https://medium.com/@caityjohnstone/learning-to-fly-my-take-on-humanity-in-general-31367193a627

 

Learning To Fly – meine Ansicht über die Menschheit im Allgemeinen

 

von Caitlin Johnstone, 03.10.2017

 

 

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte bei einer Massenschießerei in Las Vegas. Zuletzt hörte ich von 58 Toten, aber bei so vielen Verwundeten wird diese Zahl fast sicher steigen. Die spanische Regierung greift in Katalonien Unabhängigkeitswähler an und Tom Petty ist entweder tot oder liegt im Sterben.

 

Ich weiß echt nicht, was ich dazu sagen soll.

 

 

Der Vegas-Schütze war ein alter weißer Mann namens Steve, anscheinend, und sonst weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr über ihn. Menschen von allen Seiten versuchen, dieses winzige Stück Information dazu zu benutzen, irgendwelche politischen Argumente vorzubringen, aber die meisten Menschen fragen sich ganz einfach, was zum Teufel mit dieser Gesellschaft nicht stimmt.

 

Ein Mensch zu sein ist schräg, Mann. Tage wie dieser machen es noch schräger. Man kommt aus dem Mutterleib, ahnungslos und schreiend, ein paar Erwachsene bringen einem bei, was sie von Erwachsenen gelernt haben, die vor ihnen da waren und bevor man sich umsieht läuft man auf seinen Hinterbeinen herum, angetrieben vom Geschlechtstrieb und mit einem Studienkredit belastet. Und dann erzählen dir Moderatoren im Fernsehen: „Heh, manchmal drehen Menschen durch und schießen auf Hunderte andere Menschen und wir wissen echt nicht warum oder wie wir das beenden können.“

 

Man wird nach seinem ersten Tag hier auch nicht viel weniger ahnungslos und wird diese ersten, orientierungslosen Schreie nie wirklich los. Es stellt sich heraus, dass unser neu entwickeltes Primatengehirn extrem nützlich ist, um Dinge zu tun wie Krankheiten zu heilen und eine Waffe zu konstruieren, die viele Kugeln mit rasender Geschwindigkeit abfeuern kann. Aber für die Beantwortung der großen Fragen des Lebens ist es nicht arg hilfreich.

 

Was tun wir hier? Worum geht es eigentlich? Warum erfahre ich etwas anstelle von nichts, und wie soll ich darauf reagieren? Unsere Gattung hat die Fähigkeit zum abstrakten Denken nicht dazu entwickelt um solche Fragen zu beantworten, sondern um uns beim Überleben zu helfen und andere konkurrierenden Organismen zu überflügeln.

 

Und dabei waren wir erstaunlich erfolgreich. Unsere alten nichtmenschlichen Raubtiere sind ausgestorben oder nahezu ausgestorben, Viren und Bakterien haben es viel schwerer als früher, uns zu töten und wir sind ziemlich gut darin geworden, einen Haufen Nahrung für uns zu produzieren. Das gefährlichste Raubtier, mit dem es irgendein Organismus auf diesem Planeten zu tun bekommt (und das schließt andere Menschen mit ein), ist ein Mensch. Wir sind Primaten – soziale, stammeszugehörige Kreaturen von Natur aus – und wir sind alle in diesen Kolonien zusammengepackt, in denen wir herausfinden müssen, wir wir miteinander auskommen können, damit wir nicht einsam werden, während wir gleichzeitig mit der Realität zurechtkommen müssen, dass wir alle von den gefährlichsten Raubtieren auf dem Planeten Erde umgeben sind.

 

Wie gesagt, Mann. Das ist schräg.

 

 

Ich weiß jetzt nicht auswendig, was das erste fliegende Wesen auf dem Planeten war. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das (für wen auch immer) am Anfang eine ganz leichte Sache war. Diese ganze Sache mit den Flügeln evolutionär hinzubekommen, das muss eine riesige Aufgabe gewesen sein und es dann über unzählige Generationen durch natürlich Selektion zu verfeinern, da jeder, der es nicht auf die Reihe bekam, immer wieder der Schwerkraft zum Opfer fiel. Das muss für alle unangenehm gewesen sein. Der Übergang zum Flügelflug muss eine Zeitlang ziemlich albern gewesen sein.

 

Ich denke, dass wir Menschen uns in einer ähnlich peinlichen evolutionären Übergangsphase befinden. Diese massiven Großhirnrinden entwickelten sich in unseren Schädeln relativ schnell und wie ein pubertierender Junge, der noch nicht herausgefunden hat, wie er seine längeren Gliedmaßen und seine zusätzliche Muskelmasse elegant einsetzen kann, haben wir den Dreh noch nicht ganz heraus. Unsere geistige Kapazität hat uns zur dominanten Art auf dem Planeten werden lassen, aber sie kann unsere Existenz auch so unangenehm werden lassen, dass wir Suchtverhalten entwickeln oder Selbstmord begehen – oder gar mit automatischen Waffen in eine Menschenmenge feuern – in einem verzweifelten Versuch, unsere Schmerzen loszuwerden. Unsere Gehirne sind so weit entwickelt, dass wir sie aus unseren Schädeln blasen können, mit den Waffen, die das Gehirn erfunden hat.

 

Es tut weh, menschlich zu sein. Und deshalb tun wir uns und unserer Umwelt im Grunde so schreckliche Sachen an. Gedanken dominieren unsere Erfahrung, wir werden allgemein zum Autor, Regisseur und Hauptdarsteller der Show, anstatt zu dem nützlichen Werkzeug als das es gedacht war. Wir versuchen, unsere enorme Macht des Denkens zu nutzen, um das Leben so zu manipulieren und zu kontrollieren, damit wir uns wohl fühlen. Aber wir haben unsere Fähigkeit zum Denken nicht dahingehend verändert, dass wir uns Okay fühlen, daher funktioniert es nicht. Wir machen uns mit den Denkmustern, die wir herstellen und mit Glauben durchtränken, immer elender. Und wir verletzen jene, die uns umgeben, umso schlimmer, je größer das Elend wird.

 

Und das ist meiner Ansicht nach die Krux des momentanen Menschheitskampfes: wir sind auf einem Gesteinsbrocken gefangen, mit siebeneinhalb Milliarden der tödlichsten Raubtiere aller Zeiten, und wir versuchen alle, uns gut zu fühlen und scheitern dabei. Auch wenn wir technisch alles besitzen, was wir zum Überleben und Gedeihen als Organismus benötigen, so brüten unsere Gedanken ständig diese unzufriedenen Geschichten über mögliche Gefahren für unser Wohlbefinden aus. Wir versuchen, unsere tödlichen Raubtier-Nachbarn zu kontrollieren und zu dominieren, mit Geld, Macht und Manipulationen, damit wir uns geschützt und sicher fühlen. Und wer bei diesem Spiel der Beste ist, der wird verantwortlich sein. Ganz allgemein: Je mehr man bereit ist, auf anderen Menschen herumzutrampeln, die Umwelt zu zerstören und alles niederzuknüppeln was im Weg ist, desto besser ist man in diesem Spiel.

 

Und aus diesem Grund werden wir heute alle von Soziopathen regiert.

 

 

Was natürlich die nächste evolutionäre Hürde ist, die wir als Spezies überwinden müssen, damit wir diese peinliche Übergangsperiode überleben und nicht wie die Dinosaurier landen. Um der Ausrottung durch nuklearen Holocaust oder ökologischen Selbstmord zu entgehen, müssen wir in nicht allzu ferner Zukunft diese Bereitschaft überwinden, den ganzen Planeten durch einen Holzhäcksler zu jagen, nur damit wir uns gut fühlen. Diese Welt ist zu klein und zu zerbrechlich als dass wir weiter versuchen können, unsere Mitmenschen zu überleben und zu übertrumpfen und damit das Ökosystem, in dem wir uns entwickelt haben. Wir werden stattdessen lernen müssen, mit allen in eine kollaborative Beziehung einzutreten.

 

Aber bevor wir das tun können, muss es zu einem fundamentalen Wandel in der Beziehung unserer Gattung zum Denken kommen. Solange wir all diese aufwühlenden Sichtweisen in unseren Köpfen glauben, die uns mit Gier und Furcht erfüllen, damit wir unser mentales egoistisches Konstrukt schützen und sichern können, solange spielen wir das selbe Spiel, das die Oligarchen spielen und führen unermüdlich Krieg gegen uns selbst und gegen unser Ökosystem. Nur damit wir versuchen, uns gut fühlen.

 

Damit wir uns aus unserer gegenwärtigen, alles mordenden Flugbahn lösen können, müssen wir lernen zu fliegen. Wir werden lernen müssen, wie wir mit unseren Brüdern und Schwestern zusammenleben und mit dem Ausreichenden zufrieden zu sein. Der weitaus größte Teil der menschlichen Kreativität und Erfindungsgabe richtet sich derzeit darauf, auf anderen Menschen herumzutrampeln um weiterzukommen. In Richtung Krieg, Waffen, unnötiger Industrie, Medienmanipulation, Werbung usw. Wir tun das trotz der Tatsache, dass eindeutig genug für alle da ist. Stellt euch vor was wir tun könnten, wenn wir siebeneinhalb Milliarden menschliche Gehirne darauf ausrichten könnten, eine gemeinsame Anstrengung zu unternehmen, die beste Welt für uns alle zu schaffen. Die Tatsache dass das nicht passiert, ist das Einzige, was zwischen unserer gegenwärtigen Zwangslage und dem Himmel auf Erden steht.

 

Ich weiß nicht wie das geschehen kann, ich sehe uns nur sehr schnell auf einen Punkt zusteuern, wo wir alle sterben werden wenn es nicht geschieht. Es ist möglich, dass das durch etwas so Einfaches geschehen könnte wie wenn ein großer Teil der Bevölkerung auf einmal erkennt, dass sie ihr gesamtes Leben lang belogen worden sind. Es könnte so etwas profanes sein wie eine große Offenbarung, die dem Westen zeigt, dass ihre Netzwerke aus Regierung, Medien und Nachrichten zusammengearbeitet haben, um sie über Russland zu belügen. Die Auswirkung der Erkenntnis, dass jeder sie getäuscht hat, dem sie vertraut haben, und dass alles, was sie dachten, dass sie über ihre Regierung, ihre Welt, ihre Gesellschaft und sich selbst wüssten, ein Meer aus Täuschung ist, das könnte genügen, das menschliche Bewusstsein so tief und in einem solchen Ausmaß zu erschüttern, dass die alten Gedankenmuster so weit zerschlagen werden dass sie sich nicht wiederholen.

 

 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Realität nur einen winzigen Lichtblitz braucht, wo sich ein Wort einschleicht, um die Dinge für immer drastisch zu verändern. Wir sind in einer Zeit des „entwickle dich oder stirb“ und die Menschheit war nie mehr bereit für Vernunft als sie heute ist. Es wird nicht viel brauchen, um uns zu einer radikal beispiellosen Denkweise zu bringen, die wir uns im Moment gar nicht vorstellen können. Alles was wir an diesem Punkt als Individuen tun können: so offen wie möglich gegenüber der Wahrheit zu sein, unsere Wahrheit laut und furchtlos auszusprechen und für den Sprung bereit zu sein, wenn die Zeit zum Fliegen gekommen ist. Wenn diese Zeit gekommen ist, dann werden wir herausfinden, in welchem Tom Petty-Song wir uns befinden.

 

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