https://www.youtube.com/watch?v=6TlcPRlau2Q&t=289s

 

(Anm.d.Ü.: Unbedingt anhören, 27 min die sich lohnen!)

 

2016 Nobel Lecture in Literature Bob Dylan

 

4.Juni 2017, Los Angeles, CA

 

 

Als ich den Nobelpreis für Literatur erhielt, da habe ich mich gefragt, welchen Bezug meine Lieder zur Literatur haben. Ich wollte darüber nachdenken und herausfinden wo die Verbindung liegt. Ich werde versuchen, euch das verständlich zu machen. Das wird sich wahrscheinlich auf Umwegen bewegen, aber ich hoffe, dass sich das was ich sage lohnt und zweckvoll ist

 

Wenn ich an die Anfänge zurückkehren müsste, dann müsste ich wahrscheinlich mit Buddy Holly anfangen. Buddy starb als ich etwa 18 war, und er war 22. Schon vom ersten Mal an als ich ihn hörte, fühlte ich mich ihm ähnlich. Ich fühlte mich verwandt, wie wenn er ein älterer Bruder sei. Ich dachte sogar er sähe mir ähnlich. Buddy spielte die Musik die ich liebte – die Musik mit der ich aufwuchs: Country Western, Rock'n'Roll und Rhythm and Blues. Drei verschiedene Musikstile, die er in eine Gattung verflocht und vermischte. Eine Marke. Und Buddy schrieb Lieder – Lieder mit wunderbaren Melodien und einfallsreichen Versen. Und er hatte eine großartige Stimme – er sang mit mehr als einer Stimme. Er war das Urbild. Alles was ich nicht war aber sein wollte.

 

Ich habe ihn nur einmal gesehen und das war nur ein paar Tage vor seinem Tod. Ich musste hundert Meilen reisen um ihn zu sehen und ich wurde nicht enttäuscht. Er war überzeugend und elektrisierend und eine eindrucksvolle Erscheinung. Ich war nur zwei Meter entfernt. Er war faszinierend. Ich beobachtete sein Gesicht, seine Hände, wie er mit dem Fuß mitklopfte, seine große schwarze Brille, die Augen hinter dieser Brille, die Art wie er seine Gitarre hielt, wie er stand, seinen sauberen Anzug. Alles an ihm. Er sah älter aus als 22. Etwas an ihm schien von Dauer zu sein und er hat mich überzeugt. Und dann geschah plötzlich etwas Unheimliches. Er sah mir direkt in die Augen und er hat etwas übermittelt. Ich wusste nicht was. Und es ließ mich frösteln. Ich glaube, einen oder zwei Tage später stürzte sein Flugzeug ab. Und irgend jemand – jemand den ich noch nie gesehen hatte – gab mir eine Leadbelly-Platte mit dem Song „Cotton Fields“. Und diese Platte hat genau damals mein Leben verändert. Sie hat mich in eine Welt versetzt, die ich nie gekannt habe. Es war als wäre etwas explodiert. Als wäre ich durch die Dunkelheit gewandert und ganz plötzlich wäre die Dunkelheit erleuchtet. Als hätte sich jemand an mir vergriffen. Ich muss die Scheibe hundert Mal gehört haben. Von der Plattenfirma hatte ich noch nie gehört und innen steckte ein Booklet mit Werbung für andere Künstler des Labels: Sonny Terry and Brownie McGhee, The New Lost City Ramblers, Jean Ritchie, Streichergruppen. Ich kannte keine von denen. Aber mir dämmerte, wenn die auf dem Label mit Leadbelly sind, dann müssen sie gut sein und daher musste ich das hören. Ich wollte alles darüber wissen und diese Art Musik machen.

 

Ich spürte noch die Musik mit der ich aufwuchs, aber jetzt hatte ich sie vergessen. Habe nicht mal daran gedacht. Im dem Moment war das lange vorbei. Noch war ich nicht von zuhause ausgezogen, aber ich konnte es kaum erwarten. Ich wollte diese Musik lernen und die Menschen treffen die sie spielten. Schließlich zog ich weg und habe gelernt diese Lieder zu spielen. Sie waren anders als die Lieder im Radio, die ich die ganze Zeit gehört habe. Sie waren lebhafter und näher am Leben. Bei den Songs im Radio hatte ein Künstler vielleicht einen Hit, mit etwas Glück. Aber in der Folk-Welt hatte das keine Bedeutung. Alles war ein Hit. Alles was man brauchte waren gute Zeilen und man musste die Melodie spielen können. Einige dieser Lieder waren einfach, andere nicht. Ich hatte ein natürliches Gespür für die alten Balladen und Country Blues, aber alles andere musste ich von der Pike auf lernen. Und ich spielte vor wenigen Leuten, manchmal nicht mehr als vier oder fünf Menschen im Raum, oder an einer Straßenecke. Man musste ein breites Repertoire besitzen und man musste wissen, wo man was spielt. Einige Lieder waren zart, bei anderen musste man schreien um gehört zu werden. Wenn man den frühen Folk-Künstlern zuhört und ihre Lieder selbst singt, dann lernt man den Dialekt. Man verinnerlicht es. Man singt es als Ragtime Blues, Arbeiterlieder, Seemannslieder aus Georgia, Balladen aus den Appalachen und Cowboy-Lieder. Man hört die feineren Spitzen und man lernt die Details. Man weiß worum es geht. Die Pistole ziehen und sie wieder in die Tasche stecken. Sich durch den Verkehr prügeln, im Dunkeln zu reden. Man wusste dass Stagger Lee ein Schuft war und dass Frankie ein gutes Mädchen war. Man wusste dass Washington eine spießige Stadt ist und man kannte die tiefe Stimme des Propheten Johannes (John the Revelator) und man sah wie die Titanic in einem sumpfigen Bach versank. Und deine Freunde mit dem wilden irischen Streuner und die wilden Kolonial-Burschen. Man hörte die gedämpften Trommeln und leise gespielten Querpfeifen. Man sah wie der lüsterne Lord Donald seiner Frau ein Messer hineinstach und viele deiner Kameraden wurden in weiße Leinentücher gehüllt.

 

Ich hatte alle Dialekte drauf. Ich kannte die Sprache. Nichts war mir zu hoch – die Instrumente, die Techniken, die Geheimnisse, die Rätsel – und ich kannte auch all die verlassen Wege auf denen die Sprache wanderte. Ich konnte alles in Verbindung bringen und mit der Zeitströmung reisen. Als ich begann meine eigenen Songs zu schreiben, da war die Folk-Sprache das einzige Vokabular das ich kannte. Und ich habe sie benutzt. Aber ich hatte noch etwas anderes. Ich hatte Prinzipien und Empfindungen und einen informierten Blick auf die Welt.

 

Und das hatte ich schon eine Weile. Habe das alles auf dem Gymnasium gelernt. Don Quijote, Ivanhoe, Robinson Crusoe, Gullivers Reisen, Eine Geschichte aus zwei Städten und all das – typischer Lesestoff auf dem Gymnasium, der einem einen Blick auf das Leben gab, ein Verständnis für die menschliche Natur und einen Standard um Dinge zu beurteilen.

 

All das habe ich mit mir genommen als ich anfing Lyrik zu komponieren. Und die Themen dieser Bücher haben sich in viele meiner Songs geschlichen, entweder bewusst oder unabsichtlich. Ich wollte Lieder schreiben, die niemand zuvor gehört hat, und diese Themen waren fundamental. Bestimmte Bücher, die ich seither immer bei mir habe, seit ich sie damals im Gymnasium gelesen habe. Ich will euch von dreien von denen erzählen: Moby Dick, Im Westen nichts Neues und die Odyssee.

 

Moby Dick ist ein faszinierendes Buch, ein Buch voll mit hochdramatischen Szenen und dramatischen Dialogen. Das Buch verlangt einem etwas ab. Die Geschichte ist unkompliziert: Der mysteriöse Kapitän Ahab – der Kapitän eines Schiffs mit Namen Pequod – ein Egomane mit einem Holzfuß auf der Suche nach seinem Erzfeind, dem großen weißen Wal Moby Dick, der ihm das Bein genommen hat. Und er verfolgt ihn den ganzen Weg vom Atlantik um Afrika herum bis in den Indischen Ozean. Er verfolgt den Wal auf beiden Seiten der Erde. Es ist ein abstraktes Ziel, nichts Konkretes oder Definitives. Er nennt Moby den Imperator und sieht ihn als die Verkörperung des Bösen. Ahab hat zuhause in Nantucket Frau und Kind und erinnert sich von Zeit zu Zeit an sie.

 

Man ahnt was passieren wird. Die Schiffsmannschaft setzt sich aus verschiedenen Rassen zusammen, und derjenige von ihnen, der den Wal sichtet, bekommt zur Belohnung eine Goldmünze. Jede Menge Symbole der Tierkreiszeichen, religiöse Allegorien, Stereotypen. Ahab trifft andere Wahlfangschiffe und will von deren Kapitänen mehr über Moby erfahren. Haben sie ihn gesehen? Es gibt da auf einem dieser Schiffe diesen verrückten Propheten Gabriel, und der weissagt Ahabs Untergang. Sagt, dass Moby die Inkarnation eines Shaker-Gottes sei, und dass ein jeder Umgang mit ihm in die Katastrophe führt. Er sagt das zu Kapitän Ahab. Der Kapitän eines anderen Schiffs, Käptn Boomer, hat einem Arm an Moby verloren. Aber er toleriert das und freut sich dass er überlebt hat. Er kann Ahabs Rachegelüste nicht akzeptieren. Diese Buch erzählt, wie verschieden Menschen bei der selben Erfahrung auf verschiedene Weise reagieren. Viel Altes Testament, biblische Allegorien: Gabriel, Rachel, Jeroboam, Bildah, Elijah. Auch heidnische Namen: Tashtego, Flask, Daggoo, Fleece, Starbuck, Stubb, Martha's Vineyard.

 

Die Heiden beten Idole an. Manche verehren kleine Wachsfiguren, andere Holzfiguren. Manche beten das Feuer an. Pequod ist der Name eines Indianerstamms. Moby Dick ist eine Seefahrergeschichte. Einer der Männer, der Erzähler, sagt: „Nennt mich Ismael.“ Jemand fragt ihn wo er herkommt und er sagt: „Es ist auf keiner Karte verzeichnet. Echte Orte sind nie verzeichnet.“ Stubb gibt gar nichts eine Bedeutung und sagt dass alles vorherbestimmt sei. Ismael war sein ganzes Leben auf einem Segelschiff. Er nennt die Segelschiffe sein Harvard und Yale. Er hält sich von den Leuten fern. Ein Taifun trifft die Pequod. Käptn Ahab denkt das sei ein gutes Omen. Starbuck hält es für ein schlechtes Omen und denkt daran Ahab zu ermorden. Kaum ist der Sturm vorbei, da fällt ein Crewmitglied vom Schiffsmast und ertrinkt. Eine Vorahnung auf das was kommen wird. Ein pazifistischer Quäker-Prediger, der in Wahrheit ein blutdürstiger Geschäftsmann ist, erzählt Flask: „Einige Männer, die Verletzungen erleiden, werden zu Gott geführt, andere werden in die Bitterkeit geführt.“ Alles wird hinein gerührt. Die ganzen Mythen: die judäo-christliche Bibel, Hindu-Mythen, britische Legenden, der Heilige Georg, Perseus, Herkules – alles Walfänger. Griechische Mythologie, die blutige Arbeit einen Wal aufzuschneiden. Viele Fakten in diesem Buch, geografische Kenntnisse, Walöl – geeignet für die Krönung eines Monarchen – die Patrizierfamilien in der Walfangindustrie. Walöl wird zur Salbung von Königen verwendet. Die Geschichte der Wale, Phrenologie, klassische Philosophie pseudowissenschaftliche Theorien, Rechtfertigungen zur Diskriminierung – alles kommt vor und nichts davon ist wirklich rational. Intellektuelle, Banausen, die Jagd nach Illusionen, die Jagd nach dem Tod, der große weiße Wal, weiß wie ein Eisbär, weiß wie ein weißer Mann, der Imperator, der Erzfeind, die Verkörperung des Bösen.

 

Der schwachsinnige Kapitän, der vor Jahren bei einem Angriff mit einem Messer auf Moby sein Bein verlor. Wir sehen nur die Oberfläche der Dinge. Was darunterliegt können wir auf jede beliebige Art interpretieren. Matrosen laufen auf dem Deck herum und lauschen nach Meerjungfrauen und Haie und Geier folgen dem Schiff. Sie lesen in Totenschädeln und Gesichtern so wie man ein Buch liest. Hier ist ein Gesicht, ich stelle es dir vor. Versuch daraus zu lesen. Tashtego sagt er sei gestorben und wiedergeboren. Seine zusätzlichen Tage sind ein Geschenk. Er wurde jedoch nicht durch Christus gerettet, er sagt er sei von einem Kameraden gerettet worden, noch dazu von einem Nicht-Christen. Er parodiert die Wiederauferstehung.

 

Als Starbuck dem Kapitän sagt, er solle die Vergangenheit ruhen lassen, da blafft der wütende Käptn zurück: „Sprich nicht von Blasphemie, Mann, ich würde die Sonne angreifen wenn sie mich beleidigt.“ Auch Ahab ist ein redegewandter Poet. Er sagt: „Der Weg zu meinem bestimmten Schicksal ist mit Eisenschienen ausgelegt, auf denen meine Seele dahingleiten muss.“ Oder folgende Zeilen: „Alle sichtbaren Objekte sind nichts weiter als papierene Masken.“ Zitierbare poetische Sätze, die unschlagbar sind.

 

Schließlich sichtet Ahab Moby und die Harpunen werden gezückt. Boote werden zu Wasser gelassen. Ahabs Harpune wurde in Blut getauft. Moby greift Ahabs Boot an und zerstört es. Am nächsten Tag sichtet er Moby wieder. Wieder werden Boote zu Wasser gelassen. Moby greift Ahabs Boot erneut an. Am dritten Tag geht ein weiteres Boot verloren. Weitere religiöse Allegorien. Er ist auferstanden. Moby greift noch einmal an, rammt die Pequod und versenkt sie. Ahab verheddert sich in den Harpunenseilen und wird aus dem Boot in sein nasses Grab gerissen. Ismael überlebt. Er treibt auf dem Meer auf einem Sarg. Und das war's ungefähr. Das ist die ganze Geschichte.

 

Dieses Thema und alles was es andeutet, hat seinen Weg in mehr als ein paar meiner Lieder gefunden.

 

So wie auch das Buch Im Westen nichts Neues. In Westen nichts Neues ist eine Horror-Geschichte. Mit diesem Buch verliert man seine Kindheit, seinen Glauben an eine Welt mit Bedeutung und seine Anteilnahme für Individuen. Man ist in einem Albtraum gefangen. Man wird in einen rätselhaften Wirbel aus Tod und Schmerz gerissen. Man verteidigt sich selbst gegen die Auslöschung. Man wird von der Landkarte getilgt. Du warst einmal ein unschuldiger Jugendlicher mit großen Träumen, der Konzertpianist werden wollte. Du hast einmal das Leben und die Welt geliebt, und jetzt schießt du sie in Stücke. Tag für Tag stechen dich Hornissen und Würmer lecken an deinem Blut. Du bist ein in die Ecke gedrängtes Tier. Nirgendwo gehörst du dazu. Der Regen fällt monoton. Diese unaufhörlichen Angriffe, Giftgas, Nervengas, Morphium, brennende Fontänen aus Benzin, man kratzt und schürft nach Essbarem, Grippe, Typhus, Ruhr. Das Leben um dich herum zerfällt und die Granaten pfeifen. Das ist der Abgrund der Hölle. Schlamm, Stacheldraht, Ratten-verseuchte Schützengräben. Ratten, die die Eingeweide toter Männer fressen, Gräben, die mit Unrat und Exkrementen gefüllt sind. Jemand ruft: „He, du da! Bleib da und kämpfe!“ Wer weiß wie lange der Mist noch dauert. Krieg kennt keine Grenzen. Du wirst vernichtet und dein Bein blutet zu stark. Gestern hast du einen Mann getötet und zu seiner Leiche gesprochen. Du hast ihm erzählt: wenn das vorbei ist, dann wirst du dich den Rest deines Lebens um seine Familie kümmern.

 

Wer profitiert hier? Die Führer und Generäle bekommen den Ruhm und viele andere profitieren finanziell. Aber du machst die Drecksarbeit. Einer deiner Kameraden sagt: „Moment mal, wo gehst du hin?“ Und du sagst: „Lass mich in Ruhe, ich bin gleich wieder da.“ Dann gehst du in den Wald der Toten und jagst nach einem Stück Wurst. Du kannst nicht erkennen wie jemand im zivilen Leben irgendeinen Sinn sehen kann. Ihre ganzen Sorgen, ihre Wünsche – du kannst es nicht verstehen. Noch mehr Maschinengewehrfeuer, noch mehr Körperteile hängen über den Drähten, noch mehr Armteile und Beine und Schädel, auf deren Zähnen sich Schmetterlinge niedergelassen haben, noch mehr schreckliche Wunden, Eiter kommt aus allen Wunden, Lungenverletzungen, gasgefüllte Kadaver, und Tote machen würgende Geräusche. Der Tod ist überall. Sonst gibt es nichts. Jemand wird dich töten und deinen Leichnam zum Übungsschießen benutzen. Und die Stiefel. Sie sind dein wertvollster Besitz, aber sie werden bald an den Füßen eines anderen sein. Da kommen die Froschfresser durch den Wald. Gnadenlose Bastarde. Die Granaten gehen zur Neige. „Das ist nicht fair dass sie jetzt schon wieder kommen“, sagst du dir. Einer deiner Kameraden liegt im Dreck und du willst ihn zum Feldlazarett bringen. Ein anderer sagt: „Den Weg kannst du dir sparen.“ „Wie meinst du das?“ „Dreh ihn um und du siehst was ich meine.“

 

Du wartest auf Neuigkeiten. Du verstehst nicht warum der Krieg nicht zu Ende geht. Die Armee ist so knapp mit Ersatztruppen, dass sie junge Kerle einziehen, die militärisch wenig nützen, aber sie werden trotzdem eingezogen, weil ihnen die Leute ausgehen. Krankheit und Erniedrigung haben dein Herz gebrochen. Du wurdest von deinen Eltern betrogen, deinen Lehrern, deinen Pfarrern und sogar von deiner eigenen Regierung. Der General mit seiner gemütlich gequalmten Zigarre hat dich ebenfalls betrogen – und dich in einen Schurken und Mörder verwandelt. Wenn du könntest würdest du ihm eine Kugel ins Gesicht schießen. Und auch dem Kommandanten. Du stellst dir vor, wenn du Geld hättest, dann würdest du eine Belohnung aussetzen für jeden Mann, der ihn um die Ecke bringt, mit allen Mitteln. Und wenn er dabei sein Leben verlieren sollte, dann würde das Geld an seine Erben gehen. Und auch den Oberst, mit seinem Kaviar und dem Kaffee – er ist auch so einer. Verbringt seine ganze Zeit im Offiziersbordell. Auch ihn würdest du gerne gesteinigt sehen. Noch mehr Tommys und Johnnys mit ihrem Whack fo' me Daddy-o und ihrem Whiskey in the Jars. Du hast 20 von ihnen getötet und 20 werden an ihre Stelle treten. Es stinkt in deiner Nase. Du lernst die ältere Generation zu verachten, die dich in diesen Wahnsinn geschickt hat, in diese Folterkammer. Um dich herum sterben die Kameraden. Sterben durch Bauchschüsse, doppelte Amputationen, zerschossene Hüften und du denkst: „Ich bin nur 20 Jahre alt, aber ich könnte jeden töten. Sogar meinen Vater wenn er auf mich los ginge.“

 

Gestern hast du versucht einen verwundeten Meldehund zu retten und jemand rief: „Sei kein Narr!“ Ein Franzmann liegt röchelnd vor deinen Füßen. Du hast ihm einen Dolch in den Bauch gerammt, aber er lebt noch. Du weißt dass du ihn töten solltest, aber du schaffst es nicht. Du hängst an einem echten Eisernen Kreuz und ein römischer Soldat tränkt deine Lippen mit einem Essigschwamm. Monate vergehen. Du bekommst Fronturlaub. Du kannst dich nicht mit deinem Vater unterhalten. Er hatte gesagt: „Wenn du dich nicht einschreibst, dann bist du ein Feigling.“ Mit deiner Mutter auch nicht. Als du gingst, da sagte sie: „Und sei vorsichtig mit den französischen Mädels.“ Noch mehr Irrsinn. Du kämpfst eine Woche, einen Monat und du kommst zehn Meter voran. Und im nächsten Monat geht es wieder zehn Meter zurück.

 

Die ganze Kultur von vor tausend Jahren, die Philosophie, die Weisheit – Plato, Aristoteles, Sokrates – was ist damit passiert? Sie hätte das verhindern sollen. Deine Gedanken wenden sich in die Heimat. Und du bist wieder ein Schuljunge, der unter den hohen Pappeln spaziert. Das ist eine angenehme Erinnerung. Aus den Luftschiffen fallen noch mehr Bomben auf dich. Du musst dich jetzt zusammenreißen. Vor lauter Angst kannst du gar niemanden ansehen, dass etwas Unberechenbares geschehen könnte. Das Massengrab. Es gibt keine anderen Möglichkeiten. Dann bemerkst du die Kirschblüten und erkennst, dass die Natur von all dem nicht betroffen ist. Die Pappeln, die roten Schmetterlinge, die zerbrechliche Schönheit der Blumen, die Sonne – du siehst wie gleichgültig das Ganze der Natur ist. Die ganze Gewalt und das Leid der ganzen Menschheit. Die Natur bemerkt das gar nicht. Du bist so alleine. Dann trifft dich ein Granatsplitter seitlich am Kopf und du bist tot. Du bist ausgeschieden, ausgekreuzt. Du wurdest ausgerottet. Ich habe das Buch hingelegt und geschlossen. Ich wollte keinen weiteren Kriegsroman mehr lesen und habe es auch nie getan.

 

Charlie Poole aus North Carolina hatte ein Lied, dass das alles in sich hat. Es heißt „You Ain't Talking to Me“ und die Worte gehen so:

 

Einmal spazierte ich durch die Stadt und sah in einem Fenster ein Plakat.

Geh zur Armee, sieh die Welt, war was es sagte.

Du wirst spannende Orte erleben, mit einer vergnügten Truppe,

du wirst interessante Leute kennenlernen und lernen wie man auch sie tötet.

 

Oh, du sprichst mich nicht an, du sprichst mich nicht an.

Ich bin vielleicht verrückt und so,

aber ich bin noch bei Verstand.

 

Du sprichst mich nicht an, du sprichst mich nicht an.

Das Töten mit einer Knarre klingt nicht wie das Wahre

Du sprichst mich nicht an.“

 

 

 

Die Odyssee ist ein großartiges Buch, dessen Themen sich in vielen Balladen vieler Liedermacher wiederfinden: „Homeward Bound“, „Green Green Grass of Home“, „Home of the Range“ und auch in meinen Liedern.

 

Die Odyssee ist eine seltsame und abenteuerliche Erzählung über einen erwachsenen Mann, der nach dem Kampf im Krieg nach Hause zurückkehren will. Er ist auf dieser langen Reise in die Heimat und sie ist mit Fallen und Tücken gepflastert. Er ist zu einer Irrfahrt verdammt. Immer wieder verschlägt es ihn aufs Meer und immer geht es knapp her. Riesige Felsbrocken schütteln sein Boot. Er verärgert Leute die er nicht verärgern sollte. In seiner Mannschaft sind Störenfriede. Verrat. Seine Männer werden in Schweine verwandelt und danach werden sie in jüngere, attraktivere Männer zurückverwandelt. Ständig versucht er jemanden zu retten. Er ist ein Reisender, aber er hat viele Aufenthalte.

 

Er strandet auf einer verlassenen Insel. Er findet verlassene Höhlen und er versteckt sich darin. Er trifft auf Riesen die sagen: „Dich fresse ich am Schluss“. Und er entkommt den Riesen. Er versucht nach Hause zu kommen, aber wird von den Winden hin und her gebeutelt. Rastlose Winde, kühle Winde, unfreundliche Winde. Er reist weit und dann wird er wieder zurückgeworfen. Er wird ständig vor dem Kommenden gewarnt. Er berührt Dinge die er nicht berühren sollte. Es gibt zwei Wege, und beide sind schlecht. Beide gefährlich. Auf dem einen kann man ertrinken und auf dem anderen verhungern. Er fährt in die Meerenge mit den schäumenden Wirbeln die ihn verschlucken. Er trifft sechsköpfige Monster mit scharfen Reißzähnen. Blitze schlagen auf ihn ein. Er springt auf überhängende Äste um sich vor einem tosenden Fluss zu retten. Göttinnen und Götter schützen ihn, aber einige andere wollen ihn töten. Er wechselt seine Identität. Er ist erschöpft. Er schläft ein und wird durch Gelächter geweckt. Er erzählt Fremden seine Geschichte. Zwanzig Jahre ist er schon weg. Er wurde irgendwohin fortgetragen und dort zurückgelassen. Kräuter wurden in seinen Wein gemischt. Es war eine schwerer Weg.

 

Auf vielfache Weise sind einige dieser Dinge auch dir passiert. Auch dir hat man Drogen in den Wein gemischt. Auch du warst mit der falschen Frau im Bett. Auch du wurdest von magischen Stimmen verzaubert, von süßen Stimmen mit seltsamen Melodien. Auch du bist so weit gereist und wurdest so weit zurückgeworfen. Und auch du hast knappe Sachen erlebt. Du hast Leute verärgert die du nicht hättest verärgern sollen. Und auch du bist durch dieses ganze Land gezogen. Und auch du hast die bösen Winde gespürt, die einem nichts Gutes wollen. Aber das ist noch nicht alles.

 

Als er nach Hause kommt stehen die Dinge nicht besser. Schufte sind eingezogen und nutzen die Gastfreundschaft seiner Frau aus. Und es sind zu viele. Und obwohl er größer ist als sie alle und der Beste in allem – der beste Zimmermann, der beste Jäger, der beste Tierbändiger, der beste Seemann – sein Mut würde ihn nicht retten, wohl aber seine Listen. Diese ganze Bande wird dafür bezahlen müssen, dass sie deinen Palast entweiht haben. Er wird sich als schmutziger Bettler verkleiden und ein einfacher Diener stößt ihn eine Treppe hinunter, aus Arroganz und Dummheit. Die Arroganz des Dieners macht ihn wütend, aber er kontrolliert seinen Zorn. Er ist einer gegen Hundert, aber sie werden alle fallen, sogar die Stärksten. Er war eine Niemand. Aber schließlich und endlich, als er zuhause ist, da sitzt er bei seiner Frau und erzählt ihr die Geschichten.

 

Nun, was bedeutet all das? Ich selbst und viele andere Komponisten wurden von genau den gleichen Geschichten beeinflusst. Und es kann etwas ganz Verschiedenes bedeuten. Wenn dich ein Song bewegt, dann zählt nur das. Ich muss nicht wissen was ein Song bedeutet. Ich habe alles mögliche in meine Songs hineingeschrieben. Und ich mache mir darüber keine Gedanken – was das alles bedeutet. Als Melville seine ganzen alttestamentarischen und biblischen Bezüge, die wissenschaftlichen Theorien, protestantische Lehren und das ganze Wissen über das Meer und Segelschiffe und Wale in eine Geschichte packte, ich denke nicht, dass er sich darum Gedanken gemacht hat – was das alles bedeutet. Auch nicht John Donne, der metaphysische Dichter, der zu Zeiten Shakespeares lebte und diese Worte schrieb: „The Sestos and Abydos of her breasts. Not of two lovers, but two loves, the nests.“ Auch ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber es hört sich gut an. Und du willst dass sich deine Lieder gut anhören. Als Odysseus in der Odyssee den berühmten Krieger Achilles in der Unterwelt besucht – Achilles hatte ein langes Leben voller Frieden und Zufriedenheit gegen ein kurzes Leben voller Ehre und Ruhm eingetauscht – da sagt Achilles zu Odysseus, das sei ein Fehler gewesen. „Ich bin einfach gestorben, das ist alles.“ Da war keine Ehre. Keine Unsterblichkeit. Und wenn er könnte, dann würde er zurückkehren und auf Erden für einen armen Bauern den einfachen Sklaven machen, anstatt das zu sein was er ist – ein König im Reich der Toten – dass, was auch immer die Mühsal im Leben sei, es dem an diesem toten Ort vorzuziehen ist.

 

Und so ist es auch mit Liedern. Unsere Lieder leben im Reich der Lebenden. Aber Lieder sind nicht wie Literatur. Sie wollen gesungen werden, nicht gelesen. Die Worte in Shakespeares Stücken wollen auf der Bühne gespielt werden. So wie Lyrik und Lieder gesungen werden wollen, und nicht auf Papier gelesen. Und ich hoffe dass einige von euch die Gelegenheit bekommen, diese Liedtexte so zu hören wie sie gedacht sind: Im Konzert, oder auf Schallplatte oder wie auch immer heute die Menschen die Songs hören.

 

Ich kehre noch einmal zu Homer zurück, der sagt: „Sing in mir, oh Muse, und erzähle durch mich die Geschichte.“ 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Propapanda (Sonntag, 18 Juni 2017 14:13)

    Großartig, die perfekte Grundlage für jede Friedenshobelpreis-Rede.

    Eigentlich wollte ich mich heute tiefer mit der in Köln stattgefundenen #NichtMitUns Demonstration beschäftigen, und was ein Satz auf Twitter anrichten kann, wenn man auf Menschen trifft, die sich vom täglichem medialen Terror mitreißen und verblöden lassen. Von Kollektivschuld und -Strafe. Nun habe ich keine Lust mehr darauf und werde stattdessen mit meinem Fotoapparat, bewaffnet mit ein, zwei kalten Bier, zum See gehen und relaxen. Mir die Sonne auf den Buckel scheinen lassen. Vorher, aber noch, werde ich mir die Pippi aus den Augen wischen.

    Vielen Dank für die Übersetzung.

  • #2

    FritztheCat (Sonntag, 18 Juni 2017 22:42)

    Gute Entscheidung!