http://www.unz.com/article/autopilot-wars/

 

Kriege auf Autopilot

16 Jahre – aber wer zählt da schon mit?

 

Von Andrew Bacevich, 08.10.2017

 

 

Beachtet bitte diese beiden unbestreitbaren Tatsachen: Erstens, die Vereinigten Staaten sind heute mehr oder weniger permanent in feindseligen Handlungen nicht nur in einem weit entfernten, sondern in mindestens sieben Ländern engagiert. Zweitens, die große Mehrzahl des amerikanischen Volks schert sich überhaupt nicht darum.

 

Man kann auch nicht behaupten, dass wir uns nicht darum scheren, weil wir nichts davon wissen. Schon richtig, die Regierungsbehörden halten bestimmte Aspekte der fortlaufenden Militäroperationen zurück oder veröffentlichen nur die ihnen genehmen Details. Dennoch sind die Informationen, die das Tun (und das Wo) der US-Truppen beschreiben, leicht verfügbar, auch wenn das in der letzten Zeit unter einem Sperrfeuer präsidialer Tweets verborgen ist. Wen es interessiert, hier die Presseveröffentlichungen des US-CENTCOMS nur von letzter Woche:

 

19.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

20.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

Irakische Sicherheitskräfte starten Offensive auf Hawijah

 

21.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

22.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

23.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

Operation Inherent Resolve Opferzahlen

 

25.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

26.September: Militärschläge gegen ISIS-Terroristen in Syrien und im Irak dauern an

 

Seit die Vereinigten Staaten ihren Krieg gegen den Terror gestartet haben, gab es eine Flut von militärischen Presseveröffentlichungen. Und das ist nur der Anfang. Um Nachträge zu den verschiedenen Feldzügen des US-Militärs zu liefern, erscheinen Generäle, Admiräle und hochrangige Verteidigungsbeamte in schöner Regelmäßigkeit vor den Kongressausschüssen oder informieren die Mitglieder der Presse. Vor Ort bieten Journalisten oftmals Neuigkeiten an, die zumindest einige der Details auffüllen – über zivile Todesopfer zum Beispiel – was Regierungsbehörden lieber nicht aufdecken wollen. Autoren für die Kommentarspalten der Zeitungen und „Experten“ in den Nachrichtensendungen der TV-Sender, darunter eine Menge pensionierter Offiziere, liefern Analysen. Und danach kommen die Bücher und Dokumentationen, die die Dinge in einen breiteren Zusammenhang stellen.

 

Aber die Wahrheit ist: Nichts davon spielt eine Rolle.

 

So wie Verkehrsstaus und automatische Werbeanrufe fallen Kriege in die Kategorie jener Dinge, die Amerikaner zwar nicht mögen, sich aber damit abgefunden haben. Im Amerika des 21. Jahrhunderts ist Krieg keine große Sache.

 

Während seiner Zeit als Verteidigungsminister in den 1960ern hat Robert McNamara einmal darüber sinniert, dass der „größte Beitrag“ des Vietnamkriegs vielleicht gewesen sei, dass er ermöglicht hat, dass die Vereinigten Staaten „in den Krieg ziehen können, ohne damit den öffentlichen Volkszorn auszulösen“. In Bezug auf den Konflikt, der einst allgemein als McNamaras Krieg bezeichnet wurde, hat sich seine Behauptung als grotesk voreilig herausgestellt. Aber ein halbes Jahrhundert später ist sein Wunsch Wirklichkeit geworden.

 

Warum zeigen heute die Amerikaner so wenig Interesse an den Kriegen, die in ihrem Namen und zumindest dem Namen nach für sie geführt werden? Während sich unsere Kriege immer weiter dahin schleppen, warum erweckt die Ungleichheit zwischen Aufwand und Nutzen nicht mehr als vorübergehende Neugier oder milde Äußerungen einer Betroffenheit? Warum – kurz gesagt – kümmert es uns einen … (Kraftausdruck gelöscht)?

 

Vielleicht versetzt uns das Stellen einer solchen Frage sofort in das Reich des Unbeantwortbaren. So wie herauszufinden, warum Menschen Justin Bieber vergöttern, gerne auf Vögel schießen oder im Fernsehen Golf anschauen.

 

Ohne irgendeine Erwartung, unsere kollektive Langeweile tatsächlich zu durchdringen: lasst mich einen Versuch machen zu erklären, warum es uns @#$%&-egal ist! Hier sind acht unterscheidbare, aber sich gegenseitig verstärkende Erklärungen, beginnend mit dem blendend Offensichtlichen und endend mit den eher Spekulativen.

 

Die Amerikaner scheren sich nicht um die andauernden amerikanischen Kriege, weil:

 

1.Die Opferzahlen der USA sind gering. Mit der Verwendung von Stellvertretern und Söldnern und dem starken Gewicht auf die Luftwaffe waren Amerikas Kriegsmanager in der Lage, die Anzahl der getöteten und verwundeten US-Truppen niedrig zu halten. Im Jahr 2017 gab es in Afghanistan zum Beispiel insgesamt 11 tote und verwundete Amerikaner – etwa so viele Tote wie durch Schießereien in Chicago in einer durchschnittlichen Woche. Ja, in Afghanistan, im Irak und anderen Ländern, in denen die USA in Feindseligkeiten verstrickt sind, werden jede Menge Nicht-Amerikaner getötet und verstümmelt. (Die geschätzte Zahl der getöteten irakischen Zivilisten beläuft sich allein in diesem Jahr auf über 12.000) Aber diese Opfer machen so gut wie keinen politischen Eindruck, was die Vereinigten Staaten anbelangt. Solange sich das nicht auf die Militäroperationen der USA auswirkt, zählen sie buchstäblich nicht (und werden im Allgemeinen nicht gezählt).

 

2.Die wahren Kosten von Washingtons Kriegen werden nicht dokumentiert. In einer berühmten Ansprache zum Anfang seiner Präsidentschaft sagte Dwight D. Eisenhower: „Jedes Gewehr, jedes Kriegsschiff das hergestellt wird, jede abgefeuerte Rakete, ist im Endeffekt ein Diebstahl von denen, die hungern und nichts zu essen haben, von denen, die frieren und keine Kleidung haben.“ Dollars, die für Waffen ausgegeben werden, so sagte Eisenhower, sind direkt dafür verantwortlich, dass keine Schulen, Wohnungen, Straßen und Kraftwerke gebaut werden. „Das ist überhaupt keine Art zu leben, in keinster Weise“, sagte er. „Das ist die Menschheit, die an einem eisernen Kreuz hängt.“ Mehr als sechs Jahrzehnte später haben sich die Amerikaner schon lange an dieses eiserne Kreuz gewöhnt. Viele sehen es sogar als einen Segen, eine Quelle für Konzerngewinne, Arbeitsplätze und, natürlich, für Wahlkampfspenden. Und somit wenden sie ihre Augen von den Opportunitätskosten unserer unendlichen Kriege ab. Die Dollars, die für unsere Konflikte nach 9/11 ausgegeben wurden, gehen in die Billionen. Stellt euch vor, was man mit diesen Summen für die Erneuerung unserer Infrastruktur hätte anstellen können. Aber verlasst euch nicht auf unsere Führer im Kongress und andere Politiker, oder jeden anderen, der dieser Verbindung folgt.

 

3.Wenn etwas mit Krieg zu tun hat, dann hören die Amerikaner nicht mehr zu. Andere haben darauf hingewiesen, dass es das Selbe ist wie zur Weihnachtszeit „Rudolph the Red-Nosed Reindeer“ zu hören. Aber es ist es wert, das zu wiederholen: Das amerikanische Volk hat sich verpflichtet, im engsten vorstellbaren Rahmen „unsere Truppen zu unterstützen“, und vor allem dafür zu sorgen, dass eine solche Unterstützung keine Opfer erfordert. Die Kongressmitglieder unterstützen diese zivile Gleichgültigkeit und unternehmen gleichzeitig Schritte, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Im Grunde sind sich die Bürger und ihre gewählten Repräsentanten in Washington einig: die Truppen zu unterstützen bedeutet, dem Oberbefehlshaber zu folgen, ohne zu fragen, ob das, was er mit den Truppen macht, irgendeinen Sinn ergibt. Ja, wir stellen unser Bier zur Seite und applaudieren denen in Uniform und buhen jene aus, die sich weigern, bei den vorgeschriebenen Ritualen des Patriotismus mitzumachen. Was wir nicht verlangen: irgendetwas zu verlangen, das nur im Entferntesten einer wirklichen Rechenschaft gleicht.

 

4.Terrorismus wird künstlich stimuliert und stimuliert und noch mehr stimuliert. Während der Terrorismus kein belangloses Problem ist (und Jahrzehnte vor 9/11 nicht war), so stellt er nicht annähernd eine existentielle Bedrohung für die USA dar. Ja, andere Bedrohungen wie die Auswirkungen des Klimawandels stellen für das Wohlbefinden der Amerikaner eine viel größere Gefahr dar. Seid ihr besorgt über die Sicherheit eurer Kinder und Enkel? Die Opiat-Seuche stellt eine unendlich größere Gefahr das als die „islamische Radikalisierung“. Man hat den Bürgern zwar ein schönes Gesetzespaket über den „Krieg gegen den Terror“ verkauft, das für den „Schutz Amerikas“ wichtig ist, aber der gewöhnliche Bürger lässt sich leicht dazu überreden, dass die Verteilung von US-Truppen rund um die Welt und das Abwerfen von Bomben auf die Bösen diesen Krieg zum Erfolg führt und gleichzeitig garantiert, dass wir „geschützt“ sind. Diese Behauptung in Frage zu stellen gleicht der Vorstellung, dass Gott Moses nicht zwei Steintafeln übergeben habe.

 

5.Gebrabbel verdrängt Substanz. Wenn es zur Außenpolitik kommt, dann ist der öffentliche Diskurs in Amerika – um es milde auszudrücken – nichtssagend, geistlos und hirnlos wiederholend. William Safire von der New York Times hat einmal die amerikanische politische Rhetorik als BOMFOG charakterisiert, dass jene, die sich um hohe Ämter bewerben, ständig über die „Bruderschaft der Menschen“ („Brotherhood of Man“) und die „Vaterschaft Gottes“ („Fatherhood of God“) posaunen. Fragt einen Politiker, ob Republikaner oder Demokrat, was er über die Rolle dieses Landes in der Welt denkt, und macht euch auf eine Variante des WOSFAD gefasst. Denn die Redner werden darauf bestehen, dass es unsere Aufgabe als „einzige Supermacht der Welt“ („World's Only Superpower“) ist, „Freiheit und Demokratie“ („Freedom and Democracy“) zu verbreiten. Es werden Begriffe wie Führung und unersetzlich eingeführt, zusammen mit einer Warnung vor den Gefahren des Isolationismus und der Beschwichtigungspolitik, eingehüllt in vage Anspielungen zu München. Eine so grandiose Haltung macht es unnötig, zu tief in die tatsächlichen Ursprünge und Zwecke der amerikanischen Kriege einzudringen, die vergangenen oder die gegenwärtigen, oder die Wahrscheinlichkeit, dass die andauernden Kriege in so etwas wie einem Erfolg münden. Das Hurra-Geschrei ersetzt ernsthafte Gedanken.

 

6.Und überhaupt – wir sind zu beschäftigt. Betrachtet dies als eine Begleitung zum fünften Punkt. Auch wenn die gegenwärtige politische Szene in den USA Figuren wie die Senatoren Robert La Folette oder J. William Fulbright beinhaltet, die schon vor langer Zeit vor den Gefahren einer Militarisierung der US-Politik gewarnt haben, so haben Amerikaner womöglich nicht die Fähigkeit, sich solchen Kritiken zu widmen. Auf die Herausforderungen des Informationszeitalters zu antworten, ist für tiefe Gedankengänge nicht förderlich, so stellt sich heraus. Wir leben in einer Zeit (so sagt man uns), in der das hektische Multitasking zu einer Art Pflicht geworden ist und in der Über-Verplanung schon fast obligatorisch ist. Unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt und mit ihr unser Zeithorizont. Die Dinge, denen wir uns zuwenden, sind jene Dinge, die erst vor Stunden oder Minuten geschehen sind. Aber so wie die große Sonnenfinsternis 2017 – sehr bedeutend und sofort wieder vergessen – werden diese Dinge innerhalb von Minuten oder Stunden von einer anderen Entwicklungen verdrängt, die kurzzeitig unsere Aufmerksamkeit erregt. Ein Resultat ist, dass eine schwindende Anzahl von Amerikanern – jene, die nicht zwanghaft ihre Facebook-Seiten und Twitterkonten checken – noch die Zeit oder die Lust dazu hat, über Fragen nachzudenken wie: Wann wird der Afghanistan-Krieg enden? Warum dauert er schon fast 16 Jahre? Warum kann die feinste Streitmacht der Geschichte nicht gewinnen? Lässt sich die Antwort nicht in 140 Zeichen packen oder in einen fürs Fernsehen gemachten 30-Sekunden-Clip? Tja Schnarchnase, dann wird dir auch niemand zuhören, was du zu sagen hast.

 

7.Wie auch immer, der nächste Präsident wird uns retten. In schöner Regelmäßigkeit geben sich Amerikaner der Fantasie hin, wenn wir nur die richtige Person ins Weiße Haus bringen, dann wird alles gut. Ambitionierte Politiker sind schnell dabei, diese Erwartung auszubeuten. Präsidentenkandidaten kämpfen darum, sich von ihren Konkurrenten zu unterscheiden, aber alle versprechen auf die eine oder andere Weise, reinen Tisch und Amerika Wieder Groß zumachen. Die historische Bilanz gebrochener oder unerfüllter Versprechen und dass sich Präsidenten als Menschen mit Fehlern herausstellen und keine Gottheiten sind, das wird ignoriert. Und Amerikaner – vor allem die Mitglieder der Medien – tun so als würden sie das Ganze ernst nehmen. Die Wahlkämpfe werden länger, teurer, ähneln immer mehr einem Zirkus und werden immer substanzloser. Man möchte meinen, dass die Wahl Donald Trumps eine kritische Überprüfung der überzogenen Erwartungen veranlassen würde, ob ein Präsident alles richtig macht. Stattdessen ist das Loswerden von Trump (Verdunkelung! Korruption! Behinderung! Absetzen!) besonders im Anti-Trump Lager zum bestimmenden Tenor geworden. Dabei wird wenig Wert darauf gelegt, die von den Autoren der Verfassung vorgesehene Balance wieder herzustellen. Der Witz, dass Trump jene Kriege endlos fortführt, die er zuvor rundweg kritisiert hat und sie den Generälen in die Hand gibt, die keine Idee haben wie man sie beendet, das ist ihnen fast komplett entgangen.

 

8.Unser kulturell progressives Militär hat sich größtenteils gegen Kritik immunisiert. Noch in den 1990ern richtete sich das Establishment des US-Militärs auf die rückschrittliche Seite der Kulturkriege aus. Wer kann die Kontroverse um die Schwulen im Militär vergessen, die Bill Clinton in den ersten Wochen seiner Amtszeit gebeutelt hat, als die führenden Kommandeure ihrem Oberbefehlshaber widersprachen? Diese Zeiten sind schon lange vorbei. Kulturell haben sich die bewaffneten Streitkräfte nach links bewegt. Heute scheuen die Streitkräfte keine Mühen, um ein tolerantes Image abzugeben und ein Bekenntnis zur Gleichheit in allen Dingen, die mit Rasse, Geschlecht und Sexualität zu tun haben. Als nun Präsident Trump seinen Widerstand gegen Transgender-Personen im Militär ankündigte und twitterte, dass das Militär „nicht mit den enormen medizinischen Kosten und den Störungen, die Transgender im Militär auslösen würden, belastet werden könne“, da haben hohe Beamte höflich aber bestimmt widersprochen und zurückgerudert. Angesichts der Überlegenheit kultureller Themen, die sich ganz oben auf der politischen Agenda der USA befinden, hilft die Vielfalt des Militärs dabei, es vor Kritik zu isolieren und für eine weniger als ehrenvolle Leistung im Krieg verantwortlich gemacht zu werden. Einfach gesagt: Kritiker, die früher vielleicht militärische Führer für deren Versagen beim erfolgreichen Beenden von Kriegen angegangen wären, halten sich zurück. Dass Frauen eine Ranger-Schule absolvieren und Marines kommandieren, das ist mehr als ein Ausgleich für nicht gewinnen.

 

Eine kollektive Gleichgültigkeit gegenüber Krieg ist zum Wahrzeichen des zeitgenössischen Amerika geworden. Aber erwartet nicht, dass eure Nachbarn oder die Redakteure der New York Times deswegen schlaflose Nächte haben. Schon dass sie das bemerken, würde von ihnen – und von uns – verlangen, dass es sie kümmert.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0