von Aldous Huxley und 1984 (1949) von George Orwell. Samjatin beschreibt eine Gesellschaft , in der der "Einzige Staat" das Leben seiner Bewohner nach einheitlichen, rationalen Regeln reguliert. Eine gläserne Welt, in der allen Menschen Nummern anstelle von individuellen Namen zugeordnet werden. (...)"

    Erlaubt sei noch der Hinweis, dass sowohl Orwell als auch Huxley mit genau den Kreisen verbunden waren, die die in ihren Romanen beschriebenen Zustände herbeizuführen bestrebt waren. Sie haben also das Prädikat warnender Seher nicht verdient; vielmehr haben sie mit den Romanfassungen ihr Gewissen erleichtert - dies ist eher als eine Form der Beichte aufzufassen.