https://www.opednews.com/articles/1/On-the-Beach-2017-by-John-Pilger-History_Military_Threat-170804-233.html

 

Das letzte Ufer 2017

 

von John Pilger, 04.08.2017

 

 

Der US-Kapitän des U-Bootes sagte: „Irgendwann müssen wir alle sterben, früher oder später. Das Blöde ist, dass man nie dazu bereit ist, denn man weiß nie, wann es so weit ist. Nun, jetzt wissen wir es, und wir können nichts dagegen tun.“

 

Er sagte, er würde im September tot sein. Es würde eine Woche dauern bis er stirbt, aber so genau weiß man es nicht. Tiere leben am längsten.

 

Der Krieg war nach einem Monat vorbei. Die Vereinigten Staaten, Russland und China waren die Hauptfiguren. Es ist nicht klar, ob die Sache zufällig oder ein Unfall war. Es gab keinen Sieger. Die nördliche Halbkugel ist jetzt verseucht und ohne Leben.

 

Eine Wolke aus Radioaktivität bewegt sich nach Süden Richtung Australien und Neuseeland, ins südliche Afrika und Südamerika. Bis September werden die letzten Städte, Dörfer und Weiler darniederliegen. Wie auch im Norden werden die meisten Gebäude unberührt bleiben und einige werden noch kurz im elektrischem Licht aufflackern.

 

 

So wird die Welt enden:

nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln.

 

Diese Zeilen stammen von T.S.Eliots Gedicht The Hollow Man am Anfang von Nevil Shutes Roman On the Beach, das mich fast zu Tränen rührte. Das Vorwort auf dem Einband sagt das Selbe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_letzte_Ufer_(Roman)

 

Es wurde 1957 auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs veröffentlicht, als die meisten Schriftsteller geschwiegen haben oder verängstigt waren. Es ist ein Meisterwerk. Zunächst erscheint sie Sprache wie ein braves Relikt; aber nichts was ich über Nuklearkrieg gelesen habe ist so eindringlich wie diese Warnung. Kein Buch ist eindringlicher.

 

Einige Leser werden sich an den Hollywood Schwarz-Weiß-Film mit Gregory Peck erinnern, als Navy-Kommandeur, der sein U-Boot nach Australien steuert um den stillen, formlosen Abgang des letzten Lebens auf Erden abzuwarten.

 

Ich habe On the Beach erst vor kurzem gelesen und grade beendet, als der Kongress sein Gesetz zu einem Wirtschaftskrieg mit Russland beschlossen hatte, der zweit tödlichsten Nuklearmacht der Welt. Für diese irre Abstimmung gab es keine Rechtfertigung, außer das Versprechen zu einem Raubzug.

 

Die „Sanktionen“ sind auch gegen Europa gerichtet, vor allem gegen Deutschland, das von russischem Erdgas abhängig ist und von europäischen Firmen, die mit Russland legale Geschäfte betreiben. Auf dem Kapitolshügel ging es als Debatte durch, und die schwatzhaftesten Senatoren haben keinen Zweifel daran gelassen, dass das Embargo dazu gedacht ist, die Europäer dazu zu zwingen, teures amerikanisches Erdgas zu importieren.

 

Ihr oberstes Ziel scheint Krieg zu sein – echter Krieg. Die Provokationen sind so extrem, dass man nichts anderes daraus folgern kann. Sie sehnen sich anscheinend danach, selbst wenn Amerikaner wenig Ahnung davon haben, was Krieg bedeutet. Der Bürgerkrieg von 1861-65 war der letzte auf ihrem Land. Krieg ist, was die Vereinigten Staaten andern zufügen.

 

Die einzige Nation, die jemals Nuklearwaffen gegen andere Menschen angewendet hat, die seither Dutzende von Regierungen zerstört hat, viele davon Demokratien, und die ganze Gesellschaften in Schutt und Asche gelegt hat – die Millionen Toten im Irak sind nur ein Bruchteil des Gemetzels in Indochina, das Präsident Reagan als „nobles Anliegen“ bezeichnete, und das Präsident Obama in eine Tragödie für das „Außergewöhnliche Volk“ uminterpretierte. Damit hat er nicht die Vietnamesen gemeint.

 

Letztes Jahr habe ich beim Lincoln Memorial in Washington gefilmt und dabei einen Fremdenführer des National Park Service erlebt, der einer Schulklasse aus Teenagern erzählte: „Hört zu,“ sagte er. „Wir haben in Vietnam 58.000 junge Soldaten verloren, und sie sind dafür gestorben, eure Freiheit zu verteidigen.“

 

Mit einem Schlag wurde die Wahrheit ins Gegenteil verkehrt. Es wurde keine Freiheit verteidigt. Die Freiheit wurde zerstört. Ein bäuerliches Land wurde überfallen und Millionen seiner Menschen wurden getötet, verstümmelt, enteignet und vergiftet. 60.000 der Invasoren haben Selbstmord begangen . (Anm.d.Ü.: Gegenwärtig nehmen sich in den USA täglich etwa 22 Veteranen das Leben.) Hört genau zu, ja?

 

An jeder Generation wird eine Lobotomie vorgenommen. Fakten werden entfernt. Geschichte wird herausgeschnitten und durch etwas ersetzt, das das Time Magazine „eine ewige Gegenwart“ nennt. Harold Pinter hat es so beschrieben: „Eine Manipulation der Macht weltweit, die sich als eine Kraft für dass Gute maskiert. Eine brillante, ja schlaue und höchst erfolgreiche Art der Hypnose. Was heißen soll: es ist nie passiert, Nichts ist je passiert. Sogar als es passierte ist es nicht passiert. Es spielte keine Rolle. Es hatte keine Bedeutung.“ (Anm.d.Ü.: siehe Karl Rove)

 

Jene, die sich selbst als Liberale bezeichnen oder tendenziös als „die Linke“ bezeichnen, machen bei dieser Manipulation eifrig mit. Und bei ihrer Gehirnwäsche, die sich heute auf einen Namen reduziert: Trump.

 

Trump ist verrückt, ein Faschist, ein Werkzeug Russlands. Ebenso ist er ein Geschenk für die „liberalen Hirne, die im Formaldehyd der Identitätspolitik eingelegt sind.“ So formulierte es Luciana Bohne denkwürdig. Die Besessenheit mit Trump als Mensch – nicht Trump als Symptom und Karikatur des bestehenden Systems – setzt uns alle einer großen Gefahr aus.

 

Während sie immer noch ihre versteinerte Anti-Russland-Agenda verfolgen, unterdrücken selbstverliebte Medien wie die Washington Post, die BBC und der Guardian den Kern der wichtigsten politischen Story unserer Zeit. Während sie in einem Ausmaß nach Krieg hetzen, wie ich es in meinem Leben noch nicht erlebt habe.

 

Sonst gibt der Guardian seinem Geschwätz, die Russen hätten sich mit Trump verschworen, breitem Raum (das erinnert an das rechte Geschmiere über John Kennedy, der sei ein „sowjetischer Agent“). Aber am 3. August vergräbt die Zeitung auf Seite 16 die Nachricht, der Präsident der Vereinigten Staaten sei gezwungen worden, ein Gesetz des Kongresses für einen Wirtschaftskrieg mit Russland zu unterzeichnen.

 

Im Gegensatz zu jeder anderen Unterschrift Trumps wurde das im Stillen erledigt und mit einem Vorbehalt von Trump persönlich, das sei „eindeutig verfassungswidrig“.

 

Gegen den Mann im Weißen Haus ist ein Umsturz im Gange. Nicht weil er ein ekelhaftes Wesen ist, sondern weil er ständig klar gemacht hat, dass er keinen Krieg mit Russland will.

 

Dieser Funke Verstand, oder simpler Pragmatismus, ist für die „nationalen Sicherheitsmanager“ nicht zu ertragen. Die das auf Krieg, Überwachung, Militarisierung, Drohungen und extremem Kapitalismus basierende System beschützen. Martin Luther King nannte sie die „die heute weltgrößten Lieferanten von Gewalt.“

 

Sie haben Russland und China mit einem Arsenal aus Raketen und Atomwaffen eingekreist. Sie haben Neonazis benutzt, um an Russlands „Grenzmark“ ein instabiles und aggressives Regime einzurichten – über das Hitler einmarschiert ist und den Tod von 27 Millionen Menschen verursacht hat. Ihr Ziel ist die Zerlegung der modernen Russischen Föderation.

 

Im Gegenzug wird von Wladimir Putin unablässig das Wort „Partnerschaft“ benutzt – anscheinend alles was in den Vereinigten Staaten den biblischen Drang zu einem Krieg aufhalten könnte. Die Fassungslosigkeit in Russland hat sich jetzt vielleicht in Furcht und eine gewisse Entschlossenheit verwandelt. Die Russen haben mit ziemlicher Sicherheit Manöver-erprobte nukleare Gegenschläge. Lufteinsatzübungen sind Routine. Ihre Geschichte lehrt sie, bereit zu sein.

 

Die Bedrohung findet gleichzeitig statt. Zuerst Russland, dann China. Die USA haben gerade mit Australien ein großes Manöver namens Talisman Sabre durchgeführt. Sie haben eine Blockade der Malakkastraße und des Südchinesischen See geprobt, durch die Chinas wirtschaftliche Lebensader führt.

 

Der kommandierende Admiral der US-Pazifikflotte sagte, er würde China „wenn nötig“ atomar angreifen. Dass er so etwas in der gegenwärtig aufgeheizten Atmosphäre öffentlich sagt, lässt die Science-Fiction von Nevil Shute langsam zu einer Tatsache werden.

 

Nichts davon steht in den Nachrichten. Keine Verbindung mit der Erinnerung an das Blutgemetzel der Dritten Flandernschlacht vor 100 Jahren. Ehrliche Berichterstattung ist in einem Großteil der Medien nicht mehr willkommen. Schwätzer, auch als Experten bekannt, haben das Sagen. Redakteure sind Manager für Infotainment oder die Parteilinie. Wo es früher das Gegenlesen gab, da gibt es heute die Befreiung durch kreischende Klischees. Journalisten, die nicht mitspielen, bekommen einen Fenstersturz.

 

Für die Dringlichkeit gibt es viele Beispiele. In meinem Film The Coming War on China beschreibt John Bordne, ein Mitglied der Raketenbereitschaftstruppe der US Air Force in Okinawa, Japan während der Kuba-Krise 1962, wie er und seine Kollegen „den Befehl erhielten, alle Raketen aus den Silos abzufeuern.“Die Raketen zielten, nuklear bewaffnet, auf Russland und China. Ein untergebener Offizier stellte das in Frage, und der Befehl wurde schließlich widerrufen – aber nur nachdem Dienstwaffen ausgegeben wurden und sie den Befehl erhielten jeden zu erschießen, der sich „widersetzt“.

 

Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs war die anti-kommunistische Hysterie in den Vereinigten Staaten so groß, dass US-Beamte, die sich zu offiziellen Besuchen in China aufgehalten haben, des Verrats beschuldigt und entlassen wurden. 1957 – das Jahr in dem Shute sein On the Beach schrieb – konnte kein Beamter im Außenministerium die Sprache der bevölkerungsreichsten Nation. Mandarin-Sprachige wurden aufgrund von jener Kritik entlassen, wie wir sie heute aus dem gerade beschlossenen Kongressgesetz hören, das auf Russland zielt.

 

Das Gesetz wurde von beiden Parteien befürwortet. Es gibt im Grunde keinen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern. Die Begriffe „links“ und „rechts“ sind bedeutungslos. Die meisten der neuzeitlichen Kriege Amerikas wurden nicht von Konservativen, sondern von liberalen Demokraten begonnen. (Anm.d.Ü.: Ausnahmen bestätigen die Regel)

 

Als Obama aus dem Amt schied, da hatte er den Vorsitz über einen Rekord von sieben Kriegen, einschließlich Amerikas längstem Krieg und einem beispiellosen Feldzug außergerichtlicher Tötungen – Ermordungen – durch Drohnen.

 

In seinem letzten Jahr hat Obama, der „zögernde liberale Krieger“, nach Angaben des Council on Foreign Relations 26.171 Bomben abgeworfen – pro Stunde drei Bomben , 24 Stunden jeden Tag. Nachdem er sich dafür einsetzte „die Welt von Nuklearwaffen zu befreien“, hat der Friedensnobelpreisträger mehr nukleare Sprengköpfe bauen lassen als jeder andere Präsident seit dem 2. Weltkrieg.

 

Trump ist im Vergleich dazu ein Schlappschwanz. Es war Obama – mit seiner Außenministerin Hillary Clinton an seiner Seite – der Libyen als modernen Staat zerstört hat und die menschliche Flutwelle auf Europa losgelassen hat. Zuhause kannten ihn die Einwanderergruppen als den „Abschieber vom Dienst“.

 

Eine seiner letzten Amtshandlungen als Präsident war die Unterzeichnung eines Gesetzes, das dem Pentagon die Rekordsumme von $618 Milliarden überreicht, was den galoppierenden Anstieg von faschistischem Militarismus in der Regierung der Vereinigten Staaten widerspiegelt. Trump hat das unterstützt.

 

Unter den Details vergraben findet sich die Einrichtung eines „Center for Information Analysis and Response“ (Anm.d.Ü.: „Zentrum für Informationsauswertung und Gegenmaßnahmen“). Dies ist ein Wahrheitsministerium. Es ist dazu beauftragt, eine „offizielle Sichtweise der Fakten“ zu liefern, die uns auf die reelle Wahrscheinlichkeit eines Nuklearkriegs vorbereiten wird – wenn wir es zulassen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Cassandro (Sonntag, 13 August 2017 11:02)

    Danke für diese Übersetzung!

    Müssen wir solche Pamphlete wirklich wieder in Treppenhäusern herunterwerfen, damit sie unters Volk kommen?

    Übrigens: die von Pilger erwähnte Lucia Bohne hat mit ihrem Beitrag (auf counterpunch): "Terror der Entrüstung" etwas ebenfalls Übersetzenswertes geliefert.