http://thesaker.is/comparing-coups-macrons-is-one-maduros-is-not/

 

Ein Vergleich der „Staatsstreiche“: Der von Macron ist einer, der von Maduro nicht

 

von Ramin Mazaheri, 11.07.2017 (einige links im Original)

 

 

Der größte Staatsstreich von allen ist natürlich der des amerikanischen Tiefen Staats (jetzt zum ersten Mal erhältlich!) gegen Trump.

 

Nach diesem größten Staatsstreich kommt der gegen Mohammed Mursi, denn Ägypten ist mehr als doppelt so groß wie die Ukraine. Sieht so aus als wäre Mursis größtes Problem gewesen, dass sein „islamistischer Staatsstreich“ durch ein Referendum zustande kam und daher gar kein Staatsstreich war. Was Erdogan aus Ägypten gelernt hat war, dass er bei seinem Staatsstreich stark autoritär vorgehen musste. Ich meine, nur nachdem es einen Staatsstreich gegen ihn gegeben hatte...

 

Staatsstreiche kommen heute anscheinend im Dutzend! Im Iran hat es keinen gegeben und wird es auch nicht (um das einmal gesagt zu haben), aber was anscheinend seltener vorkommt sind Ausnahmezustände.

 

Für den Westen sind Staatsstreiche offensichtlich nicht gleicher Natur, und auch nicht die Ausnahmezustände. Seht euch nur Amnesty International an – die heilige, unvergleichliche NGO des Westens. Hier etwas aus ihrem Menschenrechtsbericht 2017:

 

Amnesty beginnt seinen Abschnitt zu Frankreich damit: „Als Antwort auf mehrere Gewaltakte wurde der Ausnahmezustand vier Mal verlängert...“

 

Amnesty beginnt seinen Abschnitt zu Venezuela so: „Die Regierung erklärte den Ausnahmezustand und hat ihn vier Mal verlängert...“

 

Das Problem dabei ist, und das mag unterschwellig sein, dass die süßen, überbewerteten Funktionäre, die das zusammenstellten– mit ihren oh so reinen Herzen und mit so hübschen Gesichtern dass sie jenseits deiner Liga spielen, du Depp – sich entschieden haben, dass Frankreich eine Begründung verdient hat und Venezuela nicht.

 

Darüber hinaus deutet es an, dass der Terrorismus – die Schwarze Bestie des Westens, oder ehrlicher gesagt, ihr Lebensinhalt – genug Rechtfertigung für eine Verlängerung des Ausnahmezustands ist, aber für Venezuelas Situation ist es nicht ausreichend.

 

Für das romantische Frankreich begründen die NGO-Gutmenschen das ohne auf den Kalender zu sehen, auch wenn die Krise in Venezuela jeden dramatisch betrifft, dass es nicht zu 99,9% aus paranoiden Albträumen besteht. Auch wenn die venezolanische Regierung in der Tat versucht, dem einfachen Volk mehr demokratische Macht zu gewähren anstatt ihre Macht auszuweiten.

 

Macrons Ausnahmezustand verdeckt einen sehr reellen Staatsstreich

 

Heute beginnt das französische Parlament eine Aussprache zu einer Reihe von Dekreten, die der neue Präsident Emmanuel Macron und seine Regierung zu Gesetzen machen will (hauptsächlich um das Arbeitsrecht weiter zu entkernen). Die Parlamentarier können nur mit „Ja“ oder „Nein“ stimmen, daher... hat Macron ihre Macht übernommen und wird eigentlich zu einem Teil der Gesetzgebung.

 

Anders gesagt: Der Monarch Macron entscheidet die Arbeitsgesetze für uns Sklaven. Das ist ein Staatsstreich der Exekutive gegen die Legislative.

 

Das ist inakzeptabel. Und das ist, wofür Nicolas Maduros Regierung im Westen verteufelt wird und wofür Macron im Westen nicht genug angeklagt wird. Im Gegenteil, es wird weitaus mehr rationalisiert und ermutigt.

 

Weil sich Macrons Macht technisch gesehen in der Verfassung findet (so wie die von Maduro), sagt das französische Recht, das sei kein Staatsstreich. Aber die Verfassung Frankreichs ist, um es grob auszudrücken, ein Mist. Und aus diesem Grund hat ihr Präsidentschaftskandidat Nummer 4 dieses Jahr 20% der Stimmen bekommen – und sein Hauptplan war die Schaffung einer 6. Republik. (Anm.d.Ü.: Ich denke er spricht von Melonchon)

 

Man kann endlos darüber debattieren, dass die Buchstaben des Gesetzes das gleiche seien wie der Geist des Gesetzes, aber wenn Politiker die angeborenen Schwächen jener Gesellschaft ausnutzen, für die sie gewählt wurden und sie verteidigen und unterstützen sollten, dann ist das Verrat. Macrons Machtaneignung zeigt das absolute Versagen der „modernen“ französischen Demokratie. Aus diesem Grund wollen so viele eine neue, demokratischere 6. Republik.

 

Wofür Maduro beschuldigt wird ist sein Versuch, eine demokratischere Verfassung zu schaffen. Aber damit können wir uns nicht beschäftigen, denn das ist nicht der einzige Staatsstreich des Medienlieblings Macron!

 

Macron hat gerade den Ausnahmezustand zum sechsten Mal verlängert und das wird das letzte Mal sein. Der abstoßende Grund dafür, warum es das letzte Mal sein wird, ist, dass ein durchgesickertes Gesetz zeigt, dass Macron vorhat, alle Sonderrechte der Polizei aus dem Ausnahmezustand in allgemeine Polizeipraxis überzuleiten – „ _________ ohne richterliche Verfügung, wenn die nationale Sicherheit betroffen ist“ (fülle die Lücke aus).

 

Das ist der zweite Teil von Macrons Staatsstreich: Man kann den Innenminister – den „obersten Cop“ oder „Chefankläger“ – nicht auch noch zum „obersten Richter“ machen! Der Interessenskonflikt ist offensichtlich und aus diesem Grund hat nicht einmal der pro-imperialistische Autokrat General De Gaulle die 5. Republik so konstruiert – er ist damit nicht durchgekommen.

 

Wenn Maduro BEIDE Zweige so neutralisieren wollte wie es Macron tut... niemand würde glauben, dass der Westen sich nicht empören würde, mit Armeen, bezahlten Söldnern und putzigen NGO-Funktionären in Gefechtsbereitschaft.

 

Die Amnestys des Westens werden über Macrons doppelten Staatsstreich leise fiepen und dann ihren Unmut wie PC (politisch korrekt)-beleidigte kleine Mädchen an großen, bösen, unromantischen und sozialistischen Finsterlingen wie Venezuela auslassen (für sie gibt es keine Fließband-Liebe!)

 

Das ist der wahre Zusammenhang, den ich leider nicht an die Veröffentlichungen von Amnesty anheften darf: „Der Westen (die von den USA angeführten „5 Eyes Staaten“, die EU und viele ihrer Alliierten) benutzt wiederholt den Terrorismus, um rechtslastige Maßnahmen auf wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene durchzusetzen.“

 

Was Maduro vorschlägt, ähnelt nicht einmal dem was Macron getan hat: Maduros versuchter Staatsstreich richtet sich gegen die Reichen. Und ich sollte verdammt werden weil ich dem auch noch einen Deutungszusammenhang zu geben versuche...

 

Das Umschreiben einer Verfassung – böse. Das Kapern einer Verfassung – gut.

 

Maduros Aufruf zu einem Umschreiben der Verfassung durch eine Verfassungsversammlung im August – was soll daran an sich ungesetzlich oder schrecklich sein?

 

Veränderungen sind Teil des Lebens und auch der Politik – die einzigen Fragen sind die moralische Basis und das Ergebnis dieser Veränderungen. Die venezolanische Regierung wird selbstverständlich ein Referendum zu den Verfassungsänderungen abhalten, wo es demokratisch abgelehnt werden kann – wo um Himmels Willen ist das Problem?

 

Grundsätzlich ist das Problem, dass es im Westen keine Diskussion über Sozialismus geben darf, Punkt. Das ist eine kulturelle Frage im Westen.

 

Die politische Frage lautet: Ist es „anti-demokratisch“, wenn etwas dem Volk mehr Macht verleiht und die Macht der reichen Personen reduziert? Aus der westlichen Sicht auf Demokratie ist so etwas verbannt.

 

Die vorgeschlagenen Veränderungen sind Erfahrungen aus Kuba, wo 50% des Parlaments nicht aus Wahlen kommen, sondern aus Graswurzel- und kommunalen Organisationen stammen.

 

Das ist meilenweit von der viel gepriesenen „Zivilgesellschaft“ entfernt, die die Hälfte von Macrons neuer parlamentarischer Mehrheit ausmacht – lauter Vorstände, Bosse und Lobbyisten.

 

Macrons Parlamentarier sind mit der Elite verbandelt und nicht zu irgendwelchen Graswurzeln, außer denen im Garten ihrer Zweitwohnsitze im Süden Frankreichs. Sie alle sind dafür, dass die Dienstleistungsjobs zur Pflege ihrer Gärten erhalten bleiben, logisch. Aber Gott bewahre, dass diese Arbeiter anständige Löhne erhalten und gesellschaftlich aufsteigen – schließlich ist es schon schwer genug, gutes Personal zu finden!

 

Maduros Vorschlag für eine „sektorale“ Vertretung wird als eine Form der „indirekten Vertretung“ kritisiert, sogar von den Chavistas vom rechten Flügel (angebliche Chavistas, möchte ich meinen). Die unangenehmste Ironie dabei ist, dass die Wahl von Parlamentsmitgliedern auch, nun ja, eine indirekte Vertretung ist.

 

Der lateinamerikanische Sozialismus lehnt diese Form der repräsentativen Demokratie jedoch als demokratisch ungenügend ab, aus den Gründen, die in Frankreich heute so klar zu Tage treten (der Verrat der Sozialistischen Partei durch die Austerität, der Verrat von Macrons Partei, die historische Macht der Legislative nicht zu verteidigen usw.)

 

Der Westen hasst diese venezolanische Idee, denn sie sind nicht für eine direkte Vertretung – sie sind für die Herrschaft über die 99% durch das eine Prozent, das wissen wir alle.

 

Wie immer mit Maduro und seinen Genossen ist der Schlüssel die zwei Seiten dieser wertvollen Medaille: Ein Grundpfeiler Ihrer Art zu regieren ist, sicherzustellen, dass sie nach festen gesetzlichen Prinzipien handeln, aber... sie sind eine erdölreiche, ehemals kolonisierte und stark linke Gesellschaft, die im Kreuzfeuer ausländischer Nationen steht, die zu 100% illegal handeln werden um sie zu zerstören.

 

Maduro und die „schrittweise Revolution“ der bolivarischen Bewegung

 

Kann eine Revolution „schrittweise“ erfolgen? Venezuela ist wahrscheinlich heute das beste Beispiel für diese Frage.

 

Aus diesem Grund verdient Maduro höchste Anerkennung: er verlässt sich offensichtlich auf die Unterstützung der Menschen für die moralischen/politischen Grundsätze des Chavismus, denn er ist gewillt, gesetzlich und methodisch vorzugehen, trotz der wirtschaftlichen und politischen Unruhen.

 

Das Graswurzelmodell Venezuelas entstand – ihr ahnt es – in Kuba. Maduro glaubt, zu Recht oder zu Unrecht bei einem Ölpreis von $50/Barrel, dass Kuba so erfolgreich, normal und unvermeidlich wurde, dass die Menschen bei der Wahl dieses Modells mitmachen.

 

Weiß Maduro aber auch, dass der Westen dieselben Kriegsmethoden gegen ihn anwenden wird, wie sie es noch immer mit Kuba machen? Ich bin mir sicher dass er es weiß und deshalb bewegt er sich – nicht mit revolutionärer Geschwindigkeit, aber er bewegt sich, und die verfassungsgebende Versammlung beginnt am 30.Juli.

 

Der Gedanke, dass Venezuela nicht „in der Verfassung“ sei, ein Verfassungsreferendum abzuhalten, ist purer Nonsens. Die Westler können es nicht auf beide Arten haben: dass das Establishment keinen Pieps über die Gesetzmäßigkeit der Wahlen in Mali 2013 gemacht haben, obwohl das Land mitten in einem Bürgerkrieg steckte und hunderttausende Wähler vertrieben waren. Warum? Weil der neue Präsident Ibrahim Boubacar Keita eine neokoloniale Marionette Frankreichs ist, deshalb. Maduro ist zum Glück für das venezolanische Volk keine Marionette des Westens.

 

Jeder echte Linke hofft, dass die Lebensmittelknappheit und das Inflationsproblem nur zu einem Zorn gegen die reiche Bourgeoisie führt. Und die ist in diesem Fall durch die gegenwärtige Nationalversammlung repräsentiert.

 

Wir erinnern uns: Macrons Mehrheit in der Nationalversammlung wird dafür stimmen, dass Macron die Macht erhält, per Dekret zu herrschen – sie sind dazu bereit, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen! Sie sind dazu bereit, sich selbst zu entmachten, das höchste Organ der Volksvertretung, das dem gemeinsamen/kommunalen Willen Frankreichs zugestanden wird: der Wahlkreis eines Parlamentariers.

 

Sicher, theoretisch kann man erwarten, dass die vom Westen inspirierte Nationalversammlung Venezuelas sich nicht von Frankreichs Nationalversammlung unterscheidet: grundsätzlich wird der Einfluss eines Individuums (eines Politikers) vor einer Gruppe (Graswurzelorganisationen, Gewerkschaften, Kollektive usw.) bevorzugt.

 

Da die venezolanische Opposition so eindeutig pro-westlich ist und so vom Westen unterstützt wird, müssen wir immer daran denken, dass die westliche Vision einer Revolution vollkommen bourgeois ist. Sogar wenn sie gewinnen, gibt es nur die Richtung rückwärts, um das 1% zu schützen.

 

Jede Volksrevolution kann nur von innen geschehen: 1917 gab es keine ausländische Hilfe, 1979 hatte der Iran keine ausländische Hilfe usw. – sie waren erfolgreich, weil sie von der einzigen Gruppe unterstützt wurden die zählt: den Bürgern. Die Opposition zu Maduros Regierung ist jedoch mit unzähligen ausländischen Führern und Organisationen verbunden.

 

Zum Schluss und um es nochmal zu sagen: Maduros Änderungsvorschläge können nur in einem Referendum abgesegnet werden. Daher liegt hier der versuchte Umsturz in Venezuelas Legislative gegen die Exekutive, eine Umkehrung von Macrons Staatsstreich (einem seiner beiden Staatsstreiche).

 

Andere sagen jedoch, dass in Venezuela nicht die Parlamentarier, Lobbyisten und Finanziers die reiche Bourgeoisie seien, sondern die boliburguesia: die hochrangigen Staatsbeamten und die militärische Klasse des Chavismus.

https://en.wikipedia.org/wiki/Boliburgues%C3%ADa

 

Zugegeben: jede sozialistische Revolution muss sich davor hüten, eine reiche bürokratische Kaste zu erzeugen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Jungen in Venezuela auf die älteren Klasse (und damit unvermeidlich die mächtigeren) schauen, das mit den gegenwärtigen Engpässen und der Inflation verbinden und denken: „Das kann ich sicher besser machen“. Das ist alles ziemlich logisch und es stellt eine Gelegenheit dar, eine Gefahr und eine Realität, mit der man fertig werden muss.

 

Mao war das sehr bewusst und er führte die extrem, extrem, extrem missverstandene Kulturrevolution an. Die sah einen Führer im Zenit seiner Macht, der absichtlich weitere Macht verweigerte und sie stattdessen an die Jungen weitergab, um die Ideale der Revolution frisch zu halten. Deshalb gab es Studenten, die sich an macht-trunkenen Lehrern rächten usw.... Und wir sollten festhalten, dass die chinesische Unterstützung für den Sozialismus bis heute ungebrochen ist...

 

Die „schrittweise Revolution“ lässt einen fragen, ob Venezuela mit dieser Realität fertig werden wird. Wir können es die „Jugendfrage“ nennen, die gleich neben anderen wichtigen sozialistischen Fragen steht, etwa der „Nationalismusfrage“. Im kapitalistischen Westen lautet die Antwort auf die „Jugendfrage“: unterjoche sie mit so vielen Schulden wie möglich (Universität, Wohnen) und mache sie zu willigen und permanenten Sklaven.

 

Die UdSSR konnte weder die Jugendfrage noch die Frage zur reichen bürokratischen Klasse beantworten, und ihre boliburguesia schuf einen Schwarzmarkt, eine kapitalistische Schattenwirtschaft, die von Gorbatschow entfesselt, eine der aufgeklärtesten, intelligentesten und inspiriertesten Gesellschaften der Welt auffraß.

 

Aber das theoretische Verständnis ist wichtig, dass die boliburguesia nicht das Hauptproblem in Venezuela sein kann, denn die echte Bourgeoisie wurde nie wirklich aufgelöst: Denn es war schließlich immer nur eine „bolivarische Bewegung“ – Venezuela hatte nie eine echte Volksrevolution, so wie Iran oder die UdSSR, die sie beseitigt hätte.

 

Keine Frage, einige Mitglieder der venezolanischen Nationalversammlung und ihre Unterstützer stecken mit fremden Mächten und reichen ausländischen Kapitalisten unter einer Decke. Die anscheinend korrupten Mitglieder der boliburguesia haben den entscheidenden Vorteil, dass sie wenigstens keine Ausländer sind. Ohne Souveränität gibt es keine Nation, nur Konzerne – das heißt Kapitalismus.

 

Niemand hat behauptet, dass Maduro – aus vielerlei Gründen – eine der effektivsten Regierungen der Welt anführt. Aber er hat wenigstens nach den Regeln gespielt. Nach den Regeln zu spielen verlangt viel Vertrauen in das eigene Volk, daher sollte man Maduro und seine Regierung loben.

 

Aber ich möchte Maduro daran erinnern: Mursis Verfassung wurde in einem Referendum angenommen. Aber schaut euch an, wo er und die ägyptische Demokratie heute sind...

 

Wessen Ausnahmezustand ist brutaler: der Frankreichs oder der Venezuelas?

 

Diese Frage stellen sich vermutlich die Soldaten der syrischen Regierung, wenn sie sich mal entspannen wollen nach einem Tag mit harten Kämpfen...

 

Ja, bei den Protesten in Venezuela sind mehr gestorben als in Frankreich. Aber das kann nicht das Ende der Debatte sein, denn sonst ist sie unvollständig und führt in die Irre.

 

Von den etwa 90 Toten bisher gehen nur etwa 20 auf die Kappe der venezolanischen Sicherheitskräfte, Punkt. Die Pro-Chavismo Arbeiterführer, die Studentenführer, die Sicherheitskräfte und die Demonstranten, die aufgrund der Opposition gestorben sind, haben mit Sicherheit das gleiche oder mehr Gewicht als die Verbrechen der Regierung.

 

Das ist sehr wichtig. Jedoch beharrt der Westen darauf, dass nur der Chavismus gewalttätig ist und die Opposition die Engel sind. Dieses Bild stimmt nicht, und es ist daher moralisch verwerflich und intellektuell unbefriedigend.

 

Und es wurden mehr als 20 Mitglieder der venezolanischen Sicherheitskräfte verhaftet wegen ihrer Taten gegen Demonstranten. In Frankreich wurde bisher nur ein Demonstrant getötet, und der Polizist wurde freigesprochen (so ist das immer hier – und der Demonstrant war sogar weiß, aber was soll's...)

 

Aber die Anzahl der Verhaftungen ist fast identisch: In Venezuela liegt sie bei 3.132 und in Frankreich bei mindestens 2.000 während der Proteste im letzten Jahr.

 

Lasst mich raten: Ihr werdet sagen, ich vergleiche Äpfel mit Bowlingkugeln; oder ich würde nur die Zahlen betrachten (die Statistiken) und nicht die Qualität (die für ein richtiges Verständnis der Statistiken nötig ist).

 

Ich stimme zu – die Situation in Venezuela ist auf beiden Seiten weitaus intensiver: bei der Opposition, der Regierung, den Bürgern, der ausländischen Einmischung usw.

 

Aber ich mache den Vergleich nicht um die Fehler der Regierung reinzuwaschen, sondern um die unverhältnismäßige Antwort der französischen Regierung zu herauszustellen.

 

Amnesty hat letzten Monat berichtet – zu spät und zu wenig, wenn es um westliche Verbrechen geht – dass von den 155 verbotenen Demonstrationen durch Francois Hollande 90% mit den Protesten gegen die Arbeitsgesetze in Verbindung standen (wie viele wurden abgewürgt allein durch die Angst?). Mindestens 650 pro-demokratische Aktivisten wurden unter Hausarrest gestellt. Natürlich wurden von der den Terrorismus rationalisierenden Amnesty die mehr als 4.000 Razzien und Hausarreste nicht mitgezählt... denn das ginge gegen 99% Moslems.

 

Und das ist die im Westen nicht gestellte Frage: Wie lässt sich das alles rechtfertigen, um die Arbeiterrechte einzuschränken um „das Wirtschaftswachstum wiederherzustellen“?!

 

Hier liegt der Hase im Pfeffer. Die venezolanische Regierung scheint wesentlich mehr dazu berechtigt einen Ausnahmezustand zu erklären, auf jeder Ebene, denn sie wurden von Demonstranten nahezu belagert, deren Anführer in der Vergangenheit buchstäblich bewaffnete Umstürze unterstützt haben!

 

Aber Brutalität handelt nicht nur vom Blut auf der Straße, zugegeben. Zehntausende wurden von Schah während der iranischen Revolution umgebracht, aber das hat in Englischer Sprache nie jemand erwähnt. (Natürlich verdient der Iran, so wie Venezuela, keinen erklärenden Zusammenhang...)

 

Wer vorgibt, nichts über psychologische Kriegsführung zu wissen, und auch über deren brutalen, entmenschlichenden und langfristigen Auswirkungen, der lebt hinter dem Mond.

 

Eine legale Polizeistaat-Diktatur zu errichten (die offizielle Bezeichnung für den gegenwärtigen Zustand Frankreichs), die wiederholte Ausweidung der Arbeiterrechte, das Retten der Banker und der Ausverkauf Frankreichs an den Höchstbietenden – all das ist eine psychologische Vergewaltigung des französischen Volkes.

 

Warum? Weil es die Arbeitssicherheit reduziert, das Wohnen, die Bildung, Gesundheit und all die Dinge, die Menschen zum Leben brauchen; das sind die Dinge, die Menschen brauchen, damit sie nicht an den schrecklichen, tierischen Kampf um die Notwendigkeiten denken müssen.

 

Daher kann man nichts anderes sagen, als dass die Menschen in Frankreich gezwungen werden, in einer brutalen psychologischen Gemütsverfassung zu leben.

 

Die Venezolaner stehen vor einer psychologischen Brutalität, weil es Knappheit an Nahrungsmitteln und Gütern gibt. Dieses Problem wird vom Ausland nicht gemildert, sondern es wird verschlimmert. Daher scheint die Einsetzung eines Polizeistaats weitaus mehr gerechtfertigt. Aber dass Frankreich einen Polizeistaat errichtet und ihn permanent machen will?

 

Äpfel und Bowlingkugeln; nicht wenn es um die Antwort der Regierungen geht, aber bei den Ursachen. Und dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied in der Betrachtung durch das westliche Establishment.

 

Maduros Vertrauen in sein Volk ist so grenzenlos wie das Vertrauen Macrons in sich selbst

 

Dass Abstoßendste ist, dass Frankreich um so viel reicher ist als Venezuela. Es ist eine Schande, dass ein so reiches Land mit so vielen Vorteilen so wenig zustande bringt, auch ethisch. Und dann auch noch, der Gipfel, moralische Überlegenheit beansprucht (und das auch noch geglaubt wird, weil sie auch bei der Medienmacht reicher sind).

 

Und aus diesem Grund hassen wir alle die reichen westlichen Menschen – sie haben keinen Sinn für Verantwortung, und auch nicht für Einheit, im individualistischen Westen.

 

Venezuelas Nationalversammlung ist eine überkommene Ausgeburt des aristokratischen Gefühls der Überlegenheit, aber 2017 sind diese Aristokraten nur noch wütend konkurrierende, machiavellische, sich selbst bedienende und narzisstische Menschen. All diese Eigenschaften wurden auch Macron vorgeworfen, der die Frechheit besitzt, sich öffentlich als einen „Präsidenten wie Jupiter“ zu bezeichnen. Diese abschreckende, gottgleiche Bezeichnung seiner selbst sollte Grund genug sein, sofort nach einer echten Demokratie zu rufen...

 

Man kann nicht behaupten dass „alle Politiker gleich“ seien. Maduro hat seine Fehler, aber will er öffentlich gottgleich regieren? Nein, er will, dass ein besseres demokratisches Modell akzeptiert wird.

 

Der Chavismus zeigt ein enormes Vertrauen, indem er so langsam vorgeht. Indem er sich an die Verfassung hält, indem er „politische Gefangene“ freilässt, die vom Ausland unterstützte Staatsstreiche angeführt haben, usw.

 

Wenn wir jedoch eine historische Betrachtung machen, dann verstehen wir genau, dass die Bolivarische Bewegung keine Revolution ist, denn sie folgt Kuba. Kuba war die Revolution. Der Prozess in Venezuela ist einfach Teil des historischen Trends. (Ich habe darüber spekuliert, dass Syrien in gleicher Weise Teil eines historischen Trends ist, der durch die iranische Revolution ausgelöst wurde.)

 

In Wahrheit versucht nur die Opposition in Venezuela eine Revolution gegen die bestehende Ordnung.

 

Die Bolivarische Bewegung mag keine Revolution sein, aber das bedeutet mit Sicherheit nicht, dass sie kein Fortschritt ist. Und es bedeutet nicht, dass die ausländischen und reaktionären Kräfte nicht dagegen kämpfen.

 

Maduro spielt weiter nach den Regeln, um den entrechteten Individuen mehr Macht zu verleihen; Macron bedient sich der Regeln, um mehr Macht an sich zu reißen, auf Kosten des Volks.

 

Staatsstreich“ oder nicht – dazwischen liegen Welten.

 

 

 

Ramin Mazaheri ist der Chefkorrespondent von PressTV in Paris und lebt seit 2009 in Frankreich. Er war Zeitungsreporter in den USA und hat u.a. aus dem Iran, Kuba, Ägypten, Tunesien, Südkoreas berichtet. Seine Arbeit erschien in verschiedenen Magazinen und Webseiten, und auch im Radio und Fernsehen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Samy Yildirim (Freitag, 14 Juli 2017 18:58)

    Dear Mr. Mazaheri,

    Thank you for this article. Please, write one about Mohammad Gholi Majd's book "The Great Famine and Genozide in Persia, 1917-1919". And also of his other books, of course.

    Sincerely, yours

    Samy Yildirim

    Zaandam // North Holland // The Netherlands



  • #2

    FritztheCat (Samstag, 15 Juli 2017 01:41)

    Dear Samy,
    please contact Sami via Facebook. I have no contact with Rami Mazaheri.
    Thank You for visiting my Website.
    Best regards
    FritztheCat