https://www.strategic-culture.org/news/2017/08/06/nato-beefs-up-logistics-infrastructure-for-offensive-operations.html

 

Die NATO verstärkt ihre logistische Infrastruktur für offensive Einsätze

 

von Alex Gorka, 06.08.2017 (viele links im Original)

 

 

Einige sehr wichtige Nachrichten werden in den Hintergrund gerückt und das zu Unrecht. Setzt man die Informationsstückchen zusammen, so zeigen sie, dass die Nordatlantische Allianz ganz leise zu einem breit angelegten Kampfeinsatz rüstet. Die Kriegsvorbereitungen sind nicht auf die Stationierung von Waffensystemen und Truppenbewegungen beschränkt, die es in die Schlagzeilen geschafft haben. Kein Kampfeinsatz kann ohne Logistik geführt werden.

 

Die offizielle Webseite der US-Armee informiert darüber, dass die Logistik-Abteilung (ECJ4) des US European Command (EUCOM), andere EUCOM-Abteilungen, NATO-Verbündete und Partner und das Joint Logistics Enterprise (JLEnt) eine nie dagewesene Sicherheitstransformation durchlaufen. Sie gehen von einer Fokussierung auf Sicherheitsüberprüfungen zu einem kriegführenden Kommando über, das als Abschreckung und Verteidigung posiert. Während des Fiskaljahres 2017 wird in 28 gemeinsamen und multinationalen Manövern in 40 europäischen Ländern die Aufstockung von vier multinationalen Kampfgruppen der NATO Enhanced Forward Presence (eFP) im Baltikum und sich überlappende Stationierungen rotierender Kampfbrigaden und Fliegergeschwader getestet, ausgewertet und den Machbarkeitsbeweis dieser Infrastruktur und Investitionen in organische Fähigkeiten erbringen.

 

Das NATO-Manöver Saber Guardian 17, eine von der US Army Europe geführte multinationale Übung, fand vom 11.-20. Juli 2017 mit 25.000 Truppen und Streitkräften aus 24 Ländern in Bulgarien, Ungarn und Rumänien statt. Das Ereignis zeigt den gestiegenen Umfang und die Komplexität der Kriegsspiele.Die Übungen fanden vor dem Hintergrund der diesjährigen rotierenden Stationierung von mehr als 4.500 Soldaten in den baltischen Ländern Litauen, Lettland und Estland sowie Polen statt. Soldaten des 2. Kavallerieregiments agieren bereits etwa 100km vor der polnischen Grenze zur russischen Militärenklave Kaliningrad als Abschreckungskräfte.

 

US-Armee Generalleutnant Ben Hodges, der Kommandeur der US-Armee in Europa, zitierte die Lehren aus der Trainingsmission und betonte in einem Interview die Wichtigkeit der NATO-Logistik. Nach seinen Angaben sind Fortschritte zu erkennen, aber es bleibe noch viel zu tun, um die Bewegung militärischen Geräts und von Truppen quer durch Europa im Falle einer echten Krise zu erleichtern. Und Deutschland könnte dabei eine bedeutende Rolle spielen. Hodges merkte an, dass Berlin als Teil seiner Offerte für eine Erhöhung der Militärausgaben von etwa 1,2% des BIP auf das 2%-Ziel der NATO den Zugang zur Eisenbahn garantieren könnte.

 

Der Militärführer betonte die Wichtigkeit der Schaffung einer freien Transitzone für das Militär nach dem Modell des Schengen-Abkommens von 1996, um freie Truppenbewegungen über die Grenzen der europäischen NATO-Mitglieder zu ermöglichen.

 

Währenddessen sind Bauarbeiten im vollen Gang, die es Polen ermöglichen werden, einsatzbereite Kräfte der 33. Air Base auf einem polnischen Fliegerhorst aufzunehmen. Powidz, ein Dorf mit 1.000 Einwohnern, wird zu einem strategisch wichtigen Knotenpunkt der NATO für das Baltikum und Nordeuropa. Die Pläne beinhalten die Lieferung von militärischen Fahrzeugen, Ausrüstung, Artillerie und Personal für mehr als eine Brigade. Im April hat es Generalleutnant Ben Hodges als das „Zentrum des Schwerpunkts“ bezeichnet.

 

Über die nächsten zwei Jahre werden $70 Mio. für 77 militärische Infrastruktur- und Verbesserungsprojekte für Einsätze der US-Armee und der US Air Force ausgegeben. Zusätzliche $200 Mio. an NATO-Geldern werden für das US Army Corps of Engineers ausgegeben um Lagerplatz und Lagerhallen in Powidz zu errichten. Die zunehmende Bedeutung Polens ist das Ergebnis mehrerer Faktoren, sagte Hodges, darunter die geographische Lage und bestehende Stützpunkte, etwa die NATO-Einheit der Verstärkten Vornepräsenz im Nordosten des Landes. „Bei jedem Notfall mit dem wir es zu tun bekommen, werden wir höchstwahrscheinlich durch Polen kommen“, sagte er.

 

General Curtis M Scaparotti, der Chef des USEUCOM, plant für eine Erweiterung der militärischen Präsenz in Europa, die irgendwann eine ganze Division der US-Armee beinhaltet. Wenn das geschieht, selbst auf rotierender Basis, so braucht die Armee wahrscheinlich noch mehr Stützpunkte zur Stationierung der Kräfte.

 

Im Mai verkündete die US Army Europe, dass man in Poznan, Polen, ein neues taktisches Hauptquartier errichtet habe. Ziel sei die Verbesserung des Einsatzkommandos für rotierende US-Streitkräfte und der der US-Armee in Europa zugeteilten Einheiten, die Einsätze durchführen, wo es zuvor keine signifikante militärische Präsenz gegeben hat.

 

Polen liegt also im Zentrum der Infrastruktur-Bemühungen, aber die Pläne reichen viel weiter. Die estnische Stadt Tapa, die an einer wichtigen Eisenbahnkreuzung liegt, ist weniger als 150km von der russischen Grenze entfernt. Sie wurde zur Basis für eine Kampfgruppe der NATO, gemäß dem Konzept der Verstärkten Vornepräsenz (eFP), die auf dem NATO-Gipfel 2016 in Warschau beschlossen wurde. Es sieht die Stationierung multinationaler Kampfgruppen in jedem der drei baltischen Länder und in Polen vor.

 

General Sir Nicholas Patrick „Nick“ Carter, der Befehlshaber der britischen Armee, sagte als Chef des Generalstabs: „Wir würden sehr gerne die Landleitungen der Kommunikation von unseren zunehmenden Basen in Deutschland bis ins Baltikum testen und wir würden vor allem gerne testen, was passieren würde wenn man Verstärkungskräfte dazunimmt – die unverkennbare Ausrüstung, die geeignet ist um zu zeigen, wie man verstärken sollte und um zu verstehen was passieren würde.“ (Anm.d.Ü.: In Anlehnung an Monty Python möchte ich Sir Nick als „minister of silly talk“ bezeichnen...)

 

2016 schlossen Polen und die baltischen Staaten ein Abkommen, das Polen, Finnland und die baltischen Staaten mit dem vereinheitlichten Trans-European Transport Network (NRA) verbindet, das für die Verteidigung der baltischen Länder von großer Bedeutung sein wird. Eine durchgehende Eisenbahnverbindung namens „Rail Baltica“ von Tallinn nach Warschau, über Kaunas (Litauen) und Riga (Lettland) wird für die NATO erhebliche logistische Folgen haben.

 

Thomas Durell Young, ein Programmmanager der Naval Postgraduate School in Monterey, Kalifornien, und Stabsberater der RAND-Corporation, hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Anatomie der post-kommunistischen europäischen Verteidigungseinrichtungen“. Er glaubt, dass die neuen Mitglieder der Allianz – Ungarn, Polen, die tschechische Republik, die drei baltischen Staaten, Bulgarien, die Slowakei und einige der Republiken aus dem früheren Jugoslawien – ihre „untauglichen und alten Logistik-Organisationen“ radikal umwandeln müssen, mit Hilfe der „alten“ Mitglieder der Allianz. Professor Young betont die Wichtigkeit einer Reform, da ein möglicher Krieg mit Russland „nahezu sicher“ in Mittel- oder Osteuropa beginnen wird.

 

Der schnelle Aufbau von logistischer Infrastruktur und einige andere Faktoren, etwa die Militarisierung der skandinavischen Halbinsel, passen in das größere Bild der Kriegsvorbereitungen der NATO in Osteuropa und dem Baltikum. Das sind keine Schritte defensiver Art. Ziel ist es, die Fähigkeit zu erlangen, substantielle Streitkräfte in die Gebiete nahe der russischen Grenzen zu verlagern und sich für offensive Operationen in einem bewaffneten Konflikt vorzubereiten.

  

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